„Drei Mal Leben“ in Berlin

Überforderte Gastgeber

Von Simon Strauss
Aktualisiert am 18.01.2020
 - 10:47
Drei Abende, zwei Paare, kein Problem: Judith Engel, Nico Holonics, Constanze Becker und August Diehl auf der Bühne des Berliner Ensembles
Nicht zu leiden reicht nicht: Andrea Breth inszeniert am Berliner Ensemble „Drei Mal Leben“ von Yasmina Reza in prominenter Besetzung. Amüsant ist der Abend nur in wenigen Momenten.

Als Luc Bondy im Jahr 2000 das fünfte Stück von Yasmina Reza in Wien uraufführte, standen in New York noch die zwei Türme. Da waren die Banken noch nicht gefallen, da telefonierte man noch mit Nokia-Handys und fühlte sich in der Ironie sicher. Da konnte man ein Stück schreiben, in dem zwei Paare sich nichts Wesentliches zu sagen hatten und Wissenschaftssatire darin bestand, eine plötzliche Verdammnis über einen Akademiker zu fingieren, weil irgendwo ein Aufsatz zum selben Forschungsthema erschienen war.

Wo Männer ungescholten von Frauen träumten, die man „von Zeit zu Zeit abschalten kann“, und gegen die gähnende Langeweile des Daseins mehrere Packungen „Schokofingers“ herumgereicht wurden. Nein, wir wünschen sie uns nicht zurück, diese alten Zeiten. Nicht, wenn sie uns so müde und harmlos zuzwinkern wie aus Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“. Es reicht nicht aus, keine echten Leiden zu haben, man muss auch einigermaßen bedeutungsvoll darüber sprechen können, was Leere heißt. Und nicht nur Kindergeschrei wegkuscheln und beim Sancerre bleiben.

Drei Abende in einem mittelständischen Wohnzimmer. Zwei Paare zwischen vierzig und fünfzig treffen unerwartet zusammen. Hubert ist einflussreicher Labordirektor und Hobby-Charmeur, Henri erfolgloser Forschungsbeauftragter am Astrophysikalischen Institut und von seiner Gunst abhängig. Die Frauen sind die Gegenbilder ihrer Männer: Sonja ist eine erfolgreiche Geschäftsführerin, Ines eine trunksüchtig Unbeschäftigte. Drei Mal setzen sie sich zusammen auf die halben Sofaecken und reden um den lauwarmen Brei herum: Welche Erziehungsprinzipien wirken, was Karriere und Erfolg bedeutet, wer schuld daran ist, dass die Ehe den Bach runtergeht. Drei Mal tun sie das unter leicht verändertem Versuchsaufbau, mit unterschiedlichen Haltungen, vor allem Henri wandelt sich vom opportunistischen Kriecher über den ausfälligen Betrunkenen zum souveränen Forschungspartner auf Augenhöhe. Dafür allerdings, dass das Ganze drei unterschiedliche Versionen eines Lebens darstellen soll, ändert sich zu wenig, bleiben die vier Pseudokontrahenten allzu Ähnliche.

Keine Umstände machen wollen

Constanze Becker und Nico Holonics treten in Berlin als überforderte Mittelstandseltern und überraschte Gastgeber auf, die nichts mehr im Kühlschrank haben, August Diehl und Judith Engel als befreundetes Ehepaar, das eine allzu offensichtliche Neigung hat, den Partner vor fremden Augen zu demütigen. Es geschieht nicht viel an diesem gut zweistündigen Abend, alles bleibt in der Schwebe, nichts tritt wirklich zutage. Die wiederkehrende Beschwichtigungsformel des Gastes, bloß „keine Umstände machen zu wollen“, wird hier ambitionslose Realität: Es werden weder Zu- noch Umstände gezeigt, keine zerstörerische Kraft, keine tiefere Einsamkeit bricht sich Bahn. Die Figuren wirken flach und durchsichtig, wie Hüllenwesen, die kein Innenleben besitzen.

