FAZ plus ArtikelKentridge über Schostakowitsch

Tragödie der Mittäterschaft

Von Jan Brachmann
18.06.2022
, 21:22
Dem Humanismus aufs Maul geschlagen: Im Film „Oh, to Believe in Another World“ von William Kentridge erscheint Schostakowitsch als Stalins Komplize.
Wie stand der Komponist Dmitri Schostakowitsch zu Stalin und zum Kommunismus? Ein neuer Film von William Kentridge erzählt darüber, begleitet vom Luzerner Sinfonieorchester, keine Dissidentengeschichte.
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Nicht nur Respekt, geradezu Angst habe er vor Dmitri Schostakowitsch gehabt, als er ihn kennenlernte, erzählt Michael Sanderling beim Publikumsgespräch im Kultur- und Kongresszentrum Luzern. Der heutige Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters war noch ein Kind, als er vor einem halben Jahrhundert in Berlin erstmals dem sowjetischen Komponisten begegnete, der mit dem Dirigenten Kurt Sanderling, dem Vater Michaels, befreundet gewesen war: „Dmitri Schostakowitsch war damals ein alter und verbitterter Mann, der nur leise und am liebsten gar nicht sprach. Ich habe erst viel später begriffen, dass diese Verbitterung und dieses Schweigen zu einem viel komplexeren Gesamtbild seiner Persönlichkeit gehörten.“

Sanderling hat jetzt die zehnte Symphonie Schostakowitschs mit seinem Luzerner Orchester aufgeführt in zwei Konzerten, die als Livemusik verschmolzen mit der Uraufführung eines Stummfilms des südafrikanischen Künstlers William Kentridge: „Oh, to Believe in Another World“ nach der Gedichtzeile „Ach, könnt’ ich doch an eine andere Welt glauben“ von Wladimir Majakowski. Numa Bischof Ullmann, der Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, hat dieses erstaunliche Kunstprojekt angeregt. Der mit Papppuppen und mit maskierten Schauspielern arbeitende Film, der eine Art von Totentanz in einem imaginären Museum für die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ und deren Folgen aufführt, frappiert in doppelter Weise: Einmal, weil er bis ins gestische Detail auf die live dirigierte zehnte Symphonie abgestimmt ist (Schostakowitsch, auf dem Zehnmeterbrett über einem leeren Schwimmbecken, die rote Fahne in der einen Hand, dämpft mit der anderen Hand im letzten Satz dirigierend die Lautstärke); zum anderen, weil er zu gängigen Geschichten über dieses Werk eine Gegenerzählung in Gang setzt.

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