Theaterpremiere in Hamburg

Seine Krankheit heißt Kindheit

Von Simon Strauss
10.09.2021
, 15:10
Die Schöne und der Arglose:  Jens Harzer als Fürst Myschkin kniet neben Marina Galic als Natassja
Hier leidet einer an der Bosheit der Menschen und will trotzdem an ihre Erlösung glauben: Jens Harzer als Fürst Myschkin macht Johan Simons Inszenierung des „Idioten“ nach Dostojewskis Roman am Hamburger Thalia Theater zu einem Ereignis.

Er würde so gerne alles erklären. Und jedem Glauben schenken, der ihn umgibt. Er würde so gerne glücklich sein. An Bäumen vorbeigehen oder an kleinen Kindern und dabei den Sinn des Lebens fühlen. Aber er ist einer, dem nichts gelingt. Der redet, ohne die richtigen Begriffe zu kennen. Der nicht weiß, ob die Menschen ihm Gutes wollen, ob sie wirklich so sind, wie sie sich zeigen. Er hat nichts gesehen, nichts erlebt, er war die meiste Zeit seines Lebens krank. Und ist es noch immer: Etwas zieht an seinem Körper, an seinen Sinnen, zieht und zerrt ihn ins Licht, hin zu den anderen, von denen er ausgelacht und grob eingeschätzt wird. Er ist ein Gottesnarr mit einer Kuhglocke im Jutebeutel, ein Aussätziger, von der Gesellschaft ausgeschlossen und doch auf schmerzhafte Weise abhängig von ihr.

Am Anfang läuft er den Menschen noch hinterher, dieser „Idiot“, imitiert in Chaplin-Manier ihren Gang, ihre Mienen, aber dann, nachdem er geohrfeigt wurde, bleibt er mehr und mehr bei sich und seinen Gedanken, springt nur noch hin und wieder plötzlich vom Stuhl auf, stürzt auf einen Menschen zu, um sich gleich wieder zu beherrschen. Seine Schüchternheit findet keinen Schutz, sie sucht und sucht, aber kommt nirgendwo an. Er ist dazu verdammt, es immer weiter zu versuchen – mit dem Sprechen, mit dem Verstehen, mit dem Lieben. So spielt Jens Harzer diesen Idioten, den epilepsiekranken, nach langer Zeit in seine russische Heimat zurückkehrenden Fürsten Myschkin: als einen Unermüdlichen, der gegen alle Widerstände immer wieder aufs Neue ansetzt. Der jedes Wort von seinem Körper beglaubigen lässt, dessen Schwingungen aufnimmt und gestisch verlängert: in ein Ziehen am Saum des Jacketts etwa oder in einen tänzelnden Schritt. Wenn jemand etwas Aufregendes erzählt, findet sein Staunen Ausdruck in einem schnell hervorgestoßenen „Ei“ oder „Och“ – das klingt nicht arglos, sondern ehrlich verwundert. Als mühe sich hier einer vergeblich, die angemessene Sprache für seine Gedanken zu finden, und nähme stattdessen Zuflucht zu den Lauten. Seine Krankheit heißt nicht Jugend, sondern Kindheit.

Zarte Stimmung

Man kann nicht oft genug sagen, wie ganz und gar außergewöhnlich, wie überwältigend das Spiel von Jens Harzer ist. Wer ihn noch nicht auf der Bühne gesehen hat, der hat bisher das Beste verpasst, was das deutsche Schauspiel im Moment zu bieten hat. Seiner nuancierten, variantenreichen Darstellung zu folgen ist ein großes Ereignis. Er tastet, zittert und phantasiert sich durch diese viereinhalbstündige Adaption von Dostojewskis Schicksalsroman. Seine Kindlichkeit tritt als zarte Stimmung zu Tage: Nicht als Albernheit oder Naivität, sondern als übertrieben geschärfte Empfindungsgabe. Er leidet an der Bosheit der Menschen, aber will trotzdem unbedingt an ihre Erlösung glauben. Er schlägt die Arme hilflos über dem Kopf zusammen und wird in Augenblicken großer Freude plötzlich unendlich traurig, ohne zu wissen, warum. Seine epileptischen Anfälle sind keine Vorzeichen von körperlichem Verfall, sondern „höchste Augenblicke“, in denen er auf einmal alles ganz deutlich vor sich sieht.

