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Eclat-Festival Stuttgart

Hauptsache schick und schlau

Von Jan Brachmann
 - 13:18
Das Ensemble Ascolta und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart in „Frame“ von Malte Giesen.

Man weiß gar nicht, ob die Szene der Neuen Musik wirklich eine so kranke Welt, so neidzerfressen und ideologisch vergiftet ist, oder ob es sich nur um einen spaßigen Empörungsexhibitionismus handelte – aber nach der Uraufführung von Stefan Kellers Stück „Persona“ für Tabla, Bass und Live-Elektronik beim Stuttgarter Eclat-Festival grölte doch jemand laut in den Saal: „Scharlatan! Frechheit!“

Zu verstehen ist das für jemanden, der die Rudelgerüche in den Revieren kaum auseinanderhalten kann, nur schwer. Kellers Stück nämlich erschafft aus Klängen der Tablas, indischer Trommeln also, und der menschlichen Stimme eine echte Großform: stellt über eine halbe Stunde hinweg Kontraste, Entwicklungen, Höhepunkte, mithin einen Zusammenhang her, was in der Neuen Musik inzwischen eine Seltenheit ist. Dass Keller selbst als Tabla-Spieler zusammen mit dem Bass Andreas Fischer und dem Techniker Reinhold Braig sinnlich einlösen konnte, was sein Kommentar zum Stück verhieß, ist ebenfalls eine Rarität in der Szene, wo oft drei Druckseiten mit einem verbalisierten Konzept einem Klangergebnis von äußerster Dürftigkeit gegenüberstehen: Bei Keller kann das Schlagzeug singen und die Stimme trommeln, wechseln Vokalität und Perkussion zwischen beiden Parteien hin und her, maskieren sich also gegenseitig, was das griechische Wort „persona“ – also Maske – meint. Das mag für manche zwar nicht mehr originell sein, es ist aber für die hörende Erfahrung äußerst sinnfällig, auf seine Weise schön.

Zum Problem der Neuen Musik, wie sie beim Eclat-Festival, das vor vierzig Jahren gegründet wurde, auch jetzt wieder gepflegt wurde, gehört eine Selbstbezüglichkeit des Vokabulars, das kaum eine kommunikative Brücke über die Grenzen des eigenen Betriebs zu schlagen vermag. Das Multimedia-Chor-Stück „Sinshome, oder: Die größte Kraft“ von Tim Schomacker und Christoph Ogiermann etwa lässt politische Agitation zur bloßen Pose gefrieren. Die Abkürzungen „KV“ und „Assos“ auf den Transparenten von Demonstranten gehören zur Geheimsprache der Mitmachbezugsgruppe und lassen das Publikum draußen. Klar, es geht irgendwie um die Zerstörung von Öffentlichkeit durch die Digitalisierung, auch um Transzendenzverlust und Euthanasie, aber all dies ohne Gedankenklarheit, ohne Witz, ohne ein Aushandeln gemeinsamer Verstehenshintergründe. Umso lärmender ist gleichwohl der politische Appell.

Thomas Kessler hat sich mit „Avenidas“ von Eugen Gomringer ein Gedicht zur Vertonung ausgewählt, um das vor zwei Jahren anlässlich seiner Entfernung von der Hauswand der Berliner Salomon-Fachhochschule wegen eines nicht nachvollziehbaren Sexismus-Vorwurfes heftig diskutiert wurde; Ramon Laszko setzt sich in „Eine Ehrenpflicht“ mit einem erschütternden Text von Rosa Luxemburg über soziale Verelendung auseinander. Beide Komponisten jedoch benutzen mit der Zerlegung von Sprache in bloße Silben und Phoneme Verfahren, die keinerlei Empathie für den Text aufbringen. Es sind Verfahren, die sich über jeden beliebigen Text stülpen lassen und in ihrer technisch-ästhetischen Selbstgenügsamkeit allen politischen Anspruch verhöhnen – es sei denn, dass sie noch einmal mit Theodor W. Adorno das hermetische Sich-Verschließen des Kunstwerks vor dem totalen Verblendungszusammenhang der Kulturindustrie als Akt des politischen Widerstands feiern wollen. Das aber wäre ein suizidales Sich-Fügen in die Unwirksamkeit von Kunst.

Das Eclat-Festival gehört neben den Donaueschinger Musiktagen und dem Ultraschall-Festival in Berlin zu den Tonangebern in der deutschen Szene der Neuen Musik. Mit dem SWR Symphonieorchester, dem SWR Vokalensemble und den Neuen Vocalsolisten Stuttgart kann es den Komponisten exzellente Interpreten bieten. Im vierzigsten Jahr seines Bestehens spielten szenische, performative Werke eine besonders große Rolle. „Verdrängen, Verdrängen, Verdrängen“, von der chinesischen Komponistin Yiran Zhao gemeinsam mit der finnischen Theatergruppe Oblivia entwickelt, ist dabei ebenso sympathisch wie streng: Drei Darsteller bewegen sich in genauen Choreographien zwischen zweimal fünf Neonröhren auf schwarzer Bühne, sprechen, singen, popeln, schnüffeln, kratzen sich an allen sieben Körperöffnungen, wobbeln mit ihrem Bauchfett und erzählen so in prismatischer Brechung etwas über die Disziplinierung des Körpers in unserer Zivilisation. Die elektronische Musik – zart, humorvoll – gibt allem Form und Fokus.

Um Form und Fokus ist es Malte Giesen in seinem multimedialen Musiktheater „Frame“ in gewisser Weise auch zu tun, denn „Frame“ meint „Rahmen“ und verweist auf ein gerade viel diskutiertes Medien-Phänomen: dass Informationen durch eine bestimmte Einbettung eine Wertung erhalten, die ihren Sachgehalt manipuliert. „Frame“ für die Neuen Vocalsolisten Stuttgart, das Instrumental-Ensemble Ascolta, Live-Video und Elektronik geschrieben, ist kein Musiktheater mehr, sondern Reflexion über die Bedingungen der Möglichkeit von Musiktheater. Über Video oder Tonspur kommentiert der Komponist selbst die Vorgänge und Klänge: Welche Signale der Zugehörigkeit zu bestimmten Diskurscliquen oder ästhetischen Machtkartellen setze ich durch die Verwendung von welchem Material oder welchen Spieltechniken? Wie strukturiert sich die Beziehung zur Eclat-Intendantin Christine Fischer und zum Regisseur Thomas Fiedler im Arbeitsprozess besonders günstig, damit zusätzliches Geld von Förderfonds angezapft werden kann? Wie stehle ich mich aus der Verantwortung für verschwendetes Fördergeld und ein unvollständiges Werk und liefere trotzdem fristgerecht etwas Präsentables ab, das schick und schlau aussieht? Mit intellektueller Virtuosität und medialem Schliff führt Giesen diese Verfilzung und diese Heuchelei im ästhetischen Vollzug vor und genießt sie geradezu als performativen Verrat an der Kunst.

Und doch hörte man beim Eclat-Festival auch Musik, die sich dieser zynischen Verzagtheit nicht überließ, sondern etwas zu geben hatte, wo andere nur nahmen: „iv 17. Acht Miniaturen für Sopran und Klavier“ von Mark Andre über unser Umgebensein vom heiligen Geist. Die Sopranistin Yuko Kakuta und die Pianistin Yukiko Sugawara konnten im Rascheln, Hauchen und Flüstern, im Nachhall von Singen und Pfeifen wortlos etwas erzählen von der Beseelung durch einen Atem, der Substanz und Halt gibt, wo nichts sonst uns mehr trägt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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