Wiener Festwochen

Was, bitte schön, ist denn normal?

Von Martin Lhotzky
23.06.2022
, 11:24
Caroline Peters in „Die Maschine steht nicht still“
Schwanengesang, Verhörprotokolle, die Sirenenklänge der Künstlichen Intelligenz und rund dreißigtausend verkaufte Karten: Eine Bilanz der Wiener Festwochen.
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Die heurigen Wiener Festwochen sind zu Ende. Wir haben Produktionen von bestechender Einfalt und verblüffendem Scharfsinn gesehen. Seit Ausbruch der Pandemie waren das nun endlich wieder einmal Festwochen, wie wir sie von früher kennen. Und das tat in diesen unsicheren Zeiten dann doch ziemlich gut.

Obwohl Intendant Christophe Slagmuylder den Schwerpunkt diesmal ausdrücklich auf Musik – von Freiluftkonzerten über Oper bis hin zu musikalischen Experimenten – legte, blieben doch genug von den insgesamt mehr als dreißig (je nachdem, ob man die „Workshops“ mitzählt, bis zu neununddreißig) Produktionen, die man mehr oder weniger dem Sprechtheater zurechnen kann.

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Da wäre zum Beispiel der beeindruckende „Swan Song“ von und mit Buhle Ngaba. Die Uraufführung fand 2017 beim jährlichen Festival „Suidoosterfees“ in Kapstadt statt. Die südafrikanische Künstlerin berichtet, beschreibt, spielt in dieser knapp einstündigen Inszenierung vom nie ganz leichten, manchmal verkorksten, zum Glück manchmal aber auch fröhlichen Weg einer jungen Frau zur Selbstentfaltung, die einer schweren Krankheit abgetrotzt werden muss – so stünden etwa ihre Schulterblätter vom Körper ab, was an einen Schwan erinnert, der irgendwann dann seine Schwingen ausbreitet und gen Himmel abhebt. Tatsächlich war dies das schöne Schlussbild des Abends. Auch außerhalb der Bühne engagiert sich Buhle Ngaba für Mädchen und Buben „of colour“ und deren Wünsche und Chancen, etwa als Autorin und Herausgeberin von Büchern wie etwa „The Girl Without a Sound“ (2016) oder „The New Girl Code“ (2018).

Streit mit „Siri“

Die angekündigte Weltpremiere von „We Had a Lot of Bells“ von dem aus Darwin, Australien, stammenden, aber derzeit in Berlin lebenden Damian Rebgetz fing zwar recht unterhaltsam an, kippte aber bald in ein ziemlich uninspiriertes Gebimmel um – fast ausschließlich mittels Glocken ab der Größe einer Schiffsglocke. Ach ja, eine elektronische Orgel oder so etwas Ähnliches war auch noch auf der Bühne im Hintergrund versteckt. Man konnte die Vorstellung getrost nach einer halben Stunde verlassen.

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Äußerst angenehm überrascht wurde man sodann von „The Shadow Whose Prey the Hunter Becomes“ der australischen Experimentaltruppe „Back to Back Theatre“. Die Uraufführung fand 2019 in Sydney statt, und Text und Konzept wurden, wie üblich, gemeinsam von auch als Darstellern agierenden Menschen mit Behinderung entwickelt. Das inklusive Ensemble besteht aus Schauspielerinnen und Schauspielern, die entweder neurodivergent sind oder mit einer körperlichen Behinderung leben oder auf die beides zutrifft.

Buhle Ngaba in „Swan Song“
Buhle Ngaba in „Swan Song“ Bild: Shaun Oelf

Die Handlung ist überschaubar, wirft aber sehr komplexe Fragen auf. Während einer fiktiven Versammlung soll ein Beschluss gefasst werden, wie man „richtig“ mit Menschen mit Behinderungen umzugehen hat. Die Darsteller machen sich dabei übereinander lustig, bringen ernsthafte und gleichzeitig spaßige Argumente vor, binden schon einmal auch das Saalpublikum ein oder streiten mit „Siri“, dem Übersetzungsprogramm mit Künstlicher Intelligenz. Selten so herzhaft gelacht wie bei dieser Befragung von Konzeptionen von „Normalität“.

