100 Jahre Mozartfest

Ganz, als seien nur wir gemeint

Von Jan Brachmann
31.05.2021
, 22:01
Das Mozartfest in Würzburg wird 100 Jahre alt.
Das Mozartfest Würzburg wird hundert Jahre alt, aber es feiert durch seine fantastische Ausstellung nicht sich selbst, sondern seine größte Inspiration – die Musik des Wolfgang Amadeus Mozart.
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Rau und rissig wie die Hand einer greisen Bäuerin oder die Rinde einer wettergegerbten Ulme ist der Klang von Wolfgang Amadé Mozarts eigener Bratsche, als Gérard Caussé sie spielt. Mozarts originale Violine dagegen klingt in den Händen von Renaud Capuçon so strahlend jugendlich, als schrieben wir noch immer das Jahr 1764, in dem sie gebaut wurde. Als sich beide in der innig bebenden Kadenz des todtraurigen Mittelsatzes von Mozarts Sinfonia concertante KV 364 vereinen, wird das seltsame Wechselspiel von Ferne und Nähe dieser Musik zu einem dichten Gleichnis: Das Alte, das die Spuren der Zeit trägt, spricht als Versehrbares ebenso zu uns wie die scheinbar alterslose Schönheit, die über die Jahrhunderte hinweg redet, als hätte sie nie andere Adressaten gehabt als uns.

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Natürlich sind diese alten Instrumente, die hier zum Eröffnungskonzert des Würzburger Mozartfestes im Kaisersaal der Residenz erklingen, Berührungsreliquien. Aber sie sind es eben nicht nur darin, dass sie sich berühren lassen, sondern auch dadurch, dass sie uns durch Mozarts Musik und die Kunst der Solisten, die hier von der Camerata Salzburg und dem äußerst achtsamen Dirigat von Jörg Widmann getragen werden, berühren. Es sind klangliche Ikonen, die darauf achten, wie wir leben. Wir müssen uns ihnen, nicht sie uns gegenüber verantworten.

Seit hundert Jahren gibt es das Mozartfest in Würzburg, fast genauso lange wie die Salzburger Festspiele. Hermann Zilcher hatte es gegründet. Vom Dirigenten Karl Böhm und der Sängerin Maria Cebotari an über den Geiger Yehudi Menuhin bis zum Pianisten Alfred Brendel ist Würzburg ein Jahrhundert lang ein Ort exzellenter Auseinandersetzung mit Mozart gewesen. Diese lange Beschwörung von Gegenwart darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um „ein fragiles Gut“ handele, merkte Würzburgs Bürgermeister Christian Schuchardt in seiner Eröffnungsrede an, die einen Satz enthielt, der aus dem Mund eines aktiven Politikers schwer wiegt: „Ein Bekenntnis bleibt wertlos, solange der politische Wille nicht in Taten mündet.“

Der ebenfalls redende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, in dessen Gefolge sich irritierenderweise Gerhard Schröder befand, hatte es da bequemer, weil er es beim Bekenntnis belassen und die politischen Taten anderen überantworten konnte: „Ohne Mozart und seine Musik würde unserem Selbstverständnis, unserem Weltverständnis und unseren Möglichkeiten, einen Ausdruck dafür zu finden, etwas Wesentliches fehlen.“ Aber Evelyn Meining, die Intendantin des Festivals, spürt natürlich die Erschütterungen, die durch unser Land gehen: den zunehmenden politischen Rechtfertigungsdruck für „Hochkultur“ durch Exklusivitätskampagnen, das schikanöse Klima im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die Zurücksetzung der Kultur in der Pandemie, die sich bei allen Öffnungsszenarien immer hinter dem Einzelhandel und den Friseuren anzustellen hat.

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Und weil Evelyn Meining sich eben nicht ausruhen will bei Konzerten unter Tiepolo-Fresken, bei der Bespielung einer touristisch attraktiven Immobilie also, hat sie die vier Wochen Konzert-Programm, die nun folgen, durchzogen mit Widerhaken. In der Reihe „Wie viel Mozart braucht der Mensch?“ äußern sich Wissenschaftler, Politiker, Künstler und Wirtschaftsfachleute zur Frage nach Sinn und Zukunft von „Hochkultur“. Die Dichterin Ulla Hahn geht gemeinsam mit dem Pianisten Kit Armstrong der „Sehnsucht nach der Anderswelt“ in Zeiten der Künstlichen Intelligenz mit dem Anspruch auf künstlerische Autorschaft nach.

