Rainald Goetz in Düsseldorf

Also lautet der Beschluss

Von Patrick Bahners
27.09.2021
, 14:26
Zeuginnen der Anklage, im Sprachgitter gefangen: Sabine Waibel, Melanie Kretschmann, Claudia Hübbecker, Ines Marie Westernströer (von links nach rechts), vier der sieben Darstellerinnen des großartigen Ensembles der Köln-Düsseldorfer Goetz-Inszenierung
Ein Gerichtsdrama in der Tradition von Peter Weiss fällt sich selbst ins Wort: Stefan Bachmann inszeniert in Düsseldorf „Reich des Todes“ von Rainald Goetz.
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Dantes „Göttliche Komödie“, das sagte der Kölner Romanist Andreas Kablitz soeben im Deutschlandfunk, unterscheidet sich von anderen Klassikern der Weltliteratur dadurch, dass man den Text schlecht ohne Erläuterungen versteht. Auch Kurt Flasch, der die hundert Gesänge vor zehn Jahren in betont schlichte deutsche Prosa übertrug, um den Dichter aus der Obhut der Philologen zu befreien, sah sich genötigt, seiner Übersetzung eine „Einladung, Dante zu lesen“, beizugeben, einen zweiten Band, der als erster gelesen werden wollte. „Reich des Todes“, das Theaterstück von Rainald Goetz, das am 11. September vergangenen Jahres in Hamburg uraufgeführt wurde, spielt, wie sein Titel ankündigt, in der Hölle. Es zitiert den Präsidenten Bush und dessen Minister, Sicherheits- und Rechtsberater, die nach dem Terrorangriff des 11. September 2001 die amerikanische Republik in einen Schattenstaat verwandelten, der sich das Recht zu Folterungen außerhalb des Territoriums der Vereinigten Staaten zusprach, vor ein Totengericht.

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Goetz stellt sich in die Tradition von Peter Weiss, der 1965 unter dem Titel „Die Ermittlung“ Auszüge aus dem Frankfurter Auschwitz-Prozess auf die Bühne brachte, zusammengestellt zu einem „Oratorium in 11 Gesängen“, das ursprünglich als Beginn einer Trilogie angelegt war, die zu den Topoi des Purgatoriums und des Paradieses hätte fortschreiten sollen. Wo aber Weiss Drama und Gerichtsprotokoll fusionierte, indem er in kondensierter Form die Mitschrift herstellte, die in der deutschen Strafprozessordnung nicht vorgesehen ist, da reißt Goetz mit einem nachgereichten Machtspruch das Höllendrama wieder in Stücke. Fünf klassische Akte lang waltet eine unheimliche Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Indem der fromme Präsident, der diabolische Vizepräsident und ihre akademisch höchst gebildeten Schreibhandlanger schon im Moment des Anschlags den vorsorglichen Gegenschlag gegen jedermann beschließen, befinden sie sich schon im Inferno; sie müssen nicht erst dorthin verbracht werden wie die Opfer ihrer Anordnungen nach Guantánamo oder Abu Ghraib. Im Stück tragen sie Namen aus der deutschen Kriegsgeschichte, weil die Theologie kein Vergleichsverbot für Untaten kennt.

Der Gerichtssaal ist ein Duplikat des Lagers

Laut den Überschriften des fünften Aktes findet „Der Prozess“ dann in einem „Camp Justice“ statt. Der Gerichtssaal ist ein Duplikat des Lagers, dessen Einrichtung und Unterhaltung der Gegenstand des Prozesses ist, wie die Körperstrafen von Dantes Verdammten die für ihre Laster charakteristischen Leibesbewegungen in karnevalesker Umkehrung nachbilden. Aber dann wird ein Satz gesprochen, der diese kunstvoll hergestellte poetische Gerechtigkeit Makulatur werden lässt: „BESCHLUSS ergeht ohne mündliche Verhandlung.“ Das ist ein Zitat aus den beliebigen Akten eines gleichgültigen Falls, eine Gabelungsregel des deutschen Prozessrechts: Ein Gericht kann zwei Sorten von Entscheidungen fällen, ein Urteil aufgrund einer Hauptverhandlung und einen Beschluss nach Aktenlage. Das Stück legt diesen inhaltsleeren Leitsatz poetologisch aus, als Kritik des dokumentarischen Dramas in der Manier von Weiss. „Die Räume richtig auseinanderhalten. Das Theater ist kein Gericht, und wenn auf der Bühne der Satz gesagt wird, die Verhandlung ist hiermit eröffnet, muß der Aufschrei aus dem Publikum kommen: LÜGE.“

Müsste nicht spätestens jetzt der Aufschrei „Lüge!“ aus dem Publikum des Düsseldorfer Schauspielhauses kommen, wo „Reich des Todes“ in der Inszenierung von Stefan Bachmann, dem Intendanten des Kölner Schauspiels, einer Koproduktion mit seinem Haus, zwei Wochen nach den feuilletonistischen Feiern zur zwanzigsten Wiederkehr des Totenreichsgründungstages Premiere feiert? Der Status der Verfügung über den Beschluss ist dubios. Mit diesem Satz bezieht sich der Text auf sich selbst. Er ist Teil eines Textteils, der selbst Beschluss im Sinne der zweiten Bedeutung des Wortes im grimmschen Wörterbuch ist, deutsch für Conclusio oder Finis. So stand, wie das Wörterbuch vermerkt, auf alten Theaterzetteln: „zum Beschluss“.

