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Dirigent über Heinrich Schütz

„Einer der intelligentesten Komponisten aller Zeiten“

Von Gerald Felber
 - 22:57
Der Dresdner Kammerchor mit seinem Dirigenten (Mitte)zur Bildergalerie

Herr Rademann, 2006 haben Sie Ihre Gesamteinspielung der Werke von Heinrich Schütz mit dem Dresdner Kammerchor begonnen, deren letzte Produktionen nun in den nächsten Monaten erscheinen werden. Fast vierzehn Jahre mit Schütz, der beherrschenden Gestalt deutscher Musik im siebzehnten Jahrhundert, gleichsam als Grundton zum sonstigen, weitgespannten Repertoire – macht das etwas mit einem?

Ja, das tut es. Man lernt – und das kommt einem dann auch bei späteren Komponisten zugute – auf die Klarheit der Wort-Ton-Beziehungen zu achten und aus ihnen heraus die Interpretationen zu gestalten. Da geht es nicht so sehr, wie dann später von der Bach-Zeit bis ins zwanzigste Jahrhundert, um Grundstimmungen, die sich in langen Linien entwickeln und an bestimmte melodisch-rhythmische Formeln gebunden werden, sondern wirklich um ein „Nachlesen“ und klangliches Verbildlichen der Botschaften jeder einzelnen Textsequenz: Wortgruppe für Wortgruppe, Satz für Satz, bis sich daraus ein Ganzes fügt.

Das klingt anstrengend – nicht nur für die Interpreten, auch für die Hörer.

Ja, es ist nicht so massentauglich wie eine schwungvolle Belcanto-Arie oder ein moderner Pop-Titel. Aber es macht vielleicht mehr Spaß beim Mitgehen und Entschlüsseln, weil Schütz als einer der intelligentesten Komponisten aller Zeiten umwerfende Bilder zu setzen versteht. In einer seiner „Symphoniae Sacrae“ gibt es diese bekannte Stelle aus dem Lukas-Evangelium: „Was siehest du einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahr?“ – und hier komponiert er nun diesen „Balken“ als einen überlangen und aufdringlichen, quer gegen die anderen Stimmen stehenden Ton: Sichtbehinderung als Klangbehinderung sozusagen. Oder die Motette „Ich bin ein rechter Weinstock“, zu der mir eines Tages, als ich unsere Radebeuler Weinberge bei Dresden sah, aufging, dass Schütz genau solche Terrassenstrukturen mit ihren rhythmisch versetzten Stützmauern gleichsam ins Musikalische übersetzt und poetisch-rhetorisch abgebildet hat.

Nur dass der Hörer, wenn er sie hört, meist gerade keine Weinberge vor Augen hat.

Ja, es braucht bildliches Vorstellungsvermögen, es braucht aber vor allem erst einmal ungestörte Zeit, inneren Freiraum und den Willen, sich wirklich konzentriert auf diese Angebote einzulassen, sie nicht nur im Vorbeigehen mitnehmen zu wollen. Das ist so ähnlich wie bei hochwertigen Comics, die man oft auch nicht gleich mit dem ersten Blick verstehen und durchdringen kann. Was wir dabei als Interpreten tun können, ist vor allem: plastisches Musizieren bei optimaler Textverständlichkeit, um entsprechende Assoziationen zu öffnen. Trotzdem wird sicher nicht jede Pointe „landen“ und oft eine gewisse Mehrdeutigkeit bleiben. Aber Schütz drängt doch sehr nachdrücklich in bestimmte Richtungen und tut schon von sich aus vieles, um uns bei der Verbindung von Worten und Klangbildern auf den „rechten Weg“ zu bringen – zum Beispiel durch die wörtliche oder variierte, einmalige oder mehrfache Wiederholung bestimmter Wendungen. Bei ihm gibt es keine quasi „zufälligen“, nur ornamentalen Wiederholungen; sie haben immer etwas zu sagen und zu bedeuten, er setzt sie wie Punktscheinwerfer ein.

Nun sind es aber ja immer noch zwei verschiedene Dinge, eine Musik rational zu verstehen – oder sich dann auch emotional von ihr ergreifen zu lassen.

