Bayreuther Festspiele

Die nächste Senta-Sensation

Von Jan Brachmann
10.08.2022
, 19:15
Senta (Elisabeth Teige, Mitte, im gelben Mantel) hat nur Verachtung für die Mädchen ihrer Stadt (Chor der Bayreuther Festspiele) übrig.
„Der fliegende Holländer“ in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov funktioniert bei den Bayreuther Festspielen noch besser als im Vorjahr. Und das auch dank einer umwerfenden Hauptfigur: Elisabeth Teige.
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Sängerisch ist Elisabeth Teige ohne Zweifel die ganz große Entdeckung bei den Bayreuther Festspielen dieses Jahres. Schon als Freia im „Rheingold“, dann wieder als Gutrune in der „Götterdämmerung“ setzte die norwegische Sopranistin mit der durchdringenden Sinnlichkeit, dem sirenenhaft süßen, unheilvoll lockenden Zauber ihrer großen, starken Stimme Ausrufezeichen in den verzweifelten, trostlosen Inszenierungen von Valentin Schwarz.

Doch nun hat die künstlerische Leiterin der Festspiele, Katharina Wagner, mit glücklichem Mut Elisabeth Teige als Senta im „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner besetzt und ihr damit verdientermaßen die ganz große Bühne gegeben. Ein einzigartiger, jugendlich-dramatischer Sopran ist da zu bestaunen: Teige versteht es auf wundersame Weise, die Wärme des Brustregisters in die Kopfstimme hineinzunehmen und, ohne zu brüllen, die vielfältigen Nuancen der Kopfstimme enorm zu verstärken.

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Der Effekt ist verwirrend: Man glaubt, der kostbare, stets halb verschattete Perlmuttschimmer Elisabeth Schwarzkopfs bekomme einen Booster von sagenhafter Kraft, mit viel Körper im Klang. Anders als Lise Davidsen, die noch keine dreißig Jahre alt ist, aber in Bayreuth bereits die Sieglinde in der „Walküre“ und die Elisabeth im „Tannhäuser“ singt, ist Teige schon Anfang vierzig. Ihre Stimme macht den Eindruck gesunder Reifung. Die Senta kommt für sie nicht zu früh, während die Zwangspause bei Grigorian zu Beginn dieses Jahres den Verdacht einer stimmlichen Überanstrengung nahelegt.

Nach dem wirklich sensationellen Bayreuth-Debüt von Grigorian als Senta im vergangenen Jahr konnte man sich mit Recht fragen, ob die Inszenierung des „Holländers“ von Dmitri Tcherniakov ohne diese überragende Sängerin und Darstellerin nicht in sich zusammenfallen würde.

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Eine völlig andere Geschichte

Tcherniakov erzählt ja eine völlig andere Geschichte als Richard Wagner, nämlich die, dass der Holländer nach vielen Jahren in die Stadt zurückkommt, in der seine Mutter – die Geliebte Dalands – sich erhängt hatte, nachdem sie von den Städtern geächtet worden war. Er will aus Rache für den Tod seiner Mutter die ganze Stadt abfackeln. Senta als Tochter Dalands ist mit dem Holländer von Anfang an im Bunde, weil sie ihren verlogenen Vater, der auch Holländers Mutter missbraucht hatte, hasst.

Wechselnde Fronten in Sekundenschnelle: Chor der Bayreuther Festspiele, vorn rechts Thomas J. Mayer als Holländer (mit Pistole)
Wechselnde Fronten in Sekundenschnelle: Chor der Bayreuther Festspiele, vorn rechts Thomas J. Mayer als Holländer (mit Pistole) Bild: Enrico Nawrath

Teige mag nun nicht die burschenhafte Physis von Grigorian haben, aber sie setzt ihre soziale Dissonanz zur Stadtjugend – bei einer Chorprobe, in der das Spinnstubenlied einstudiert wird – als aggressives Gelangweiltsein packend in Szene. Dann fläzt sie sich breitbeinig zwischen die Mädchen, stimmt ihr „Johohohe!“ ganz leise an, aber so bezwingend, dass alle ihr zuhören müssen und nicht der Chorleiterin Mary, die hier zugleich ihre Mutter oder Stiefmutter, jedenfalls die Frau Dalands ist. Die betonten Auftakte in den Strophen ihrer Ballade mit dem folgenden Quartsprung abwärts haben bei Teige überhaupt nichts Keifendes, sondern klangliche Rundung bei voller Kraft.

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Die Inszenierung funktioniert auch in anderen Bereichen besser als je zuvor. Die Handlungsregie für den Chor, den Eberhard Friedrich für diese sportlichen Aufgaben sängerisch topfit gemacht hat, ist virtuos. Die wechselnden Frontenbildungen in der Stadtgesellschaft werden blitzschnell klar. Die detaillierte Personenarbeit Tcherniakovs macht durch ihre Präzision jede noch so große Abweichung vom Originallibretto Wagners plausibel. Thomas J. Mayer mag als Holländer nicht die eisige Aura von John Lundgren haben, der seiner Figur im letzten Jahr eine von Beginn an unheimliche Präsenz verlieh, aber das Gewinnende, leicht Melancholische in Mayers Auftreten macht es nur wahrscheinlicher, dass Daland (der wie stets verehrungswürdige Georg Zeppenfeld) und manch anderer ihm so leicht auf den Leim gehen.

Nadine Weissmann als Mary braucht beim Abendessen zur Verlobungsanbahnung zwischen Senta und Holländer nur einen Flunsch zu ziehen – und schon weiß man, wie sie zur ganzen Sache steht. Mit einem finalen Schuss wird sie dem ganzen Spuk ein überraschendes Ende machen. Eric Cutler, der wie alle übrigen klanglich äußerst gepflegt und dabei sehr textverständlich singt, spielt als Erik seine missbrauchte Geduld mit Senta, seine Wut gegen sie, aber auch seine Angst vor ihr gestisch knapp und sehr gezielt aus. Teige antwortet als Senta darauf mit stummer Kälte und Verachtung. Sie hält ihn für einen Weichling und Idioten.

Oksana Lyniv hat im zweiten Jahr ihres Bayreuther Dirigats viel an Gelassenheit und Mäßigung hinzugewonnen. Anspannung und Schärfe ihres Debüts sind einer geschmeidigeren Organik im dynamischen Gestalten und einem größeren Vertrauen in die Vernunft des Orchesters gewichen. Die disparaten Tonfälle Wagners im „Holländer“ – romantisches Märchen à la Weber und Marschner, bürgerliche Spieloper à la Lortzing und amouröser Belcanto à la Bellini – verbindet Lyniv bruchlos miteinander, ohne jedes stilistische Idiom im einzelnen einzuebnen. Am Ende fliegt ihr beim Schlussapplaus die geballte, stürmische Zuneigung des Publikums zu.

„Der fliegende Holländer“ wird sich einreihen in die Erfolgsinszenierungen der letzten Jahre mit Tobias Kratzers „Tannhäuser“ und Barrie Koskys „Meistersingern von Nürnberg“. Mag „Der Ring des Nibelungen“ aktuell auch dringend der Nacharbeit bedürfen (Bayreuth muss auch Freiräume des Scheiterns verteidigen), so zeigt dieser „Holländer“ doch, dass die Weiterarbeit an Wagner gelingen kann.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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