Alexey Botvinov in Bonn

Russisches erwünscht

Von Patrick Bahners
18.05.2022
, 22:18
Der Pianist Alexey Botvinov und der Geiger Daniel Hope nahmen 2019 eine CD mit Werken Alfred Schnittkes im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses auf.
Gibt es gar kein Verbot des ukrainischen Kulturministers, russische Komponisten aufzuführen? So äußerte sich jetzt in Bonn der Pianist Alexey Botvinov, Festivalleiter aus Odessa.
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Der Pianist Alexey Botvinov gründete in seiner Heimatstadt Odessa das Festival Odessa Classics, das in diesem Jahr zum achten Mal stattfindet – allerdings nicht an dem Ort, der ihm seinen klingenden Namen gibt. Wegen des Krieges hat das Festival Asyl in Thessaloniki gefunden. Die griechische Kulturministerin Lina Mendoni nannte die Übernahme der Kosten durch den griechischen Staat gegenüber ihrem ukrainischen Amtskollegen Oleksandr Tkatschenko eine Geste des Dankes dafür, dass Odessa während des griechischen Unabhängigkeitskampfes die Zentrale der griechischen Intelligenzija gewesen sei. Zweihundert Jahre später erwidere man nun diese Gastfreundschaft, während die Ukraine für ihre Unabhängigkeit und die Freiheit der europäischen Nationen kämpfe. Der Konzertwoche im Staatlichen Konservatorium von Thessaloniki vom 9. bis 13. Juni gehen vier Konzerte in Estland voraus.

Nach der griechischen Station geht die Wanderschaft des Festivals weiter, und in die Rolle des Gastgebers wird das Beethoven-Haus in Bonn eintreten. Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat sich als „Schirmfrau“ einer Reihe von Konzerten zur Verfügung gestellt, die vom 5. Juli bis zum 23. August jeden Dienstag im Kammermusiksaal neben Beethovens Geburtshaus stattfinden. Am Montag stellten Botvinov und Malte Boecker, der Direktor des Beethoven-Hauses, in Bonn das Programm vor. Botvinov wird mit seiner Familie in einer Wohnung gegenüber dem Geburtshaus Unterkunft finden. Auch weitere Wohnungen in diesem Haus, die das Beethoven-Haus gewöhnlich an Gäste der Universität vermietet, werden Geflüchteten überlassen, darunter einer von der Dirigentin Oksana Lyniv empfohlenen Regieassistentin und zwei Musikwissenschaftlern. Botvinov kennt den Kammermusiksaal, seit er dort 2019 mit Daniel Hope eine CD mit sämtlichen Werken für Violine und Klavier und Alfred Schnittke aufnahm.

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Elegisches aus dem Land des Feindes

Der Leiter von Odessa Classics wird in jedem der sieben Bonner Konzerte auftreten, mit Kollegen wie Thomas Hampson und Pinchas Zukerman. Im Eröffnungskonzert wird Botvinov mit Hope, der seit 2020 als Präsident des Beethoven-Hauses figuriert, „Pastorales 2020“ von Valentin Silvestrov zur verspäteten Uraufführung bringen, eine Auftragskomposition der Feiern zu Beethovens zweihundertfünfzigstem Geburtstag. Der 1937 in Kiew geborene Komponist war am 27. März Ehrengast im Schloss Bellevue, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dort zu einem „Konzert für Freiheit und Frieden“ geladen hatte. An zwei Bonner Odessa-Abenden steht Sergej Rachmaninow auf dem Programm: das „elegische“ Klaviertrio op. 9 sowie in einem Konzert mit den Brüdern Oleksandr und Roman Fediurko, Pianisten, die erst elf und sechzehn Jahre alt sind, die Elegie op. 3 Nr. 1 und zwei Präludien. Die Frage, ob das das Programm genauso aussähe, wenn das Festival in Odessa abgehalten werden könnte, wurde von Botvinov bejaht.

