„Eugen Onegin“ in Frankfurt

Aufrichtigkeit kann so gefährlich sein

Von Kerstin Holm
22.11.2016
, 11:36
Aber man hört: Fürst Gremin liebt Tatjana wirklich. An der Oper Frankfurt trägt der Dirigent Sebastian Weigle die Sänger gleichsam auf Händen durch Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“.

Als Peter Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ 1879, entsprechend dem Wunsch des Komponisten, in Moskau von Studenten des Konservatoriums uraufgeführt wurde, hatte sie, zumal die Darsteller in Alltagskleidung auf der Bühne standen, nur mäßigen Erfolg. Heute wirkt das Drama von der Ungleichzeitigkeit der Gefühle, dem der Komponist die Gattungsbezeichnung „lyrische Szenen“ beigegeben hat, durch seine lose Konversationsstruktur gerade zeitgemäß. An der Oper Frankfurt ist jetzt eine besonders schöne Produktion der Geschichte von Liebesprojektion und Liebesverzicht nach dem gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin zu erleben, in welcher der Generalmusikdirektor Sebastian Weigle die Sänger bei jeder Phrase trägt, jeden ihrer Register- und Tempowechsel orchestersprachlich motiviert und selbst noch aus einzelnen Intonationsproblemen Ausdrucksstärke zu gewinnen weiß.

Die Regisseurin Dorothea Kirschbaum, die das Konzept des erkrankten Jim Lucassen zu Ende führte, versetzt das Geschehen ins Ost-Berlin der Wendezeit. Die Bühnenbildnerin Katja Hass hat eine sowjetische Mosaikwand mit Kolchosbauern und Kosmonauten auf die Drehbühne gestellt und beschwört so das legendäre Café Moskau an der Karl-Marx-Allee. Das nostalgische DDR-Idyll ersetzt das russische Landgut mit den Leibeigenen, Gutsherrin Larina, agil gesungen von Barbara Zechmeister, ist die Chefin des Kulturhauses, in dessen Küche der famose Chor schüchterne Sehnsuchtsliedchen trällert und dazu im Akkord Brotteig knetet.

Wie ein tadelloser Gentleman

In dieses heile Früher bricht der weltgewandte Hauptheld Onegin, dem Daniel Schmutzhard seinen eleganten, leichten Bariton leiht, ein. Stets in existentielles Schwarz, gern auch mit Sonnenbrille, gekleidet, erinnert er zugleich an einen arroganten Wessi wie an einen zynischen Russen. Die introvertierte Tatjana wird verkörpert von der äußerlich wie stimmlich eher herben als lyrischen Sopranistin Sara Jakubiak; Judita Nagyová gibt mit ihrem geschmeidigen Mezzosopran deren sorglose Schwester Olga. Unter Weigle, der genau zu verstehen scheint, was jedes Einzelinstrument sagen will, entwickelt Jakubiak ihre Partie zur zwingenden Charakterstudie.

Aber wie viel sagt es allein schon, dass diese Figur, ausgerechnet nachdem Schmutzhards Onegin in lässigstem Rezitativstil über seinen todkranken Onkel hergezogen ist, zu ihrer dramatischen Briefszene ansetzt. Die sich immer neu aufschwingende und wieder abreißende Melodiekurve ihres Gefühls, die Kämpfe mit sich, verliebte Fiebervisionen werden von den Violinen, Klarinetten, Flöten und vor allen den Hörnern so beredt untermalt, das Tempo zieht so subtil an, um wieder einzuhalten, dass sich musikalisch tatsächlich ein großer Innenraum öffnet. Und Onegin, der ihr ebenfalls seine - müde - Seele öffnet, sie seiner Zuneigung versichert, aber auch freundschaftlich warnt, dass Aufrichtigkeit gefährlich sein kann, verhält sich wie ein tadelloser Gentleman. Nagyovás samtig singende Olga hingegen scheint zu jedem Flirt bereit, sie umschlingt ihren Verlobten Lenski, den zu Recht bejubelten Tenor Mario Chang, amüsiert sich aber auch gern mit Onegin. Dass Changs Lenski das männliche Gegenstück zu Tatjana darstellt, unterstreicht die Regie, indem sie beide mit einer Schriftenmappe ihrer gesammelten Projektionen ausstattet. Aber wie großartig und rührend ist seine auf einem Irrtum beruhende Dichterliebe; sein „Ich liebe Sie“ intoniert Chang mit lichter Lyrik, die auch im Piano glüht und durch das ihn volltönend umfangende Orchester stets hindurchstrahlt.

Der letzte Getäuschte im Kontertanz der Gefühle

Tatjanas Namenstagsfeier wird zum postsowjetischen Stadtteilfest. Wie immer bei Tschaikowsky tritt dem Einzelnen die gesellschaftliche Totale gegenüber als Chor aus Zivilisten und Militärs, Adel und Dienstboten, Alten und Kindern. Unter die Volkspolizisten in Festtagsuniform hat sich ein orthodoxer Kleriker gemischt, ein Pärchen in bunter Folkloretracht legt die Revue-Version eines russischen Volkstanzes hin. Doch dieses Soziale bildet auch eine undurchdringliche Phalanx. Als der heißblütige Tenor den lässigen Onegin, der mit seiner Braut geschäkert hat, zum Duell fordert, besingen der Chor, die Schwestern und sogar die Kampfhähne nur fatalistisch ihr Entsetzen. Nach seiner prachtvollen Abschiedsarie an sein Leben, die in Frankfurt in der leeren morgendlichen Bar spielt und zu der Chang symbolisch die letzten Tropfen aus einer Wodkaflasche rinnen lässt, fällt er durch die Kugel seines vormaligen Freundes.

Die Regisseurin Kirschbaum ist der Ansicht, Tatjana weise Onegin bei ihrem späteren Wiedersehen zurück, weil sie ihm seine Schuld an Lenskis Tod nicht verzeihen könne. Dafür gibt es im Stück - und auch in ihrer Inszenierung - keine Hinweise. Der dritte Petersburger Akt spielt in einem umgitterten Riesenraum, worin der schwarz uniformierte Chor die prachtvolle Polonaise zelebriert. Jakubiaks Tatjana hat sich von der schlichten Frau im Blümchenkleid gemausert zur silbermähnigen Salonlöwin in bodenlanger Robe. Jetzt ist es der noble Bass von Robert Pomakov als ihrem Gatten Gremin, der vorführt, dass wahre Humanität im kreativen Sehen liegt. Pomakovs inniger, von sanften Hornpulsen bekräftigter Hymnus an die Gattin neutralisiert die choreographierte Distanz der beiden ebenso wie ihre High-Society-Maskerade.

Sie liebt Onegin, wird aber ihrem Mann treu bleiben, heißt es bei Puschkin, bei Tschaikowsky und auch in der Musik, deren Erregung in der Finalszene noch einmal hochkocht. Während Jakubiak, deren Stimme sich im Lauf des Abends gefunden hat, ihn in majestätisch orchestrierten Sprüngen auffordert, zu gehen, ist er der letzte Getäuschte in diesem Kontertanz der Gefühle. Schmutzhard, dessen Onegin in seinem letzten euphorischen Parlando wie ein übermütiger Junge herumspringt, versucht, seiner verspätet Angebeteten den Kleiderpanzer vom Leib zu reißen, bevor das Eisengitter sich unerbittlich vor ihm verschließt. Großer Jubel für die Sänger, den Dirigenten und das Orchester, während die Regie nicht alle überzeugte, wie einige Buhrufe vermuten lassen.

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Sonntag, 25. Dezember

Freitag, 30. Dezember

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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