Genau darin berührt sich Ulla Hahn mit Valie Export, deren 2010 entstandene Videoinstallation „Anagrammatische Komposition mit Würfelspiel“ in der Jubiläumssausstellung „Mozart Bilder“ im Kulturspeicher zu sehen ist. Sie folgt der Mozart zugeschriebenen „Anleitung so viel Walzer oder Schleifer mit zwei Würfeln zu componiren so viel man will ohne musikalisch zu seyn noch etwas von der Composition zu verstehen“. Es ist eine Tabelle mit Einzeltakten, die bestimmten Wurfzahlen zugeordnet sind, die man mit zwei Würfeln erzielt. Man kann sie endlos kombinieren zu immer neuen musikalischen Gebilden – die doch alle ähnlich klingen, keine Physiognomie ausbilden und in ihrer überraschungsarmen Wiederholung ein allenfalls unpersönliches Vergnügen von kurzer Dauer bescheren.

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„Imagine Mozart – Mozart Bilder“ ist eine ganz erstaunliche, höchst anregende Ausstellung, die das Mozartfest zusammen mit dem Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg und dem Museum im Kulturspeicher ausrichtet. Ihr Ausgangspunkt ist eines der wenigen Mozart-Porträts, dessen Authentizität verbürgt werden kann. Joseph Lange, ein Würzburger übrigens und ein Schwager Mozarts, schuf es vermutlich 1789. Sein fragmentarischer Charakter, die Zurückgezogenheit in den Akt des Musizierens, die Düsternis und Innigkeit wirken allesamt wie eine Vorwegnahme des romantischen Mozartbildes, das bald darauf von E. T. A. Hoffmann und Søren Kierkegaard ausformuliert werden sollte.

Mozartfest profitiert von seinen Experten

Ulrich Konrad, neben Damian Dombrowski und Andrea Gottdang einer der Kuratoren der Ausstellung, hat um einen späten Mozart-Brief herum, der leider nur im Faksimile zu sehen ist, „Mozart-Originale“ sinnfällig arrangiert. In dem Brief schildert Mozart, auf dem Weg zur Kaiserkrönung Leopolds II. in Frankfurt am Main, seiner Frau Constanze Würzburg als „schöne, prächtige Stadt“, in der er sich „mit koffè gestärkt“ habe. Daneben sieht man eigenhändige Skizzen zur „Zauberflöte“ und zum Requiem, die ein Jahr später entstanden sind. Seit Jahren profitiert das Mozartfest davon, dass mit Ulrich Konrad einer der bedeutendsten Mozartforscher der Welt, der Mozarts Arbeitsweise philologisch detailliert rekonstruieren konnte, an der Würzburger Universität lehrt und seine Forschung einem großen Publikum zugänglich zu machen weiß.

Von den Mozart-Originalen geht der Parcours weiter zur Mythenbildung um Mozart in Bildern und Skulpturen; zu freien Inspirationen für spätere Künstler und zu Arbeiten für die Bühne. Der Anblick von Max Slevogts Gemälde „Das Champagnerlied (Der weiße d’Andrade)“ berauscht unmittelbar. Es zeigt den Bariton Francisco d’Andrade in Lebensgröße im Kostüm des Don Giovanni beim Singen der rasenden Arie „Fin ch’han dal vino“, in der von Champagner gar keine Rede ist, nur von Wein.

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Doch die euphorisch aufperlenden Weiß- und Goldtöne in d’Andrades Gewand werden zum Sinnbild einer epochalen Sektlaune des Wilhelminismus. Don Giovannis Lebensgier aktualisiert sich hier neu in jenem nervösen Vitalismus einer Männerfigur, wie sie Eduard von Keyserling am Beispiel des Günther von Tarniff in „Beate und Mareile“ beschrieben hatte: „Er durchspähte das Leben mit leidenschaftlicher Hast nach Genüssen, als fürchtete er beständig, irgendein Genuss, ein seltenes Glück könnte ihm unterschlagen werden.“

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Die Inspiration reicht bis zu Gerhard Richters „Mozart (472-1)“, einer heiteren Komposition in den Fruchteis-Farben Erdbeer, Zitrone und Brombeer-Hell, sowie dem von Karel Appel stammenden Mohren Monostatos für „Die Zauberflöte“ 2006 in Salzburg, von schwarzafrikanischer Kunst inspiriert, was schon heute so nicht mehr ginge.

Imagine Mozart – Mozart Bilder. Museum im Kulturspeicher Würzburg, bis 11. Juli.

Der vorzügliche Katalog kostet 29 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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