Theaterpremiere in Berlin

Geistergespräche über die Leere

Von Simon Strauss
29.07.2021
, 22:25
Es will ihnen einfach nicht gelingen: Caroline Peters und Christoph Gawenda in Simon Stones „Yerma“-Adaption
Schicksalsfragen des mittelständischen Kulturmilieus im Spiegel einer alten, traurigen Geschichte: An der Schaubühne adaptiert Simon Stone „Yerma“ nach Lorca.
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Wer in die Schaubühne geht, schaut in den Spiegel. Der sieht kein großes Kino, keine avantgardistische Theaterkunst, der bekommt sich selbst zu sehen, in all seiner kleinen Oberflächlichkeit. Der hat das Gefühl, er könnte auch zwei Straßen oder drei Hauptstädte weiter sitzen, in einer der Charlottenburger Altbauwohnungen oder im neubürgerlichen Zentrum von London oder Paris. Es überkommt einen, kaum hat man hier als Zuschauer Platz genommen, das seltsame Gefühl, unter Selbstbeobachtung zu stehen, nicht von fremden Blicken gebannt zu werden, sondern von Vertrauten etwas erzählt zu bekommen, das man so oder so ähnlich auch schon einmal gesagt, gedacht oder gefühlt hat. Vielleicht gerade gestern, bei diesem Abendessen auf der Dachterrasse, als es um Obdachlosigkeit ging oder sich die Tischnachbarin über den Rassismus der Arbeiterklasse beklagte und auf einmal Streit ausbrach, weil irgendjemand das Thema Erbschaftssteuer zu ernstnehmen wollte. Oder eben, als die erfolgreiche Kunstagentin freudestrahlend ihre zweite Schwangerschaft verkündete und sich die Mienen des gastgebenden Pärchens plötzlich schmerzhaft verzogen.

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Die beiden trifft man wieder, an diesem Sommerabend im Westen Berlins: Hinter blank geputzten Glasscheiben liegen Caroline Peters und Christoph Gawenda champagnerschlürfend auf dem Fußboden ihrer neuen Zweihundert-Quadratmeter-Wohnung und erzählen sich schmutzige Sachen, geben an mit ihrer unverfrorenen Art, über Sex, Pornos und ihre Schambehaarung zu reden, ganz lässig, ohne Druck, ohne Folgen, und plötzlich sagt sie, als wäre es ein weiterer schlüpfriger Scherz, dass sie gern Kinder hätte. Eines oder zwei, Zimmer gäbe es ja jetzt genug und der Augenblick – sie 38, Chefredakteurin einer wichtigen Zeitung, er, seit kurzem gut im Geschäft und unter der Woche mit leichter Ledertasche auf dem Weg zu den Investoren – sei günstig. Ja, sagt er etwas zögerlich, ja, das könne er sich auch vorstellen: ein Kind, Vater sein, die Windel wechseln – zumindest hin und wieder.

An irgendetwas muss es ja liegen

Vor den beiden liegen nun fünf qualvolle Jahre, in denen Yerma, so heißt hier die Verfasserin eines viel gelesenen Gesellschaftsblogs, alles daran setzt, schwanger zu werden. Sie plant, sie verkrampft, sie nimmt Hormonpräparate. Aber es will einfach nichts werden. In ihrem Blog schreibt sie mit böswilliger Offenheit über ihre missgünstigen Gefühle, wenn sie von der Schwangerschaft ihrer jüngeren Schwester hört, schreibt über eine mögliche Potenzstörung ihres Mannes (die sich als Irrtum herausstellt), schreibt über die Mitschuld ihrer gefühlskalten Mutter. An irgendetwas muss es ja liegen, dass sie, die sonst immer Erfolge einfährt, hier scheitert, dass ihr „Uterus leer bleibt“. Mit der Zeit wird sie immer zynischer, immer feindseliger, das Mutterglück der Anderen widert sich an.

