„Meistersinger“ in Bayreuth

Sternstunde der Bosheit

Von Jan Brachmann
Aktualisiert am 01.08.2018
 - 15:29
Erotische Reize vor Gericht: Michael Volle als Hans Sachs und Emily Magee als Eva in den „Meistersingern“
Einmal grandios, einmal matt: Die Überarbeitung der „Meistersinger von Nürnberg“ ist als Ganzes ein Fest. Theatralisch effektvoll wird Wagners antisemitischer Diskurs porträtiert. Dafür enttäuscht „Der fliegende Holländer“ die Bayreuther.

Auf die Frage, ob Richard Wagners Musik – und nicht nur sein Schrifttum – antisemitisch sei, kann es nur eine Antwort geben: Ja, na klar! Wenn Musik mehr als ein selbstbezügliches Zeichensystem, also soziales Handeln, kulturelle Praxis sein soll, ist Wagners Musik antisemitisch. Natürlich sagen die Wagner-Verteidiger sofort, es gäbe kein antisemitisches C-Dur. Aber was, bitte, soll denn das?! Dann gibt es auch kein humanistisches D-Dur in Beethovens Neunter. Dann könnten wir mit genau der gleichen Arglosigkeit die Melodie des Horst-Wessel-Liedes zur Europahymne machen.

Der im Dezember 2015 viel zu früh verstorbene Musiksoziologe Christian Kaden hat in der Auseinandersetzung mit Wagners Hetzschrift „Das Judentum in der Musik“ mehrfach darauf hingewiesen, dass Wagner im dritten Aufzug seiner Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ beim Auftritt Beckmessers vor dem Preisgericht einen musikalischen Physiognomieverlust auskomponiert habe – die Entstellung von Beckmessers Gesicht zur Fratze, die die Judenkarikaturen aus Julius Streichers Hetzblatt „Der Stürmer“ vorwegnehme.

Dieser musikalische Physiognomieverlust des Stammelns, der Bedeutungszersetzung, wird durch Wagners Libretto in einen antisemitischen Diskurs eingebettet mit den Bemerkungen von Hans Sachs, dass Beckmesser das gestohlene Preisgedicht sowieso nicht verstehe und durch seine Darbietung „entstellt“ habe. Es sind exakt Wagners Vorwürfe gegen die Juden aus seiner eingangs erwähnten Schrift, nämlich schöpferische Impotenz und Entstellung der deutschen Kunst durch Interpretation. Genau diese Linie von Wagner zu Streicher, von der musikalischen Judenkarikatur in den „Meistersingern“ zur bildlichen im „Stürmer“, hat Barrie Kosky als Regisseur in Bayreuth nachgezeichnet: handwerklich souverän und theatralisch effektvoll.

Kalkulierte Tapsigkeit

Im zweiten Jahr wirkt diese Inszenierung noch stärker als bei der Premiere 2017. Machten im vergangenen Sommer die letzten beiden Aufzüge einen matten Eindruck gegen den komödiantisch so dichten, temporeichen Anfang, so justiert sich jetzt die Erwartung ganz anders. Im Übrigen hat Kosky im zweiten Aufzug deutlich nachgearbeitet, die Beziehungsspannung zwischen den Figuren erhöht und Beckmessers nächtliches Ständchen zu drolliger Wirkung gebracht. Ja, man kann lachen über diesen Beckmesser, man soll es sogar.