Andrea Breth, die mit dieser Inszenierung von Wien nach Berlin zurückkehrt, setzt dem spannungslosen Charakter des Stücks nichts entgegen, lässt es vielmehr um der leichten Lacher willen einfach laufen. Amüsant ist der Abend nur in wenigen Momenten – wenn Judith Engel dem All beschwipst seine Abhängigkeit erklärt („Was wäre das Universum ohne uns?“) oder plötzlich alle vier im Halbdunkel anfangen zu tanzen. August Diehl, auf dessen Auftritt man sich besonders gefreut hatte, enttäuscht mit einer wie nach Vorschrift gespielten platten Selbstgefälligkeit. Die wenigen Mienen, die sich auf seinem zeitlos schönen, allerdings leider die meiste Zeit im Halbprofil gehaltenen Gesicht spiegeln, lassen ahnen, was mit ihm möglich gewesen wäre. Wozu er imstande sein könnte. Aber nicht in diesem Stück, nicht in dieser Inszenierung.

So plätschert der Abend mehr dahin, als dass er fließt, nirgendwo tut sich eine überraschende Strömung auf, nichts kann hier wirklich aus dem Ruder laufen. Stattdessen prätentiöse Psychonummern und lasche Jokes – es bleibt beim Ausschnitt aus dem Durchschnitt.

Was viele Reza-Stücke stark macht: Der Moment, in dem triviale Ereignisse zur totalen Eskalation führen, Paar-Gebäude, die nach außen intakt scheinen, aber von innen her vollkommen verrottet sind, mit einem Handschlag in sich zusammenfallen, die wütende Mischung aus Hysterie, Missgeschick, Unterwerfung, Dominanz, Irrationalität und Vorhaltungen – hier fehlt all das.

Statt ständig wechselnder Familienfrontkämpfe wie in „Gott des Gemetzels“ oder absurd sublimierter Verzweiflung wie in „Kunst“ begnügt sich der Anspruch der Komödie in „Drei Mal Leben“ damit, die Paranoia eines Wissenschaftlers auszuschlachten, der um die Originalität seiner Untersuchung fürchtet: ob nämlich die galaktischen Halos aus dunkler Materie flach sind oder nicht. Nico Holonics gibt ihn als gemütlichen Superdaddy mit weitem Wollpullover und kreisender Fußspitze. Eine Brille hat er nur, um sie gewichtig in der linken Hand zu schwenken, seine Worte spricht er so gepresst, als würde er sie am liebsten unterdrücken. Seinen variantenreichen Körperbewegungen schaut man gerne zu, aber wirklich bedeutsam werden auch sie nicht.

Nicht viel also lässt die bedeutende Regisseurin das Berliner Publikum diesmal von ihrer Meisterschaft sehen, von ihrem berühmten „poetischen Realismus“ sind alle Spuren verwischt. Und so verlässt man das Theater mit dem Gedanken, dass es inzwischen bessere Rezas gibt. Ayad Akhtar zum Beispiel, der den schlagfertigen Konversationsstil und die abgründige Paarkonstellation von ihr übernimmt, aber mit ideologischen Streitfragen unserer Zeit kombiniert. Oder auch Maja Zade, die ebenfalls am Boulevard entlangschreibt, aber die dröhnende Einsamkeit und glatte Oberfläche gegenwärtiger Mittelständler überzeugender in Szene setzt. Ja, die Zeiten haben sich verändert, seit Reza ihr fünftes Stück schrieb. Damals schien das lose Anzitieren eines angeblichen Endes der Geschichte irgendwie ausreichend. Heute will man sich damit nicht mehr zufriedengeben. Es fehlen einem die Charaktere. Die Konflikte. Und die Umstände. Die muss das Theater seinem Publikum nämlich bieten, sonst ist es nichts als Revival.

Quelle: F.A.Z.
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