Manchmal kommt ihre eigene Mutter – die von der beglückenden Ilse Ritter lebensklug und abgrundkomisch gespielt wird – vorbei und bestellt eine halbe Peking-Ente, aber von dem Ausmaß der Zerstörung im Innenleben ihrer Tochter macht sie sich keine Vorstellungen. Irgendwann verliert Yerma den letzten Rest Vertrauen, ihr Mann fleht sie an, aufzuhören mit der zwanghaften Gier nach Befruchtung, aber er verkennt die Kraft des Triebes, der von ihr Besitz ergriffen hat: „Ich kann nicht aufhören, ich kann es einfach nicht“, bekennt sie und sinkt, überwältigt von den eigenen Ansprüchen an ihren Körper in die Knie.

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Eine Prise Selbstkritik am eigenen Milieu

Caroline Peters‘ Spiel mit dem ausdrucksstarken Christoph Gawenda ist hyperrealistisch, ausgeleuchtet bis in die kleinste Kehre ihrer Empfindungsstruktur, alles wird nach außen getragen, kein Geheimnis, keine Undeutlichkeit bleibt zurück. Das Verständnis für die Schicksalsfragen der modernen mittelständischen Lebenswelt ist das, worum es Regisseur und Adapteur Simon Stone am entschiedensten geht. Seine Bearbeitungen von klassischen Stoffen sind an deutschsprachigen Stadttheatern auch deshalb in den letzten Jahren so erfolgreich, weil sie im schützenden Windschatten der ausländisch-australischen Herkunft etwas bei uns in Verruf Geratenes zeigen: ein well-made play, eine mit präzisem Sinn für Timing und Schauspielkunst aufwartende Inszenierung, zugänglich, unterhaltsam, technisch und dramaturgisch gekonnt und immer mit einer bittersüßen Prise Kritik am eigenen Milieu. Vom ursprünglichen Stoff – hier steht Lorcas „Yerma“ im Hintergrund – bleibt nie viel und doch immer genug, um ihn nicht zu verraten. Stone, der auch als Filmregisseur erfolgreich ist und zuletzt etwa das Archäologie-Melodram „Die Ausgrabung“ mit Ralph Fiennes präsentierte, hat nichts übrig für die spieltheoretischen Selbstkasteiungen oder medialen Allmachtsfantasien postdramatischer Theaterregie. Stattdessen nimmt er sich mit hemdsärmeliger Geste der verstoßenen Waisenkindern des klassischen Kanons an und päppelt sie für die an schnelle Filmschnitte gewöhnte Theatergeneration der Gegenwart wieder auf.

Preis der transformativen Erzählweise

Der Zeitgeist kommt hier stets ganz handgreiflich auf Freischwingern daher und hüllt sich mit britischer Lockerheit in die alltäglichen Markenklamotten des psychologischen Realismus. Kein Wunder daher, dass diese „Yerma“-Inszenierung in anderer Besetzung 2016 schon einmal am Londoner Young Vic bejubelt wurde. Der Preis, den Stone für seine transformative Erzählweise zahlt, lässt er seine Figuren selber ansagen: „Wir sind solche Klischees“, ruft Caroline Peters und: „Das klingt alles sehr kommerziell“. Und doch verwandelt gerade sie den sauberen Glaskubus durch die derbe Klarheit, die hier ihr Spiel und Sein bestimmt, gekonnt in einen albtraumhaften Zwinger.

Am Ende taumelt sie von ihrem Mann verlassen mit einem Messer in der Hand von einem Black ins nächste. Sicher zu viel des Guten, um etwas vom Bösen zu zeigen, das dem Menschen innewohnt Aber der Schrecken des Alltags, wenn er zur Hölle der Selbstansprüche wird, fährt einem doch in die Glieder. Noch einmal ein Blick in den Spiegel, dann vertreibt das Publikum seine zur Schau gestellten Geister mit lautem Fußgetrampel und Beifallsgebrüllt.

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Quelle: F.A.Z.
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