Schirachs „Gott“ in Düsseldorf

Karlsruhe hat gesprochen

Von Patrick Bahners
12.09.2020
, 20:06
Die Rechtslage ist geklärt, was folgt daraus jetzt für die Ethik? So lautet die Frage von Ferdinand von Schirachs Mitmachdrama „Gott“. Auch die Antworten bezieht das Stück vom Bundesverfassungsgericht.

Das demokratische Mitmachtheater, das der Schriftsteller Ferdinand von Schirach erfunden hat, mit Abstimmung des Publikums am Schluss, läuft im zweiten Versuch auf die Wiederherstellung des deutschen Obrigkeitsstaats hinaus. Oben thront das Bundesverfassungsgericht. Sein Wort ist maßgeblich in allen Zweifelsfällen, und zwar nicht nur in Rechtsfällen.

Der Titel des Stücks ist „Gott“. Für diese Wahl dürften zunächst Gründe der Markenpflege maßgeblich gewesen sein. Nach „Terror“ musste ein neuer Ein-Wort-Titel her. „Gott“: Na, das knallt aber wieder gewaltig! Man kennt diesen plakativen Mono-Theismus aus der Mission von Evangelikalen und Salafisten; der Name des Allmächtigen verweist aber auch auf eine These des Stücks. Das Verbot des Suizids in der abendländischen moralischen Tradition, von dem im deutschen Recht zuletzt nur das Verbot der organisierten Suizidhilfe übrig geblieben war, soll seine Erklärung in der früheren sozialen Macht des Christentums finden.

„Sie werden zugeben, dass Ihr Bekenntnis einen ganz bestimmten Glauben an einen ganz bestimmten Gott voraussetzt.“ Der katholische Bischof legt das Geständnis ab, das die Anwältin des Lebensmüden von ihm fordert, und in der Düsseldorfer Inszenierung von Robert Gerloff tut es Thomas Wittmann mit dem selig verzerrten Lächeln des ertappten Sünders. Die Inquisition hat ihr Ziel erreicht, Cathleen Baumann hat sich lange genug zum Zeichen ihres unbedingten Aufklärungswillens mit beiden Händen auf den Tisch gestützt und darf nach fast zwei Stunden endlich die aus fünfhundert Gerichtsfilmen bekannte erlösende Formel sprechen: „Keine weiteren Fragen.“

Die Leitsätze sollen auch im Alltag gelten

Im Ethikrat geht es zu wie bei Gericht. Das Stück sollte besser „Karlsruhe“ heißen, denn das Bundesverfassungsgericht ist hier die unsichtbare Instanz, die alles so herrlich regiert – und zwar gerade dadurch, dass sie den Bürger in die Freiheit entlässt. Welchen Gebrauch die Bürger von der Freiheit machen, soll wiederum nach Karlsruher Maßstäben bewertet werden. Die wenig subtile Lenkung der Meinungsbildung in „Gott“ setzt diesen ganz bestimmten Glauben an ein ganz bestimmtes Verfassungsgericht voraus – nur dass dem Juristen Schirach mutmaßlich gar nicht bewusst ist, dass er beziehungsweise sein Stellvertreter auf der Bühne, der tüchtige Rechtsbeistand des Todeskandidaten, als Apostel dieses Glaubens auftritt.

„Terror“ spielte einen Fall durch, auf den die Strafgerichte sich einstellen müssen, seit das Bundesverfassungsgericht das Luftsicherheitsgesetz für verfassungswidrig erklärt hat. Es ging es um die Folgeprobleme, die ein Karlsruher Urteil im Rechtssystem erzeugt. Auch mit der im Februar vom Zweiten Senat verkündeten Entscheidung, dass das Grundgesetz kein Verbot „geschäftsmäßiger“ Suizidhilfe erlaubt, erzeugte das Gericht Stoff für Folgeentscheidungen, die Schirach, der Meister des Erzählens nach Schema, nun wieder durch Probeabstimmungen simulieren lässt. Der Unterschied: Diesmal soll es um die ethischen Entscheidungen gehen, die durch die Klärung der Rechtslage akut geworden sind. Die dramatische Konstellation setzt also die Unterscheidung von Recht und Moral voraus, doch in der Wechselrede aus dem Lehrbuch der Bioethik wird keine Idee vom Sinn dieser Unterscheidung herauspräpariert.

