Dokumentar-Oper in Stuttgart

Das Geheimnis des Giftopfers

Von Kerstin Holm
30.07.2021
, 20:56
Gesang von der Suche nach einer neuen Sprache: Die Vocalsolisten Truike van der Poel, Daniel Gloger, Martin Nagy, Guillermo Anzorena und Andreas Fischer.
Sergej Newski hat eine Dokumentar-Oper über Selbstzeugnisse Homosexueller in der frühen Sowjetunion geschrieben, auf der Grundlage von sensationellen Briefen an den Psychiater Wladimir Bechterew. Jetzt wurde das Stück in Stuttgart uraufgeführt.

Russlands Emanzipationsgeschichte vollziehe sich als Rondoform: Auf den Aufbruch folge unbedingt die Repression, erklärte die Moskauer Theaterkritikerin Marina Dawydowa bei der Einführung zu Sergej Newskis Dokumentaroper „Die Einfachen“, die Briefe russischer Homosexueller aus dem Jahrzehnt nach der Oktoberrevolution in Musik setzt. Die dem Werk zugrundeliegenden Texte, die an den früh mit der Sowjetmacht kollaborierenden Psychiater, Gehirn- und Reflexforscher Wladimir Bechterew (1857 bis 1927) gerichtet sind, hatte die russische Historikerin Ira Roldugina, die im Theater Stuttgart per Zoom aus Moskau zugeschaltet war, in Bechterews Archiv gefunden.

Es sind Selbstzeugnisse junger Männer, aber auch einiger Frauen aus bäuerlichen Verhältnissen, die das eigene Geschlecht erotisch begehren und während der noch freizügigen Jahre 1925 bis 1927 dem Gelehrten darüber berichteten, weil dieser die seit der Februarrevolution entkriminaliserte Homosexualität erforschte und darüber Vorträge hielt. 1934 wurde dann die „Sodomie“ wieder unter Strafe gestellt und das Zeitfenster der persönlichen Freiheiten geschlossen, sagte Dawydowa, die den Vorgang mit dem 2013 in Russland erlassenen Gesetz gegen homosexuelle Propaganda – nach den superliberalen neunziger Jahren – vergleicht. Dieses törichte Gesetz habe freilich dazu geführt, versicherte die bekennende Lesbierin Roldugina, dass die LGBTQ-Gemeinde die eigene Geschichte mit umso mehr Engagement erschließe.

Geflohen aus Ehe und Familie

Die Briefe, die eine große Offenheit, aber auch oft beeindruckende Distanz zum schreibenden Selbst an den Tag legen, sind umso wertvoller, als viele Homosexuelle jener Zeit Zeugnisse aus Angst vor Verfolgung vernichteten. Newski hat sein Werk „Die Einfachen“ (Russisch: Prostyje) genannt nach der Selbstbezeichnung der Gay-Subkultur der kleinen Leute – Arbeiter, Angestellte, Studenten – im nachrevolutionären Leningrad. Freilich, zumindest die Lebensbeschreibung seiner Zentralfigur, des sibirischen Bauernsohns Nika Poljakow, ist hochkomplex. Poljakow charakterisiert sein Naturell als ausgesprochen „weiblich“, er schlage sich nie, liebe Handarbeit, Sauberkeit, Ordnung und Harmonie, weshalb er oft Konflikte schlichte, auch zwischen Paaren, und leicht Freunde finde. Wie viele seiner Schicksalsgenossen wurde Poljakow in seiner Jugend verheiratet und entfloh seiner Frau und Familie. Doch dann bildete er sich im Selbststudium, ging sogar nach Deutschland, wo er die Zeit des Ersten Weltkriegs im Gefängnis verbracht haben will, und fand – eine glückliche Ausnahme unter seinen Schicksalsgenossen – einen Partner fürs Leben. Aus dem frappierend wortgewandten und reflektierten Poljakow entwickelte Newski seine elaborierteste Partie, die wie auch die vier anderen synchron in Deutsch gesungen und in Russisch gesprochen wird.

