Kirchenmusik in Wien

Eine Riesenorgel für den Stephansdom

Von Florian Amort, Wien
Aktualisiert am 24.11.2020
 - 12:29
Prospekt der neuen Orgel im Wiener Stephansdom (Teilansicht)
Nach 45 000 Arbeitsstunden hat der Wiener Stephansdom endlich eine neue Riesenorgel. Sie ist das größte Instrument Österreichs. Und sie füllt auch klanglich den akustisch heiklen Raum.

Achthundert Jahre lang hatte der Wiener Stephansdom allen Widrigkeiten getrotzt; Feuersbrünste, Türkenbelagerungen und Franzosenkriege unbeschadet überlebt. Selbst die zahlreichen Luftangriffe während des Zweiten Weltkriegs konnten die gotische Kathedrale nicht in ihrer Substanz treffen. Es waren Plünderer, die in der Nacht vom 11. auf den 12. April 1945 in den Häusern auf der Westseite des Stephansplatzes Feuer legten und damit das Schicksal des „Steffls“ besiegelten: Ein Funkenregen, angefacht vom starken Wind, ergoss sich über das durchlöcherte Dach und steckte die jahrhundertealten Holzbalken in Brand.

Das „Wimpassinger Kreuz“ aus dem dreizehnten Jahrhundert, das imposante spätgotische Chorgestühl von Wilhelm Rollinger, darüber die barocken Kaiseroratorien und die Chororgel von 1702 sowie viele andere bedeutende Ausstattungsgegenstände wurden ein Raub der Flammen. Brennende Teile fielen auch in die Hauptorgel auf der Westempore, die laut Augenzeugen durch den Kamineffekt einen letzten kakophonen Klageschrei ausstieß, ehe das Pfeifenwerk in sich zusammenstürzte. Nur Stunden später durchschlug die zweiundzwanzig Tonnen schwere „Pummerin“, die größte Glocke und Wahrzeichen Österreichs, das Kirchengewölbe und zerschellte am Boden in tausend Einzelteile.

Direkt nach Kriegsende begann der Wiederaufbau, der unterstützt von zahlreichen Spenden aus der Bevölkerung und der Beteiligung aller Bundesländer zum Symbol der Wiederauferstehung einer ganzen Nation wurde und mit der 1960 geweihten „Riesenorgel“ von Johann M. Kauffmann auf der Westempore über dem sogenannten Riesentor vorerst seinen klanggekrönten Abschluss fand. Auch die Bundesrepublik Deutschland „spendete einen namhaften Betrag für den Bau der neuen Riesenorgel“, wie es auf einer Gedenktafel im Vierungsbereich heißt.

Doch bereits bei der Orgelweihe war die Enttäuschung groß: Das neue, durchaus mit klangschönen Registern ausgestattete Instrument war schlicht nicht raumfüllend. Das Domkapitel sah sich mit dem Vorwurf der „Freunderlwirtschaft“ konfrontiert, wo noch dazu die Orgelbaufirma Kauffmann auf kein Referenzinstrument dieser Größenordnung verweisen konnte. Mit der Inbetriebnahme der neuen Chororgel 1991 im Apostelschiff, die von Anfang an als neues Hauptinstrument geplant wurde, entschied man sich drei Jahre später angesichts sich mehrender Mängel und Kurzschlüsse, die „Riesenorgel“ vom Netz zu nehmen und das Gebläse auszubauen.

Das unbefriedigende Klangergebnis hatte vor allem zwei Gründe. Zum einen ist der Dom ein akustisch heikler Raum. Das Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts neu gebaute Netzrippengewölbe folgt der damals beliebten Form der Pseudobasilika: Das Gewölbe des Mittelschiffs ist rund fünf Meter höher angesetzt als die der beiden Seitenschiffe. Riesige Bogenzwickel, Hunderte von Quadratmetern nackter und schallabsorbierender Sandstein sind die Folge, die zusammen mit den zahlreichen Verzierungen im Dominneren den Klang wie ein Schwamm schlucken. Selbst eine mit hundert Instrumentalisten und riesigem Chor besetzte Bruckner-Messe dringt von der Westempore nicht in den Altarbereich vor.

