Beethovens Streichquartette

Altersweise? Von wegen!

Von Lotte Thaler
10.08.2020
, 21:00
Daran werden sich alle anderen Ensembles die Zähne ausbeißen: Das Quatuor Ébène legt die neue Referenzaufnahme der Streichquartette Ludwig van Beethovens auf sieben CDs vor.

Noch nie waren wir so weit von unseren Gewohnheiten, unseren solistischen Bezugspunkten und auch von dem entfernt, was man von uns erwartet: in Afrika muss ein Streichquartett alles neu ersinnen, da gibt es keine ausgetretenen Pfade“ – so lesen wir im Reisetagebuch des Ébène-Quartetts über seine Station in Nairobi. Durch achtzehn Länder auf allen Kontinenten führte diese spektakuläre Beethoven-Tournee, die jetzt auf sieben CDs beim Label Erato dokumentiert ist. Und auch wenn das Beethoven-Jubiläum 2020 noch lange nicht vorbei ist, steht schon jetzt der Rang dieser Einspielung fest: als neue Referenzaufnahme, an der sich viele Ensembles in den nächsten fünfundzwanzig Jahren die Zähne ausbeißen können. Ähnlich wie im Jahr 1997 bei der Gesamtaufnahme aller Beethovenquartette mit dem amerikanischen Emerson-Quartett. Nur mit dem Unterschied, dass diese noch eine Studioproduktion der Deutschen Grammophon war, während es sich beim Ébène-Quartett um eine Mischung aus Konzert- und Probenmitschnitten handelt.

Der mitreisende Tonmeister Fabrice Planchat, ein wahrer Hexenmeister am Mischpult, destillierte dabei aus den akustisch so unterschiedlichen Sälen in Philadelphia, Wien, Tokio, São Paulo, Melbourne, Nairobi und Paris eine Art Beethoven-Idealklang, der den ohnehin schon süffig-sinnlichen Quartettklang mit einer räumlichen Aura umgibt. Planchats technische Überhöhung entspricht dabei vollkommen der musikalischen: So „weltlich“ diese Beethoven-Tournee organisatorisch verlief, so weltabgewandt sind die Musiker des Ébène-Quartetts, wenn sie vor den Mikrofonen sitzen. Da werden die teilweise erschütternden Erfahrungen mit Naturschutz, Besuchen in Schulen und Arbeit mit Jugendlichen aus Elendsvierteln zurückgestellt, dann geht es nur noch um Introspektion und Identifizierung mit Beethovens Musik.

Technische Perfektion, Homogenität, intellektueller Anspruch und emotionale Emphase verbinden sich hier in einer bisher noch nicht gehörten Intensität und Unbedingtheit. Der Verdacht liegt nahe, dass das Ébène-Quartett auf seiner Weltreise auch hin und wieder in Beethovens extraterrestrische Regionen gelangt ist, wo normalerweise kein Sterblicher hinkommt. Doch gerade auf jene Bereiche des Visionären, Unheimlichen, Schmerzhaften, des gänzlich Anders- und Einmaligseins zielt diese Interpretation ab, so dass sich die Musiker gelegentlich auch wunderten, warum das Publikum nicht gleich „Reißaus“ nahm. Etwa im Quartett op. 132, mit dem „Heiligen Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart“, neben der Cavatina aus op. 130 das Adagio aller Adagios. Und wenn dieser archaisch tönende Dankgesang ohnehin aus einer anderen Welt herüberweht, so wird er beim Ébène-Quartett durch die Zeit, die es sich dafür nimmt, zur neuen Hörerfahrung: über zwanzig Minuten, ein absoluter Rekord an Langsamkeit.

Tempel der Innerlichkeit

Zum Vergleich: Das Emerson-Quartett braucht fast achtzehn Minuten, während das Kuss-Quartett, das jetzt ebenfalls eine sehr respektable Gesamtaufnahme live aus der Suntory Hall in Tokio beim Label Rubicon herausgebracht hat, mit etwas über fünfzehn Minuten dabei ist. Doch erst durch die Zeitlupe der Ébènes können wir heute wieder ermessen, wie weit entfernt Beethoven von allen gewohnten Empfindungen und Konventionen gewesen sein muss.

