Husumer Klavierraritäten

Die Klage der verwundeten Kathedrale von Reims

Von Gerald Felber
16.08.2022
, 13:22
Nicolas Stavy im Rittersaal des Schlosses vor Husum.
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Wer kennt die pianistische Weltkriegsdichtung von Mel Bonis? Wer den Ernst der Polyphonie von Arno Babadjanian? Solche Schätze werden bei den „Raritäten der Klaviermusik“ gehoben.
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Letztlich weiß man erst hinterher, was wirklich auf einen zugekommen ist: „Entscheidend is’ auf’m Platz“ – nicht nur im Fußball. Auch wenn einer wie Peter Froundjian, 1987 Gründer der Husumer „Raritäten der Klaviermusik“ und seitdem im Zusammengehen mit der Stiftung Nordfriesland deren unermüdlicher Organisator, die hier gespielten Stücke fast immer schon gut kennt und ebenso das Gros der Künstler, weil viele von ihnen gern wiederkommen, wenn sie einmal im „Schloss vor Husum“ antreten durften: Was dann beim Zusammentreffen von Werken, Interpreten und Hörern wirklich geschieht, hat unausrechenbare Variable, die bis in die Temperatur und Luftfeuchtigkeit des Raumes reichen.

Das ist zwar in jedem öffentlichen Konzert so, doch im stimmungsvollen, akustisch wie atmosphärisch hoch sensiblen Husumer Rittersaal mit seinem prächtigen Spätrenaissance-Kamin, den Adelsbildnissen und freien Ausblicken ins Geäst der Parkbäume erlebt man es in einer viel direkteren, eingreifenderen Weise. Die Begegnung zwischen der Tastenmusik und ihren Empfängern wird hier wieder, was sie ihren Ursprüngen und Intentionen nach eigentlich war und sein sollte: ein intimer Vorgang staunender Anverwandlung.

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Dabei traf man im nachmittäglichen Eröffnungskonzert des laufenden Jahrgangs mit Jean-Paul Gasparian und dessen Kollegen Paul Guinery am Abend gleich auf zwei extrem divergierende Künstlerpersönlichkeiten und Programmkonzepte. Letzterer spielte nicht weniger als vierzehn Einzelstücke von zwölf verschiedenen Künstlern, fast durchweg aus radio-, bühnen- und vor allem filmmusikalischen Zusammenhängen; anfangs meist eingängig-sahnig mit dem etwas ausgeblichenen Charme seelenstreichelnder Stimmungsmusik, deren Botschaft selten über das Wohl oder (öfter) Wehe erotischer Sentimentalitäten hinausging. Auch das konnte in Guinerys fluffig-leichthändiger Vermittlung einige Laune machen, aber kaum mehr. Später, als der Pianist, als langjähriger Funkmoderator mit der Dramaturgie sanft verführender Übergänge gut vertraut, zunehmend Melodramatisches, Patriotisches und einige schräge Humoresken untermischte, um schließlich mit Richard Addinsells pathetischem „Warschauer Konzert“ in die Zielgerade einzubiegen, gab er seinem Katalog der Zwanziger bis Sechziger doch noch eine verdichtende Steigerung.

© ClasseekMusic/YouTube

Damit war er dann allerdings gerade an jenen Punkt gekommen, mit dem Gasparian vier Stunden vorher gleich eingesetzt hatte, ohne im Folgenden den Klammergriff seiner bronze-muskulären Klangpakete irgendwann wieder so zu lockern, dass man auch nur an ein kurzes Durchatmen hätte denken können. Mächtig, gewaltig – aber nicht ganz ohne Blessuren, weil manchmal die innere Organik litt: Wo die mächtige Pranke des gerade 26 Jahre alten Franzosen hinfiel, flossen dann nicht Balsam noch Blütennektar, sondern eher hochverdichtetes Kerosin und dampfendes Stierblut. Bei Alexander Skrjabin, dessen Stücke er in umgekehrter Chronologie – die zuletzt entstandenen voran – präsentierte, um stufenweise die gewitterstürmischen Aufwallungen der (strukturell noch eher konservativen) dritten Sonate anzusteuern, kamen dabei weniger dessen visionär-metaphysischer Überbau, die irisierenden Spektralbögen und fahl-abgründigen Nervenreizungen zum Tragen als ihr kochteerig brodelnder, düster gewaltsamer Gefühlsurgrund.