Das ist vor allem die epochale Leistung von Johannes Martin Kränzle als Sänger und Darsteller, der die Bosheit von Wagners Judenkarikatur einfängt und uns trotzdem über unsere Befangenheit hinweghilft: Er legt, bei kristallklarer Diktion, die komplexesten Nuancen in seine Stimme – Eilfertigkeit, Unbehagen, Eitelkeit, Kränkung. Kosky hat die Figur Beckmessers ja verknüpft mit jener von Hermann Levi, dem jüdischen Uraufführungsdirigenten von Wagners „Parsifal“. Und wie Levi, der glühender Wagnerianer war, aber als Rabbiner-Sohn die Annahme der christlichen Taufe verweigerte, gibt auch Kränzle einen Mann, der durch Leistung und Regelerfüllung der Herrschaftskultur genügen will, in seiner ganzen Servilität aber trotzdem keine Akzeptanz findet. Er entwickelt dabei eine Bühnenvirtuosität, die sowohl die kalkulierte Tapsigkeit von Hans Moser als auch die verschlagene Unterwürfigkeit von Theo Lingen aus alten Ufa-Komödien in einer Person vereint. Kränzle ist grandios. Wer ihn einmal in dieser Rolle gesehen hat, wird bei jeder „Meistersinger“-Aufführung an ihn denken müssen.

Leichtfüßig wie eine Pariser Operette

Aber die ganze Produktion ist ein Fest, nicht nur wegen der farbenfrohen Kostüme von Klaus Bruns mit all ihren Samtwämsen und bunten Baretten, nicht nur wegen der Bühne von Rebecca Ringst, die aus Wagners Wohnzimmer in der Villa „Wahnfried“ durch die Zeit hinweg in den Gerichtssaal der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse führt. Sie ist ein Fest wegen der phantastischen Sänger, wegen des tollkühnen Daniel Behle als Lehrbube David, wegen Klaus Florian Vogt als Stolzing, der mutig über die Grenzen des schönen Gesangs hinausgeht und phantasievoll seine Widersacher stimmlich karikiert, auch wegen Günther Groissböck als Veit Pogner, der nun zu jener Textdeutlichkeit findet, die sich bei seinem Gurnemanz im „Parsifal“ noch nicht einstellen wollte. Und es gibt mit Michael Volle einen wunderbaren Sachs voller Weisheit, aber auch Selbstgefälligkeit, voll von erotischem Appetit, der seine Melancholie des Verzichts erst tief und teuer macht. Einzig Emily Magee als Eva vermag stimmlich nicht in gleichem Maße mitzureißen.

Eberhard Friedrich hat bei der Einstudierung des Chores ganze Arbeit geleistet. Die Prügelfuge wird gemeistert wie im Schlaf, und schon der erste Auftritt der Lehrbuben ist leichtfüßig wie ein Stück Pariser Operette. Das liegt natürlich auch an Philippe Jordan als Dirigenten, der sich sogar bei den Fanfaren nicht zu behäbigem Zunftflaggenpomp verleiten lässt. Bei Jordan erstrahlen diese „Meistersinger“ als das, was sie, mit all ihren antisemitischen Implikationen, auch sind: ein meisterliches, intimes, ebenso inniges wie heimtückisches Konversationsstück. Der Jubel ist groß in Bayreuth; Kosky tritt sogar allein vor den Vorhang, und das Publikum erhebt sich für ihn.

„Der fliegende Holländer“ fällt dagegen spürbar ab. Die Regie von Jan Philipp Gloger hat zwar eine gute Idee, setzt sie aber theatralisch ungeschickt um: Der Norweger Daland ist ein Fabrikant, der alles in Profit ummünzt – am Ende vermarktet er sogar den Verklärungstod seiner Tochter Senta. Doch die Industriearchitektur von Christoph Hetzer, die Manageranzüge von Karen Jud und die holzgeschnitzten Engelsflügel Sentas inmitten von Versandkartons einer Ventilatorfabrik sind weder witzig noch erhellend, sondern ungelenk. Axel Kober, immerhin, gewinnt der doch recht groben Musik Wagners als Dirigent erhebliche Geschmeidigkeit ab. Auch Peter Rose als Daland, Rainer Trost als Steuermann und Tomislav Mužek als Erik erfreuen durch ihre singspielhafte Leichtigkeit in Stimme und Diktion, während man Ricarda Merbeth als Senta und Greer Grimsley als Holländer nur mit einiger Anstrengung und viel gutem Willen bis zum Ende zuhören mag.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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