Auf der schwarzen Bühne des Stuttgarter Theaterhauses hat der Regisseur Ilya Shagalov ein Triptychon aus Bildschirmen aufgebaut, auf denen die Videogesichter der Moskauer Schauspieler erscheinen, deren Texte Übertitel ins Deutsche übertragen, bevor fünf Sänger der Neuen Vocalsolisten sie in eine dreiviertelstündige Madrigalkomposition transferieren. Der anmutige Igor Bychkov vom Moskauer Gogol-Center gibt den Sibirer Poljakow, der selbstbewusst Bechterews Hypothese anficht, Homosexualität sei vor allem anerzogen – denn er selbst sei genauso erzogen worden wie seine „normalen“ Brüder und Schwestern. Der Countertenor Daniel Gloger intoniert Poljakows Erinnerungen an den ersten Freund in einem stockenden Rezitativ, wobei er immer wieder Konsonanten behaucht artikuliert, bevor er sich zu Koloraturfragmenten aufschwingt und so die Suche nach einer Sprache ohrenfällig macht. Mit ihm alterniert und verschlingt sich die Linie des Tenors Martin Nagy, der mit breiter Palette zwischen Quietschgeräusch und Sphärengesang die Verzweiflung eines von unerwiderten Leidenschaften verzehrten Lehrers beschwört. Glutvoll erhebt sich darüber der Mezzosopran von Truike van der Poel mit dem Lamento einer Studentin, die behauptet, wie ein Mann zu fühlen, Frauen liebt und von einer Geschlechtsumwandlung träumt.

Gemorphte Vielstimmigkeit: Die Neuen Vocalsolisten im Kontrapunkt mit sich selbst.
Gemorphte Vielstimmigkeit: Die Neuen Vocalsolisten im Kontrapunkt mit sich selbst. Bild: Martin Sigmund

Als symbolischer Adressat der poetischen Polyphonie sitzt der bärtige Bariton Guillermo Anzorena in der Mitte und stützt das Ensemble mit einer Bassvokalise. Chromatisch modulierend und polymetrisch miteinander verzahnt, finden die Stimmen zu einer Art Choral zusammen, der das Unverstandensein, die ständige Angst vor den eigenen Gefühlen besingt, während Videoanimationen wildwuchernde Blüten im leeren Kosmos schweben lassen. Schließlich mischen sich die Gesichter der Sänger mit denen der Schauspieler, und eine Briefpassage von Poljakow, worin er die Normalität der Homosexualität verteidigt und ihre Legalisierung prophezeit, erklingt als aus dem russischen Sprechtext mit einem gesungenen Kanon per Morphing verschmolzenes Manifest. Im September wird das Stück auf der Biennale in Venedig gespielt werden.

Die Rondoform des historischen Stoffs, von der Dawydowa sprach, ist freilich noch nicht auskomponiert. Roldugina stieß bei ihren Recherchen auch auf Verhörprotokolle des 1933, nach einer Razzia der Geheimpolizei GPU, in Leningrad verhafteten Poljakow, der andere „Päderasten“ verriet, aber auch seine unglaubliche Lebensgeschichte bestätigte. Poljakow und sein mitverhafteter Lebenspartner wurden zu drei Jahren Lager verurteilt, aber nur von Letzterem ist bekannt, dass er die Zwangsarbeit überlebte und freikam.

Bechterew war im Dezember 1927 von Stalins Leibarzt gebeten worden, ihn wegen seines verkrüppelten linken Arms zu konsultieren. Nach einer dreistündigen Untersuchung kam er zu dem Befund, Stalin leide an Paranoia, was er nur dem Leibarzt gesagt haben soll. Doch noch am selben Tag wurde Bechterew bei einem Theaterbesuch vergiftet, und seinen Arzt, der ihn zu Hause aufsuchte, begleiteten zwei Mediziner, die offenbar dem GPU angehörten und so lange bei dem Patienten blieben, bis dieser tot war.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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