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Noch besser profitieren konnte von den zyklopischen Klang-Machtspielen des Interpreten der sowjetarmenische, 1983 gestorbene Komponist Arno Babadjanian – schon zu Lebzeiten im toten Winkel hinter seinem Landsmann Chatschaturjan und nun in Husum eine Neuentdeckung –, weil sie seinem geradlinig-direkten, auch folkloristisch inspirierten Zugriff entgegenkamen. In der experimentierfreudigen, spröd-sperrigen „Poly­phonischen Sonate“ von 1947 brachte Gasparian eine imponierende Synthese von Kraft und Intellekt zustande, und drei zugegebene Debussy-Préludes zeigten nochmals, wozu der Künstler imstande ist, wenn bei ihm Vitalität und Formbewusstsein zum Ausgleich kommen.

© Nicolas Stavy - Thema/YouTube

Auch Gasparians Landsmann Nicolas Stavy hat das Pianissimo nicht gerade erfunden, setzte aber seinen kraftvollen Zugriff temperierter ein und ließ beispielsweise das wehmütig-abendrötliche Versinken der Variationen aus dem B-Dur-Streichsextett von Brahms in des Komponisten eigener Klavierfassung zu einem tief berührenden Erlebnis werden. Während sein Brahms-Spiel ansonsten einem etwas schwerblütigen Lyrismus folgte, brachte er mit vier Werken Gabriel Faurés reichhaltigere und lichtere Farben zum Klingen, besonders in den flammzüngelnden Arabesken des h-Moll-Nocturnes op. 119, einem ganz späten Stück des Komponisten. Nicht immer fügten sich, wie hier, alle Formteile zu einer geschlossenen Erzählung, doch mit der zwischen 1858 und 1937 lebenden Komponistin Mel Bonis setzte Stavy einen weiteren neuen Namen auf die Husumer Sternenkarte; ihre „Ca­thédrale blessée“, entstanden 1915 nach dem barbarischen Beschuss der Kathe­drale von Reims, erwies sich als monumentales Programmstück von edler Trauer, widerständig ohne Wehleidigkeit.

So hören die Entdeckungen noch lange nicht auf; und die verschworene Gemeinschaft der Pianophilen, viele seit Jahren untereinander bekannt, nimmt solche anregenden Geschenke gern auf, komplettiert schon Bekanntes und bleibt neugierig auf Weiteres. Als handfeste Ergänzung zum letztjährigen Leopold-Godowsky-Vortrag von Jeremy Nicholas (F.A.Z. vom 19. August 2021) gab es in diesem Jahr die schon damals geplante Ausstellung mit Notendrucken, Platteneditionen und Programmheften (zwischen 1901 und 1933) des auch als Komponist und Bearbeiter produktiven Spitzenpianisten; die schwungvoll-präzise Eleganz seiner Notenschrift, durchrankt von zarten Fingersatz- und Dynamikangaben, mag manchem geradezu als Pendant seiner Interpretationsweise erscheinen. Doch auch in solch möglichen Querverbindungen bleibt ein Stück Geheimnis, und vielleicht ist es genau das, was Stammgäste und glückliche Novizen – das Platzangebot im Rittersaal ist auf maximal 160 beschränkt – gleichermaßen suchen: die Unausschöpfbarkeit des Schöpferischen und die Chance, daran eigene Phantasien freizusetzen.

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Quelle: F.A.Z.
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