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Ravi Shankar zum Hundertsten

Der Sonnengott

Von Wolfgang Sandner
Aktualisiert am 07.04.2020
 - 18:01
Vom Guru lernen: Ravi Shankar (1920 bis 2012) mit seinem Schüler George Harrison im Jahr 1967
An diesem Dienstag wäre Ravi Shankar hundert Jahre alt geworden: Eine Erinnerung an den großen Sitar-Meister, der davor warnte, vorschnell einem geistigen Lehrer zu vertrauen.

Vor fünfzig Jahren veröffentlichte der „Rolling Stone“ eine Sammlung mit Interviews, die seit 1967 in dem Magazin erschienen waren. Ganz bewusst wurde zwischen die Gespräche – ausschließlich mit britischen und amerikanischen Rockgrößen von Eric Clapton bis Chuck Berry – eines platziert, das die Journalistin Sue Clark mit Ravi Shankar geführt hatte. Der klassische Sitar-Spieler aus Indiens spiritueller Hauptstadt Varanasi galt in jenen wundersamen Hippie-Tagen als Guru einer ganzen Musikergeneration – gegen seinen Willen, aber keineswegs unverschuldet.

Der Erfolg auf gigantischen Festivals in Monterey, Woodstock oder im New Yorker Madison Square Garden verhalf ihm zu einer Popularität, die selbst seine spektakulären Auftritte mit Yehudi Menuhin oder mit André Previn und dem London Symphony Orchestra weit in den Schatten stellte. Aber auch wenn sein Vorname Ravi im altindischen Sanskrit soviel wie Sonne bedeutet und Shankar als Namensvariante des hinduistischen Hauptgottes Shiva gilt, die Verehrung, die ihm so überschwänglich zuteil wurde, blieb ihm zeitlebens suspekt.

Seiner Autobiographie hat Ravi Shankar bewusst ein Kapitel über die Stellung eines Gurus in der indischen Kultur vorangestellt. Aus westlicher Sicht liest es sich geradezu wie eine Warnung, vorschnell einem geistigen Lehrer zu vertrauen. Und wer die Konsequenzen eines lebenslangen Abhängigkeitsverhältnisses und eines mindestens fünfjährigen Studiums mit täglich achtstündigen Übungen bedenkt, kann verstehen, dass selbst aufrichtig Willige wie George Harrison von den Beatles ihre Sitar-Übungen nach der Verwendung in „Norwegian Wood“ auf dem Album „Rubber Soul“ von 1965 nicht sehr viel weiter verfolgt haben.

Ravi Shankar stand der freundlichen Übernahme östlicher Musik durch junge Musiker in Europa und Amerika eher entspannt gegenüber. Er habe keine Einwände, gegen nichts und Niemanden. Schließlich könne es keine polizeiliche Anordnung geben, nur klassische indische Musik auf dem Sitar zu spielen. In seiner eigenen Musik aber hat er sich vor allem an die Prinzipien hindustanischer Raga-Musik gehalten und als versierter Improvisator neben dem Sitar auch nie westliches Instrumentarium aufgegriffen. Selbst den Werken für Ensembles westlicher Prägung, etwa seinen Concerti für Sitar und Orchester, die so eindrucksvoll von Londoner Orchestern mit André Previn oder Zubin Mehta aufgeführt wurden, liegen traditionelle Ragas zugrunde.

In seinen Solo-Parts hat er die Stilistik indischer Improvisationskunst mit ihren differenziert unterteilten Tonschritten und ihrem Kanon verschiedenster Rhythmus-Patterns selbst nicht verlassen. Bei Auftritten mit anderen Solisten, ob es klassische Interpreten wie Menuhin oder Jazzmusiker wie Bud Shank gewesen sind, kam es eher zu einem souveränen Nebeneinander statt einer nivellierenden Fusion. Er wolle reine Musik, und er mag keine „indischen Cocktails“ hat er einmal gesagt. Wer hören möchte, wie diese phantastische Musik klingt, der kann das jetzt auf der „Ravi Shankar Edition“ in einer 5-CD-Box mit Aufnahmen klassischer Ragas, legendärer Duos mit Yehudi Menuhin bis zu den Sitar-Konzerten nachhören, die bei Warner Classics zu Ravi Shankars hundertsten Geburtstag an diesem Dienstag erschienen sind.

Quelle: FAZ.NET
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