Zum anderen musste bei der Gewölbeerhöhung aus statischen Gründen auf der Westempore ein Schwibbogen eingefügt werden. Kauffmanns Kardinalfehler war es, wichtige Teilwerke seiner Orgel hinter diesen Bogen zu plazieren, was die Klangabstrahlung erheblich beeinträchtigte. Dass Pfeifen hinter einer eineinhalb Meter dicken Sandsteinwand nicht gut klingen können, ist trivial, jedoch muss man den Orgelbauer vor zu viel Häme in Schutz nehmen. Denn die Idee, die komplette Dommusik auf der Westempore zu plazieren, ist ein Raumkonzept der Nachkriegszeit und das Produkt einer Liturgiereform, die eine Kirche als einen einzigen Großraum begreift.

In der langen Geschichte des Stephansdomes gab es eine Reihe von unterschiedlichen Musizierorten, deren Reste teilweise noch heute im Langhaus sichtbar sind, wie beispielsweise der Füchselbaldachin von 1448 oder der berühmte Orgelfuß des Meisters Anton Pilgram von 1513. Die Westempore war hingegen von Anfang an als repräsentativer Bereich für den Landesfürsten konzipiert. Erst 1720 errichtete dort Ferdinand Römer die erste Orgel, die jedoch nicht zu begeistern vermochte. Nach mehreren Um- und Neubauten gelang es schließlich 1886 der Ludwigsburger Orgelbaufirma Walcker im barocken Gehäuse von 1720 ein adäquates Instrument zu realisieren, das jedoch 1945 vollständig verbrannte und mit der „Riesenorgel“ von 1960 keinen adäquaten Nachfolgerbau fand.

Als 2008 die bis zu elf Meter hohen und 430 Kilogramm schweren Prospektpfeifen der mittlerweile denkmalgeschützten Orgelruine abzustürzen drohten, packte der neue Domkapellmeister Markus Landerer die Gelegenheit beim Schopfe und initiierte das Wiener Domorgelprojekt. Sieger eines internationalen Wettbewerbs war die Orgelbaufirma Rieger aus Vorarlberg, die bereits mit zwei kleineren Instrumenten im Dom vertreten war. Nach mehrjähriger Planung und etwa 45000 Arbeitsstunden fand der Neubau unter Beibehaltung des sechzig Jahre alten, auf eine moderne Formensprache zurückgreifenden eleganten Orgelprospekts von Dombaumeister Kurt Stögerer mit der feierlichen Weihe am 4. Oktober seinen Abschluss. Eine umfangreiche, beim Verlag Schnell & Steiner erschienene Festschrift dokumentiert den Ab- und Aufbau, begleitet von wissenschaftlichen Aufsätzen und historischem Bildmaterial.

Klanglich orientierte man sich am Vorvorgängerbau, der Walcker-Orgel mit ihrem deutsch-romantischen, streicherdominierenden Profil, übernahm aber auch rund die Hälfte des Pfeifenmaterials aus der Kauffmann-Orgel. Dabei war es dem Domorganisten Konstantin Reymaier wichtig, dass jedes Register einen klanglichen Mehrwert mit sich bringt. Dank einer technisch ausgeklügelten Aufstellung musste nur das Großpedal hinter den zuvor mit Holz verkleideten Schwibbogen gestellt werden. Dynamische Expressivität durch mehrere schwellbare und im Klangcharakter ganz unterschiedlich gestaltete Werke sowie seltene Register wie „Wienerflöte“, „Harmonika“, aber auch ein Glockenspiel, eine Hochdruck-Tuba und die großbesetzte Trompeteria weisen die Orgel explizit als modernes Konzertinstrument aus.

Es mag verwundern, dass bei einem Budget von drei Millionen Euro mit Ausnahme des über eine Tonne schweren, mobilen und mit allen technischen Finessen ausgestatteten Generalspieltischs mit fünf Manualen sich optisch im Dom nichts verändert hat. Klanglich überzeugt jedoch das mit 185 Registern und 12616 Pfeifen größte Musikinstrument Österreichs. Fünfundsiebzig Jahre nach Kriegsende hat der Stephansdom wieder eine seinem Ruf gerecht werdende Orgel: zur Ehre Gottes, zur Freude der Menschen und als Mahnerin des Friedens.

Quelle: F.A.Z.
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