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200 Jahre Jacques Offenbach

Was kann aus dem Jungen noch werden?

Von Patrick Bahners
 - 11:42
Jennifer Larmore als Großherzogin von Gerolstein

„Boulevard Europe“ ist der Titel der Wanderausstellung, die das Kölnische Stadtmuseum zur Feier des zweihundertsten Geburtstags von Jacques Offenbach am Donnerstag dieser Woche erarbeitet hat. Die Ausstellung zeigt kein einziges Museumsstück, besteht nur aus Plakatwänden. Das hat mit einem Malheur zu tun, das man für einen dummen Zufall halten kann: Wegen eines Wasserschadens ist das Museumsgebäude, das Zeughaus, nur eingeschränkt benutzbar.

Nun ist die Dummheit der unerschöpfliche Stoff, dem Offenbach die Sujets seiner Operetten entnommen hat, und das höhere Recht der Zufälle, die in dieser Gattung oft die Wendepunkte der Handlung markieren, besteht im Spott über die Idee, dass die Vernunft die Welt regiere. Daher muss man dem Rohrbruch im Stadtmuseum wohl einen symbolischen Sinn zuweisen, auch wenn dieses Unglück die große Tragödie des Untergangs des Stadtarchivs vor zehn Jahren lediglich im winzigen Format einer Zimmertheaterfarce wiederholte. Katastrophale Stadtgedächtnisverluste werden provisorisch überbrückt: So ist die Lage in Köln.

Für eine Übergangszeit soll das Stadtmuseum in das Gebäude eines Modehauses für den sehr kostspieligen Bedarf einziehen, das nach 175 Jahren den Geschäftsbetrieb einstellte. Das passt dazu, dass auch die Institution, deren Ehrensache die Offenbach-Pflege sein sollte, ihren Betrieb im Offenbach-Jahr in Behelfsquartieren aufrechterhält: die Bühnen der Stadt Köln. „La Grande-Duchesse de Gérolstein“, Offenbachs Riesenerfolgsstück von 1867, wird nicht im Großen Haus am Offenbachplatz aufgeführt, sondern im Staatenhaus in Deutz. Und damit immerhin dort, wo sich 1799 Isaac Eberst niederließ, der jüdische Musiker, der sich nach seiner Geburtsstadt Offenbach nannte. Isaac Offenbach zog 1816 auf die linke Rheinseite um.

Der lange Weg nach Westen

„Boulevard Europe“: Für Isaacs Sohn Jacob ging die Wanderung nach Westen weiter. Der Vater schickte ihn und den älteren Bruder Juda 1833 nach Paris. Mit den Boulevards, den breiten Pariser Flanierstraßen, haben Offenbachs Stücke gemeinsam, dass sie Hoch und Niedrig zusammenführten und vermischten, im Publikum wie auf der Bühne. Jacques Offenbachs Pariser Leben spielte sich im 9. Arrondissement am Fuß des Montmartre ab, in dessen Rathaus die Kölner Ausstellung im Mai zu sehen war. Dass die Tafeln sich so gut verstauen lassen wie Theaterkulissen, macht eine Tournee mit vielen Stationen möglich. Derzeit ist die Ausstellung wieder in Köln, im Funkhaus des Westdeutschen Rundfunks.

Von den vier Häusern, in denen Offenbach in Paris wohnte, stehen noch drei. Zerstört ist das Haus in der Rue Laffitte Nummer 11, das einem der Groß-Boulevards des Barons Haussmann im Weg stand. Als in Köln nach dem Zweiten Weltkrieg eine Schneise durch die Altstadt geschlagen wurde, legte man die neue Straße nicht für Flaneure an: Die Nord-Süd-Fahrt ist eines der Monumente der autogerechten Stadt. Sie zerschneidet, wie schon Heinrich Böll beklagte, viele Straßen, deren Alter von ihren poetischen Namen bezeugt wird. So auch den Großen Griechenmarkt.

Am Haus Nummer 1 hängt eine Gedenktafel mit Porträtrelief: „In diesem Hause wurde der Komponist Jacques Offenbach am 20. Juni 1819 geboren.“ Dieses Haus: Damit ist nicht das Gebäude gemeint, sondern nur der Ort im Stadtplan. Als Offenbach 1879, ein Jahr vor seinem Tod, seine Heimatstadt zum letzten Mal besuchte, fand er sein Geburtshaus schon nicht mehr vor. Es war 1870 abgerissen worden.

Der Große Griechenmarkt wirkt klein

Was die Migration der Griechen ins Kölner Straßennamenverzeichnis erklärt, ist Gegenstand philologischer Spekulationen der Stadthistoriker. Die vornehmste Hypothese verweist auf Kaiserin Theophanu, die mit Otto II. vermählte Prinzessin aus Byzanz, die in der Abteikirche St. Pantaleon begraben liegt. An eine Straße der Olivenhändler wird man für das zehnte Jahrhundert aber wohl noch nicht denken dürfen. Ein Tourist, der vor der Offenbach-Gedenktafel steht und das Straßenschild liest, könnte beim Adjektiv an ein Beispiel kölschen Humors glauben, in der seltenen Variante der Selbstironie. Die Straße ist winzig. Wer es nicht weiß, sieht nicht, dass hinter der autogerechten Schlucht der Große Griechenmarkt weitergeht.