Oksana Lyniv hat im Interview dieser Zeitung auf eine Verordnung von Kulturminister Tkatschenko verwiesen, die ihr als ukrainischer Staatsbürgerin auch und gerade bei Auftritten im Ausland russisches Repertoire untersage. Botvinov versteht die Vorschriften anders. Er versicherte, sie genau studiert zu haben: Nur lebende russische Musiker, die den Krieg nicht verurteilen wollten, seien unerwünschte Personen, nicht tote Komponisten. Rachmaninow und Tschaikowsky, dessen sechste Symphonie Lyniv vorsorglich aus dem Programm des Eröffnungskonzerts der Ludwigsburger Schlossfestspiele strich, hätten mit Putin nichts zu tun. Es gebe wohl Musiker in der Ukraine, die das Gefühl hätten, jetzt gerade müsse man Russisches doch nicht spielen; das könne er verstehen, sagte Botvinov. Bei Odessa Classics konnten bisher trotz der russischen Annexion der Krim und des latenten Kriegszustands in der Ostukraine auch russische Musiker mitwirken. Weder die ukrainischen noch die russischen Behörden hätten dagegen Einwände erhoben, berichtete Botvinov. So trat der Geiger Vadim Repin auf, der sich immer betont „politisch neutral“ geäußert habe. Den Dirigenten Valery Gergiev und den Pianisten Denis Matsuev hätte er dagegen nicht einladen wollen.

Die Familie Botvinov wird aus ihrer Mansardenwohnung in der Bonngasse auf Beethovens Geburtshaus und dessen historisches Nachbarhaus Im Mohren blicken.
Die Familie Botvinov wird aus ihrer Mansardenwohnung in der Bonngasse auf Beethovens Geburtshaus und dessen historisches Nachbarhaus Im Mohren blicken. Bild: Patrick Bahners

Den entlassenen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker nannte Botvinov einen Teil von Putins System. Er sei „das Hauptsymbol von Putins Vorstellung“ der Beglaubigung von „Macht durch Kunst“. Die Enthüllungen des Investigativteams von Alexej Nawalny über den von Gergiev außerhalb von Russland aufgehäuften Reichtum hätten ihn und seine Freunde nicht überrascht. Muss man im Kontakt mit russischen Kollegen die Politik umgehen? Nein, Botvinov stellte ihnen seit 2014 eine einfache Frage: Unterstützen sie die Annexion oder nicht? Und fragt heute ebenso direkt nach dem Krieg.

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Wegen seiner „großen Verdienste um die Kultur in der Ukraine“ verlieh Wladimir, von 1992 bis 2014 der Me­tro­polit der dem Moskauer Patriarchat unterstellten orthodoxen Kirche der Ukraine, dem Pianisten, der in der Spielzeit 2009/10 Intendant der Nationaloper von Odessa war, 2011 den Orden des heiligen Dmitri. Erst zwei Jahre zuvor hatte die Synode diese Auszeichnung gestiftet; die moskauverbundene Kirche kam damit dem ukrainischen Nationalismus entgegen, indem sie den heiligen Metropoliten Dmitri von Rostow (1651 bis 1709), der im Herrschaftsgebiet der Tataren geboren wurde und ins Kloster des heiligen Kyrill in Kiew eintrat, als ukrainischen Nationalheiligen reklamierte. Seit 2015 trägt Botvinov den Titel eines Volkskünstlers der Ukraine.

Gibt es Elemente eines Nationalstils der ukrainischen Musik? Steht wo­möglich die Änderung nationaler Zuordnungen ins Haus, wie bei Malern der sowjetischen Avantgarde, deren Ruhm gerade mit Unterstützung westlicher Museen, von Russland auf die Ukraine umgeleitet wird? In dem Konzert, das Botvinov mit den beiden jungen Landsleuten bestreitet, werden sie eine Mazurka und das Tongedicht „Désir“ von Wiktor Kossenko (1896 bis 1938) spielen. Kossenko wurde laut Botvinov auch in sowjetischer Zeit immer als ukrainischer Komponist bezeichnet; er habe Motive der ukrainischen Folklore verarbeitet. Das Konzert am 26. Juli wird Botvinov mit seiner Bearbeitung des Nachtgebets aus dem dritten Klavierkonzert von Alemdar Karamanov (1934 bis 2007) beschließen. Der Krimtatar studierte am Moskauer Konservatorium und verbrachte dann laut Botvinov sein gesamtes weiteres Leben auf der Krim. „Wir nennen ihn einen ukrainischen, die Russen einen russischen Komponisten.“

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Quelle: F.A.Z
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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