Jedenfalls ist Emotionalität, genau durch diese rhetorischen Mittel, von ihm gewollt. Wenn er die Texte – meist sind es ja solche aus der Bibel – verdeutlicht, will er, dass ihre Botschaften in uns eindringen. Doch natürlich gibt es da eine Riesenspanne bei einem Komponisten, der wie Schütz 87 Jahre gelebt und sechs Jahrzehnte lang komponiert hat. Die „Italienischen Madrigale“, mit denen er 1611 während seiner ersten Venedig-Reise debütierte, sind ganz weltliche, leidenschaftlich bewegte Liebesschmerz-Poesien in kunstvoller Polyphonie; seine späten Passionen, ein halbes Jahrhundert danach, konfrontieren uns mit radikal kargen Klängen auf einem quasi heruntergedimmten Energielevel. Das kann weh tun, aber gerade nicht durch theatralische Überwältigung, sondern umgekehrt: weil so wenig passiert. Da wird jeder einzelne Tonschritt zum Ereignis.

Was allerdings einer Rezeption, die heute eher auf ein ständiges Informations-Bombardement ausgerichtet ist, diametral entgegenläuft.

Ja, dem aktuellen Zeitgeist macht er es schwer: Seine Stücke sind nicht oberflächlich, sie nehmen sich Zeit, ihnen liegen vorwiegend geistliche Texte zugrunde. Andererseits wird ja gerade viel über Spiritualität geredet. Da scheinen sich eine heimliche Sehnsucht und ein Verlustgefühl auszusprechen. Aber bei Schütz ist diese Spiritualität einfach da, muss nicht gesucht oder herbeigeredet werden und findet oft absolut originelle Ausdrucksformen: die Art, wie er manche Litaneien sprachlich „durchzieht“, erinnert mich öfter an Rap – man wird vom Rhythmus der Sprache fortgetragen. Der wachsende Publikumszuspruch der letzten Jahre zeigt deutlich, dass immer mehr Hörer bereit sind, sich darauf einzulassen – auch wenn das manchmal Geduld und sogar eine gewisse Lernanstrengung kosten kann.

Könnte man Ihre eigene Arbeit an Schütz mit dem Kammerchor in diesem Sinne ebenfalls als einen nun bald auf achtundzwanzig CDs dokumentierten Lernprozess bezeichnen?

Ganz sicher, schon deshalb, weil es ja bei diesem Komponisten noch keine gefestigten, quasi kanonisierten Aufführungstraditionen gibt; eine Reihe von Stücken aus seinem über fünfhundert Positionen umfassenden Werkverzeichnis haben wir überhaupt zum ersten Mal eingespielt. Bereits früher wurde er von Fachleuten und Kennern hoch respektiert, galt aber als eher streng und nüchtern. Dann versuchte man solchen Beurteilungen mit großen Besetzungen und einer üppigen Klangentfaltung zu begegnen – dafür stehen zum Beispiel die Aufnahmen des Dresdner Kreuzchores unter Rudolf Mauersberger und Martin Flämig aus einer Zeit, in der ich selbst als Kruzianer meine ersten Chorerfahrungen gesammelt habe. Doch damals gab es auch schon den Musikwissenschaftler Wolfram Steude, der Schütz unter den Gesichtspunkten der historischen Aufführungspraxis quasi neu entdeckte und mich bei meinen allerersten Versuchen Ende der 1980er Jahre genauso mit schärfster Kritik wie mit nachhaltigem Zuspruch ins Laufen brachte.Ihm haben wir bis heute viel zu danken. Gleichzeitig forderte dieses Hineindenken in die damalige Musizierpraxis eine enorme Anstrengung, weil keine Werkserie der anderen gleicht und ständig neue Besetzungsvarianten, Staffelungen im Raum – er arbeitet oft mit mehreren getrennten Klanggruppen – und entsprechende Mikrofonaufstellungen erkundet werden mussten. Insofern war Schütz nicht nur ästhetisch, sondern bereits logistisch eine Herausforderung. Was ich aber dabei gemerkt habe: Je mehr unser Vertrauen in diesen Komponisten gewachsen ist, desto freier sind wir im Umgang mit ihm geworden – und diese Freiheit und Begeisterung würden wir nun gern weitergeben.

Quelle: F.A.Z.
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