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Donaueschinger Musiktage

Wege aus der Beliebigkeit

Von Max Nyffeler
 - 12:19
Szene aus dem „Trio“ von Simon Steen-Andersen

Beim Kaffee zwischen den Konzerten oder abends im Wirtshaus kann man in Donaueschingen so manches hören, was nicht so richtig ins Bild des florierenden Festivals passt, das in seiner Schlussbilanz gerade die stolze Zahl von „rund 10.000 Besucher*innen“ vermelden konnte. Etwa die Meinung eines großen Veranstalters, dass die fetten Jahre der Postmoderne, als alles, was landauf, landab produziert wurde, problemlos den Weg in die Medien und damit in die Öffentlichkeit fand, vorbei seien.

Woran liegt es? An der Beliebigkeit des Angebots? Braucht es Themenfestivals mit einem verständnisfördernden roten Faden? Liegt es an den Redaktionen, die der Minderheitenkunst nur noch in Ausnahmefällen einen Platz einräumen? Am kulturaffinen Publikum, das sich heute lieber in den Social Media herumtreibt, als sich eine Stunde lang auf ein Stück Musik zu konzentrieren? Es gibt jedenfalls Grund zur Vermutung, dass der qualifizierte ästhetische Diskurs sich zunehmend auf Fachkreise beschränkt und es die Einbettung in Trendthemen oder alltagsnahe Narrative braucht, um komponierte Musik heute noch in eine größere Öffentlichkeit zu transportieren.

Das alles kann ein Festival wie Donaueschingen nicht groß scheren. Mit dem SWR hat es einen großen Sender im Rücken, der für eine trimediale Verbreitung sorgt, und im neuen Rundfunkintendanten einen Fürsprecher; bei seiner Rede zur Verleihung des Karl-Sczuka-Preises für neue Radiokunst hielt er mit seiner Sympathie für das Festival nicht zurück. So unangefochten wie heute, zwei Jahre vor seinem Hundertjahre-Jubiläum, stand das Festival im Schwarzwald schon lange nicht mehr da. Auch der Streit um die Fusion der beiden rundfunkeigenen Sinfonieorchester, die jahrelang die Gemüter erregte, scheint heute Geschichte zu sein.

Komposition aus Versatzstücken

Das nun ausschließlich in Stuttgart beheimatete Orchester setzt mit dem Eröffnungs- und dem Schlusskonzert wie eh und je die stabilen Eckpfeiler des Programms. Auffallend war das breite Spektrum der sieben Uraufführungen. Es reichte vom munteren Animationsprojekt mit Blasrohren von Eva Reiter über die klanglich erfinderischen „Mysterious Benares Bells“ von Michael Pelzel bis zu den inhaltlich ernster gestimmten Kompositionen „Klangor“ von Lidia Zielińska und „Melancholie“ von Saed Haddad. Gerade Zielińskas Stück zeigte, dass mit einem subtil erweiterten, raumgreifenden Orchesterklang auch auf nichtexperimentelle Weise viel Neues gesagt werden kann.

Die Extreme bildeten hingegen die langen Schlussstücke der beiden Konzerte. Während man am Sonntagabend mit einem einschläfernden halbstündigen Monolog des Schweizers Jürg Frey auf den Nachhauseweg geschickt wurde, verging beim Auftakt am Freitag in dem um die Hälfte längeren „Trio“ des Dänen Simon Steen-Andersen die Zeit im Flug. Er montierte die drei traditionsreichen Klangkörper des Rundfunks, Big Band, Chor und Sinfonieorchester, zu einem ebenso witzigen wie kulturkritisch gewitzten Ganzen – Medienkunst auf höchstem Bastlerniveau.