Es sind vor allem diese Adagiosätze, welche die Aufnahme der Ébènes zu Tempeln der Innerlichkeit machen, zu Säulengängen, in denen man sich verlieren möchte. Angefangen mit dem „Adagio affettuoso ed appassionato“ aus dem ersten Quartett op. 18 Nr. 1, ein d-Moll-Satz, der bis zum dreifachen Piano zurückgenommen wird, über die beiden Adagiosätze in den mittleren Quartetten op. 59 Nr. 1 und Nr. 2 – existentielle Verlassenheit der eine, zärtlichste Zuwendung der andere – bis zum langsamen Satz in op. 74, dem bis heute leider unterschätzten „Harfenquartett“. Eigentlich müsste es mit den runden, elastischen Pizzikato-Bällen des famosen Cellisten Raphaël Merlin jetzt zum Kultstück aufrücken. Das friedlich anhebende As-Dur des langsamen Satzes trübt sich bald wie von einer dunklen Wolke verdeckt in die auch zu Beethovens Zeit noch weitgehend exterritoriale Tonart as-Moll ein – eine fast erschreckende Fahlheit, die am Satzende mit der Bezeichnung „morendo“ auf den Begriff gebracht wird.

Meister des Übergangs bei vollem Risikoeinsatz

Und größer als hier könnte der Kontrast zum folgenden Satz, einem Presto c-Moll, nicht sein. Als wär’s nicht schon schnell genug, verlangt Beethoven noch zweimal ein „più presto quasi prestissimo“, wie später Robert Schumann in seiner Klaviersonate op. 22, in deren Presto-Kopfsatz es heißt: „so rasch wie möglich“ und später „noch schneller.“

Keine Frage, dass das Ébène-Quartett auch Beethovens Geschwindigkeitsräusche virtuos pariert, ohne je manieristisch oder forciert zu wirken oder jemals in den vielen Läufen durch alle Instrumente hindurch die Balance zu verlieren – sie sind Meister des Übergangs bei vollem Risikoeinsatz. Und die Musiker unterstreichen, dass Beethovens Extremanforderungen in allen Quartettphasen gleich verteilt sind, dass also zwischen den frühen Werken op. 18 und den letzten Quartetten keine prinzipiellen, nur graduelle Unterschiede liegen: Er war von Anfang an radikal und experimentell, widerborstig und provokant. Auch der gängigen Meinung, Beethovens letztes Quartett op. 135 sei eine altersweise Abschiedsgeste, wird heftig widersprochen.

Gestalterische Überlegenheit

Denn ausgerechnet hier findet sich einer der verrücktesten Sätze, die Beethoven je geschrieben hat: ein Vivace von etwas über drei Minuten Dauer, in dem alles außer Kraft gesetzt wird, was selbst bei weitester Auslegung noch als „im Rahmen“ durchgehen würde. Schon der Anfang beschreibt ein Stolpern, die zweite Geige setzt zu früh, die erste zu spät ein – einholen können sie sich nicht. Dann knallt Beethoven auf das Staccato und Pianissimo des Zieltons F (von F-Dur) ein breitestes, „falsches“ Es in einer nach unten verrutschten Oktavlage. In diesen Ton Es muss man sich todesmutig reinstürzen, um ihn alsbald wieder im Diminuendo zurückzunehmen.

Die gestalterische Überlegenheit der Ébène-Musiker kulminiert im Mittelteil dieses Satzes, in dem zweite Geige, Viola und Violoncello sage und schreibe fünfzig Takte lang eine Floskel wie in einer Endlosschleife der Minimal Music wiederholen, während die erste Geige verzweifelt versucht, so etwas wie eine Melodie in der dreigestrichenen Oktave zu finden. Das Ganze ist eine obsessive Klangfläche in ekstatischem A-Dur, ein einziges Decrescendo vom ausgehenden Fortissimo mit zusätzlichen Sforzati zurück über Diminuendo, zweifaches und schließlich dreifaches Piano. Und wie das Ébène-Quartett aus dieser Orgie in das anschließende Unisono in der Ausgangstonart F-Dur zurückfindet, ohne die mindeste Verzögerung, ohne die mindeste Verunsicherung – das muss man hören und immer wieder hören.

Beethoven – Around The World. The Complete String Quartets. Quatuor Ébène. 7 CDs. Erato 0190295339814.

Quelle: F.A.Z.
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