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Russischer Einfluss auf die amerikanischen Präsidentenwahlen

Ein anderes Experiment lieferte Caroline Peters zusammen mit der Gruppe Ledwald (der Name setzt sich, so die nicht völlig nachvollziehbare Eigendefinition, aus den Initialen der Mitglieder zusammen) ab: „Die Maschine steht nicht still“. In dieser Inszenierung – auch dies quasi eine Weltpremiere –, angeregt durch die Kurzgeschichte „The Machine Stops“ (1909) von E.M. Forster, beobachten wir Peters in einer nicht ganz so fernen Zukunft, in der sich die meisten Menschen nicht mehr vor die Haustüre wagen. „Da muss man ja die Füße bewegen!“ oder so ähnlich heißt es mehrmals. Die Verständigung erfolgt mittels Künstlicher Intelligenz – hier nicht „Siri“, aber auch ein weibliches Gegenüber – mit ihren Freundinnen und Freunden, die allesamt per Videoeinspielung ebenfalls von Caroline Peters gespielt werden. Sie plaudern, laden sich zum Abendessen ein, und manchmal ruft sie der Herr Vater an und erzählt so verrückte Dinge, wie etwa, dass er jetzt gleich bei ihr persönlich, leibhaftig vorbeischauen würde. Mutig und an sich recht witzig gemacht, aber man merkt dem Einpersonenstück durchaus an, dass es während der langen Lockdowns für die Theater in der Pandemiezeit entstanden ist. Man darf daran gerne weiterarbeiten.

Wenn der „Good Cop“ innerhalb einer halben Stunde zum „Bad Cop“: Tina Satters „Is This a Room“
Wenn der „Good Cop“ innerhalb einer halben Stunde zum „Bad Cop“: Tina Satters „Is This a Room“ Bild: Gianmarco Bresadola

Und dann war da noch die beinahe unglaubliche Geschichte der jungen Dame mit dem gleichfalls eher wenig glaubhaften, aber tatsächlich so nachzuweisenden Namen „Reality Winner“. In „Is This a Room“ brachte die Amerikanerin Tina Satter, Regisseurin und Produzentin, mit ihrer Theatertruppe „Half Straddle“ schon im Januar 2019 schlicht und ergreifend die FBI-Verhörprotokolle ebenjener Reality Winner auf die Bühne. Es handelt sich dabei um eine ausgebildete Linguistin für Farsi, Dari und Paschtunisch, die in den Jahren zwischen 2010 und 2017 als Übersetzerin für diverse amerikanische Geheimdienste tätig war. Reality Winner, Geburtsjahrgang 1991, wurde vorgeworfen, geheime Dokumente an die Medien, im konkreten Fall an die unabhängige Nachrichten-Website „The Intercept“, weitergeleitet zu haben. In diesen Dokumenten wurden Annahmen über russischen Einfluss auf die amerikanischen Präsidentenwahlen im Jahr 2016 ausdrücklich bestätigt.

Bekanntermaßen ging aus diesen Wahlen aufgrund des mehr als diskussionswürdigen Wahlverfahrens nach Bundesstaaten und Wahlmännern Donald Trump als Präsident hervor. Oder wie Michael Moore in seinem Film „Fahrenheit 11/9“ 2018 anmerkte: „63 Millionen haben für Trump gestimmt; 66 Millionen für Hillary Clinton; mehr als hundert Millionen sind gar nicht erst zur Wahl gegangen.“ Ein klassischer Whistle-Blower-Fall, möchte man meinen. Aktuell denkt man dabei wohl an Julian Assange, der demnächst von Großbritannien an die Vereinigten Staaten ausgeliefert werden soll.

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Es gibt kein Entrinnen

Reality Winner wurde 2018 schuldig gesprochen und zu 63 Monaten Gefängnis verurteilt. Aufgrund „guter Führung“ kam sie im Juni 2021 auf Bewährung und unter der Auflage, eine Fußfessel zu tragen, frei. Darüber berichtet „Is This a Room“ logischerweise noch nicht. Aber an diesem knapp einstündigen Abend werden wir alle Zeugen, dass das alte Spiel von „Good Cop – Bad Cop“ nicht mehr gespielt wird, auch nicht mehr vom FBI. Denn laut diesen nachgespielten Protokollaufnahmen wandelt sich selbst der „Good Cop“ innerhalb einer halben Stunde zum „Bad Cop“. Und es gibt kein Entrinnen.

Den jüngsten Aussendungen des Festwochenteams zufolge wurden insgesamt rund dreißigtausend Karten verkauft, die Auslastung lag damit bei gut 83 Prozent. Das ist keine schlechte Bilanz für das bedeutendste Kunst- und Kulturfestival Wiens im dritten Covid-19-Krisenjahr.

Quelle: F.A.Z.
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