Harzer spielt diese Ausbrüche, als wäre ein unheiliger Geist über ihn gekommen, er krümmt und streckt sich, fällt zu Boden, findet keinen Halt für seinen Körper, „keinen Platz in der Gesellschaft“, und führt das alles zusammen in einem markerschütternden Schrei. Aus tiefster Not schreit er zu ihm – Gott Vater, an den er unbedingt glauben will, obwohl ihm gegen die Schmährede des Atheisten die Argumente fehlen, er nur stumm nickend dabeisitzen kann, wenn Ippolit (den Ole Lagerpusch als keuchenden Todesboten gibt) über religiöse Gefühle lästert: „Wozu schafft die Natur höchste Wesen, um sie später mit dem Tod zu verhöhnen?“

Regisseur Johan Simons nutzt nur die einfachsten Mittel, um einen Rahmen zu schaffen für das, was er als schlichtes Sinnbild für das Unglück des Menschen verstanden wissen will: Zu sterben, ohne sicher zu sein, dass etwas bleibt. Wie schon bei Jürgen Goschs bekannter Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“, in der auch Jens Harzer spielte, sitzt das Ensemble auf einer Bank und wartet auf seine Einsätze. Die drehende Bühne von Johannes Schütz ist so übersichtlich wie wirkungsvoll – ein paar Stühle und Tische, ein bisschen Mehl am Boden, ein halber Kamin, eine Kirchenglocke und eine teure Vase, die am Ende zerbricht. Das Holbein-Gemälde vom „Leichnam Christi“ hängt hier nicht in einem dunklen Saal in Rogoschins Haus, sondern wird an eine Stuhllehne gestellt und von herabhängenden Glühbirnen sanft beleuchtet. Überhaupt wirkt dieser Rogoschin viel zu ungestüm und trampelig, um Myschkin ein boshafter Gegenspieler zu sein. Felix Knopp spielt ihn als liebenswerten Bauerntölpel, dessen Grobheiten allein Ausdruck seiner Unvernunft sind. Die Frauen, allen voran Marina Galic als von allen begehrte Natassja und Maja Schöne als ungeliebte Aglaja, treten lachlustig und exaltiert auf, nur um sich vor der für sie alles entscheidenden Frage in Sicherheit zu bringen: „Warum heiraten Sie nicht?“.

Trotz allem verführerischen Spiel umgibt den gesprochenen Text an diesem Abend eine spannungsvolle Unnahbarkeit. Als würde er sich der effektvollen Deklamation zuletzt doch verweigern wollen. Dostojewskis 1868 erstmals veröffentlichter Roman täuscht durch seine vielen Dialoge und unberechenbaren Reaktionen immer wieder vor, ein verkapptes Konversationsstück zu sein. Aber wenn man es dann gesprochen vor sich sieht, dann wirken die Antworten nie ganz passend, dann überfordern die Rollen die Figuren. Der Fürst bringt das gewohnte Gefüge der logischen Ordnung von Aussage und Replik durcheinander. Vom Verstehen zum Sich-verhalten ist es bei ihm nur ein Katzensprung. Er nimmt eine übermäßige Fülle in sich auf – aber beim Wiedergeben des Gehörten verhaspelt er sich. Was man in Hamburg zu sehen bekommt, ist also kein dramatischer, sondern ein poetischer Abend. Eine Adaption im vorsichtigen Sinne: Hier wird das Original angepasst, ohne dabei beschädigt zu werden.

So zeitentrückt die Inszenierung wirkt, so direkt geht uns ihre Essenz an. Uns, die wir gerade auch in einem Augenblick leben, in dem immer „mehr Reichtum, aber immer weniger Kraft vorhanden“ scheint, uns „keine alle verknüpfende Idee mehr“ bindet – schon die Frage nach „allen“ gilt inzwischen als fatal – und vieles „durchfault“ ist, wie der Beamte Lebedjew klagt. Der ergreifende Reiz dieses Romans liegt darin, dass er den längst verhallten Satz vom Sein oder Nichtsein als höchst aktuelles Thema ernst nimmt – Harzers Idiot muss man sich als einen verstoßenen Sohn Hamlets vorstellen.

Quelle: F.A.Z.
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