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Auf den vermeintlichen Schlussakt lässt Goetz einen großen Block zusammenhängender Prosa folgen. Dass dieser Beschluss ohne mündliche Verhandlung ergeht, ist aber offensichtlich unwahr. Denn was haben wir in den vorangegangenen zwei Stunden der Ausnahmezuständigkeitsfragerunden und des Befehlskettengerassels anderes erlebt als einen Exzess der Mündlichkeit, die Simulation von Handlung durch Verhandlung? In der von Karin Beier eingerichteten Hamburger Uraufführung sprach das Ensemble die Konklusion im Chor. Bachmann, der das Gruselkabinett der Bush-Krieger komplett weiblich besetzt hat, schickt Melanie Kretschmann zurück auf die Bühne. Die Kölner Schauspielerin hält einen Packen DIN-A4-Blätter in der Hand und begrüßt Düsseldorf verlegen und entschlossen wie ein Slam-Debütant auf dem Weg ans offene Mikrofon. Sie fängt an und hört gar nicht wieder auf.

Die Ausdauer spielerischer Grausamkeit

Was sie vorträgt, ist keine Einladung, Goetz zu sehen – das hat man gerade hinter sich gebracht. Eher kommt es einer Ausladung gleich: ein theatertheoretischer Traktat, der die Rechtsbegriffsverrenkungen im Keller des Weißen Hauses mit der Ausdauer spielerischer Grausamkeit souverän überbietet, als annotierte ein wiedergeborener Hegel die gesammelten Schriften von Markus Gabriel. Dann und wann lässt die Rednerin ein Blatt zu Boden fallen, und bald argwöhnt man, dass das viel zu selten passiert: Wie können so viele hochtrabende Worte auf so relativ kleinen Schnipseln Papier stehen? Irgendwann geht das Licht im Saal an. Wir hören den Kommentar zum Gesehenen. Er kann nachgereicht werden, weil man das Stück auch ohne Erläuterungen versteht.

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„Die Ermittlung“ ist über weite Strecken aus Zitaten von Bernd Naumann, dem Gerichtsberichterstatter der F.A.Z., komponiert. Das Werk hatte eine aufklärerische Funktion, weil nicht jedermann Zeitung liest und die Welt über den Sachverhalt informiert werden musste. Die Texte, auf denen die Anklage gegen Bush et alii beruht, sind dagegen kaum ernsthaft geheim gehalten und im Internet ständig reproduziert worden. Wo der Text von Weiss meist in einer Lesung fast ohne szenische Staffage dargeboten wird, ist „Reich des Todes“ ein Nachlesedrama: Das montierte Sprachmaterial ist wohlbekannt, sozusagen weltgerichtsnotorisch. Bachmann nimmt es als musikalischen Rohstoff, lässt den Kriegsrat seine Punktationen wie Scat-Ketten abspulen. Die Unheilsgeschichte liefert in dieser Fassung ein Oratorium im Sinne einer abwechslungsreichen Folge böser Ohrwürmer.

Nach der Besichtigung des Museums in Auschwitz notierte Peter Weiss, dass der Besucher nur fassen könne, was ihm selbst widerfahre. „Nur wenn er selbst von seinem Tisch gestoßen und gefesselt wird, wenn er getreten und gepeitscht wird, weiß er, was dies ist.“ Weiß der Düsseldorfer Zuschauer nach zwanzig Minuten Kretsch­mann-Monolog, was es ist, durch Dauerbeschallung gefoltert zu werden? Der Text mobilisiert den Gedanken und fährt sich selbst in die Parade mit der Mahnung, die Räume von Kunst und Leben richtig auseinanderzuhalten. Diese Intervention wird dank der Selbstbeherrschung der Schauspielerin, deren Gedächtnisleistung sprachlos macht, zu einem gedehnten Moment ästhetischer Erfahrung: Solange sie nicht aufhört, von der Verstrickung durch Erzählung und der Manie des Bewertens zu reden, der permanenten Erzeugung von Kommentierung durch Kunst, ist alles in der Schwebe. „Die Poesie“, so resümiert Flasch Dante, „übernimmt die Stelle, die durch die Korruption der Kirche vakant geworden ist.“ Angesichts der Korruption des Staates gewinnt die Poesie bei Goetz ihre Autorität daraus, dass sie sich für befangen erklärt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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