Allerdings dürfte sich selten ein Tourist in den scheintoten Winkel im Schatten des Fernmeldeturms verirren, obwohl um die Ecke der Offenbach-Hausnummer, in der Sternengasse, das Elternhaus von Rubens stand. Für das Stadtmarketing ist die Offenbach-Erinnerung ein schwieriges Terrain. Gefragt, welche authentischen Orte ein Offenbach-Spaziergang berühren könnte, sagt Mario Kramp, der Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, unverblümt: „Eigentlich nur drei – den Jüdischen Friedhof in Deutz, den Gürzenich und den Dom.“

Auf dem Friedhof befindet sich das Grab von Isaac Offenbach, im Gürzenich wurden auch damals schon Konzerte gegeben, und bei der Dombaufeier im August 1848 dirigierte Jacques Offenbach, der sich 1844 hatte taufen lassen, eine Festmatinee in Anwesenheit des Reichsverwesers Erzherzog Johann. Zerstört ist die Synagoge, als deren Kantor Isaac Offenbach angestellt wurde, ebenso wie das Haus mit der Dienstwohnung des Kantors in der Glockengasse Nummer 7, in unmittelbarer Nachbarschaft des Nachkriegs-Opernhauses.

Ein Stoff aus der Sternengasse

Als die französische Königinwitwe Maria von Medici 1641 nach Köln ins Exil ging, wies ihr der Rat eine Wohnung in dem Haus in der Sternengasse an, in dem Rubens seine Kindheit verbracht hatte – der Maler, der in seinen Gemäldezyklus über das Leben der Königin alle seine Kraft der Idealisierung oder realistisch gesagt: der Beschönigung gelegt hatte. Hätte Offenbach eine Operette in Köln ansiedeln wollen, hätte diese Koinzidenz einen hübschen Stoff geliefert, mit schönen Zumutungen, wie Jacob Burckhardt den Auftrag für den Medici-Zyklus nannte, für Kulissenmaler und Kostümschneider. Die große Arie der Großherzogin von Gerolstein „Ah! Que j’aime les militaires“ hätte Offenbach ins neue Werk übernehmen können.

In der Kölner Geburtstags-Neuinszenierung der Operette aus dem Jahr nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg sind die Soldaten des deutschen Winzfürstentums Gerolstein ein Besatzungsheer: Naturschützer in Hippie-Uniform, die ihr Lager unter dem Banner „Hambi bleibt“ aufgeschlagen haben. In einer Materialschlacht in der Manier von Makart oder Tübke wird dieser Einfall des Regisseurs Renaud Doucet auf der von André Barbe eingerichteten Bühne ins Wimmelbild gesetzt.

Damit die Aktualisierung zur Handlung um den Wachposten Fritz passt, den die Großherzogin in einer Laune zum General befördert, sind im ersten Aufzug einige Verrenkungen nötig. Enttäuschung packt das zunächst geduldige Publikum, als der ganze Aufwand verpufft und das Bühnenbild sich mit dem zweiten Aufzug in einen kreuzfrivolen Operettenhof verwandelt. Etliche Premierenbesucher machten es wie Bismarck, der, wohl von Spionen gewarnt, in Paris am 11. Juni 1867 während des dritten Aktes zigarrerauchend vor der Theatertür gesichtet wurde.

John van Nes Zieglers Zwischenruf

Nur gut, dass die „Großherzogin“ nicht schon 1957 zur Eröffnung des Opernhauses von Wilhelm Riphahn gegeben wurde, bevor der Stadtrat über den Namen Offenbachplatz für den Theatervorplatz an der Nord-Süd-Fahrt abstimmte. Ein Ratsherr der FDP begründete sein Votum damit, dass Offenbachs Operetten in der Kritik der damaligen „lockeren Pariser Verhältnisse“ ihren gesellschaftskritischen Sinn gehabt hätten. „Aber weil sie so zeitbedingt waren, sind die meisten seiner Werke heute völlig vergessen.“ An dieser Stelle verzeichnet das Ratsprotokoll einen Zwischenruf des späteren Oberbürgermeisters John van Nes Ziegler von der SPD: „Na, na!“ Im Geiste dieses „Na, na!“ hat sich im Dezember 2015 die Kölner Offenbach-Gesellschaft gegründet, ein Verein, dem es in gerade einmal drei Jahren gelungen ist, ein Gedenkjahr mit einer Fülle von Veranstaltungen zu organisieren.

Der gewichtigste Grund für die 1957 mit einer Stimme Mehrheit im Rat beschlossene Namensgebung des Offenbachplatzes, dass es sich um einen Akt der Wiedergutmachung gegenüber den vertriebenen und ermordeten Kölner Juden handelte, wurde im Ratsplenum nicht ausdrücklich und willentlich angesprochen, sondern nur in Form eines Freudschen Versprechers. Ein Redner der SPD plädierte für die Bezeichnung „Oppenheim-Platz“. Die Antwort war „schallende Heiterkeit“, wie im Theater. Soeben wurde bekanntgegeben, dass die Familie Offenbach im geplanten Kölner Jüdischen Museum namens MiQua ein eigenes Kapitel erhalten wird.

Da die Kölner Offenbach-Feiern des Jubeljahres im besten Sinne eine Sache von Amateuren sind, hat der stadttypische Größenwahn noch nicht von ihnen Besitz ergriffen. Vorsichtig erwägt man, den Bau eines Offenbach-Denkmals anzuregen. Noch vorsichtiger gibt Niclas Esser vom Stadtarchiv zu bedenken, dass es in Köln schon Offenbach-Denkmäler gebe, wenn man den Begriff des Denkmals alltäglicher fasse, weniger theatralisch. Die 48 Glocken des Ratsturms spielen jeden Tag um 18 Uhr die „Barcarole“ und den „Cancan“. Dieses immaterielle Denkmal des Ephemeren erfasst das Wesen von Offenbachs Musik. Ein Provisorium für die Ewigkeit.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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