Die auf Sekundenbruchteile genau getimten Schnipsel aus klassischen Orchesterwerken werden zudem auf atemberaubende Weise mit der Videoebene verzahnt. Hier sieht und hört man in Archivaufnahmen aus der Zeit des Schwarzweißfernsehens frühere Größen, wie sie dieselben Musikbruchstücke proben: Den knurrigen jungen Celibidache, den um Inspiration bettelnden Carlos Kleiber, den zappeligen George Solti, den charismatischen Duke Ellington. Postmodernes Komponieren mit Versatzstücken, ausnahmsweise ohne Beliebigkeits- und Retrocharakter, sondern geschichtsbewusst und formal brillant. Und extrem unterhaltsam. Dass das SWR-Orchester dem multimedialen Stück seinen Orchesterpreis zuerkannte, zeugt von einem offenen Horizont.

Wie gut ist der Computer?

Ist Glück messbar? Mit der naiven Annahme, Dur-Dreiklänge förderten das Glücksempfinden, versuchte Matthew Slomowitz eine Antwort per Orchester zu geben. Auf abstrakterer Ebene wurde die Frage, ob und wie menschliche Verhaltensweisen und Emotionen zu digitalisieren und damit zu quantifizieren sind, im Programmschwerpunkt „Künstliche Intelligenz“ abgehandelt. Mit dem Thema werden gegenwärtig ganze Zeitungsseiten gefüllt, und da will die Musikavantgarde nicht zurückstehen. N. Katherine Hayles (Los Angeles) gab in ihrem Vortrag einen Einblick in die Problematik.

Vor einem Jahr stellte der englische Computermusikspezialist Nick Collins bei den Darmstädter Ferienkursen ein selbstgebautes Programm vor, mit dem der Computer Musikstücke nicht nur analysieren, sondern angeblich auch bewerten kann, wobei sich natürlich die Frage der Qualitätskriterien stellt. Er scheint er in der Lage zu sein, männliches und weibliches Komponieren zu unterscheiden, aber bis zur Transsexualität ist er offenbar noch nicht vorgedrungen. Auch kann das Programm Klaviermusik nach vordefinierten Kriterien sortieren, ihr also bestimmte Wertigkeiten zuordnen.

In Donaueschingen wurden nun drei Klavierstücke aufgeführt, die auf diese Weise aus einer Menge von Einsendungen ausgewählt worden waren. Wie Joseph Houston am Flügel technisch eindrucksvoll demonstrierte, ist ihnen bei aller Verschiedenheit im Detail eine aufwendige Virtuosität gemeinsam. Im Mittelpunkt steht die Maschine Klavier, der Eindruck ist kalt und unpersönlich. Was Collins in dem im Programmheft abgedruckten Gespräch mit Festivalleiter Björn Gottstein sagt, könnte als Motto über dieser Demonstration stehen: „Die Antwort auf die Frage, wie gut Computer hören können, ist komplex.“

Klänge von erlesener Farbigkeit

Das menschliche Ohr wurde diesmal in Donaueschingen auf vielfache und fruchtbare Weise gefordert. Zu den starken Eindrücken zählte „Poética del espacio“, ein anderthalbstündiges Werk von Alberto Posadas, das vom Klangforum Wien unter Sylvain Cambreling zu großer Entfaltung gebracht wurde.

Posadas‘ Komponieren ist stark instrumentenbezogen: Der spezifische Charakter wird vor allem bei den Bläsern stark ausgeweitet, aufgerauht und mit Obertönen angereichert. Im Ensemblekontext entstehen damit Klänge von erlesener Farbigkeit und Intensität – eine Art von instrumentaler Klangsynthese, die jeden Computer überflüssig macht.

Das Füllhorn neuer Werke wurde auch in den Konzerten mit dem Ensemble Resonanz und dem Ensemble Intercontemporain reichlich ausgegossen, wobei es allerdings vereinzelt auch beim Tröpfeln blieb. So etwa beim vielbeschäftigten Beat Furrer, der von seinem Klarinettenkonzert nur den ersten Satz ablieferte und das Publikum aus der Ferne via Ansage grüßen ließ. Unterschiedliches auch bei den vielen Klangkunstevents und Sonderveranstaltungen. Am Angebot an Neuem fehlt es nicht, der Besucher kann sich herauspicken, was ihm gefällt. Und sich fragen, wie lange dieses spannende Tischleindeckdich wohl noch Bestand hat.

Quelle: F.A.Z.
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