Die Anwältin verkündet: „Unser oberstes Gericht hat so entschieden.“ Hinter dem unbedingten Individualismus des Urteils, so wird suggeriert, dürfen auch die Regeln nicht zurückbleiben, die Berufsstände oder auch einzelne Menschen, die mit dem Wunsch nach Sterbehilfe konfrontiert werden können, sich für das eigene Handeln geben sollten. Alle drei Sachverständige sind Pappkameraden, aber im Vergleich mit der Rechtsprofessorin werden der Bischof und der Vertreter der Bundesärztekammer unfair behandelt. Das Ethos, auf das sie sich berufen, wird als Standesdünkel entlarvt und durch den Nachweis des historischen Wandels amtlicher Verlautbarungen diskreditiert.

Freiheit ist eine Unterstellung

Dem juristischen Denken bleibt dieser Blick von außen erspart, obgleich zumal die Rolle von Juristen in der Biopolitik des Nationalsozialismus genug Stoff für die Frage nach Verirrungen des Korpsgeistes bietet. So kommt nicht zur Sprache, dass die Unbedingtheit der Freiheitsunterstellung im Karlsruher Urteil eine Prämisse des juristischen Denkens ist, die weder als ethisches Ideal noch als erschöpfende Bestimmung des Menschen genommen werden muss. Ärzte und Priester haben es mit empirischen Menschen und also mit Bedingtheiten zu tun.

Im Studium trainiert man die juristische Erkenntnis anhand von konstruierten Fällen. Das Papierene der Figuren von „Terror“ gehörte insofern zur Gattung. Im Streit um das Luftsicherheitsgesetz lautete die moralphilosophische Frage, ob Leben gezählt und gegeneinander aufgerechnet werden dürfen. Die Freiheit zum Sterben wird im Namen des einzelnen Menschen gefordert, der sich nicht vertreten lassen will. Im säkularen Staat soll er auch nicht stellvertretend leiden, nicht den Tod hinausschieben müssen, damit die Norm des Lebensschutzes im Interesse aller gewahrt bleibt. Schirachs Mustermensch tritt als ein radikaler Einzelner in diesem Sinne auf, als Einsamer aus Prinzip. Er wehrt sich auch gegen die Bühne, die ihm bereitet wird, möchte eigentlich nicht in eigener Sache plädieren müssen.

In Düsseldorf spielt diesen Richard Gärtner Wolfgang Reinbacher, der schon zum Ensemble gehörte, als das Gebäude des Schauspielhauses noch nicht stand: Karl Heinz Stroux engagierte ihn 1960. Dem Textbuch fügt die Düsseldorfer Fassung eine durch die Pandemie motivierte Variante der Versuchsanordnung hinzu: Der achtundsiebzigjährige Witwer habe nicht persönlich zur Sitzung des Ethikrats anreisen können, wird eingangs mitgeteilt, und werde deshalb per Video zugeschaltet. Riesengroß erscheint er auf dem durchsichtigen Vorhang wie ein Gespenst, als hätte er seinen Willen zu bekommen. So bekommen der christliche Gott und das Bundesverfassungsgericht Konkurrenz durch den einzelnen Menschen, der die oberste Autorität in der von ihm eingerichteten sittlichen Welt ist, solange er den Willen anderer Menschen nicht nötigt.

Es bleibt aber unklar, ob das Publikum über diesen einzelnen Fall abstimmt oder über alle gleichartigen Fälle solcher Art. Richard Gärtner präsentiert sich als einen Menschen, der von der Welt, von der Politik, von der Kirche und vom Recht in Ruhe gelassen werden will, aber er trägt diese Selbstbeschreibung als politische Botschaft vor. Der Freitod als Probe auf die Freiheit: Ein Moment des Schauspielerischen hätte dieser Vortrag auch dann, wenn wir nicht im Theater säßen.

Die Anwältin zitiert Umfragewerte, die das Zahlenverhältnis der Düsseldorfer Abstimmung vorwegnehmen. Der Ärztevertreter, der sich von den Umfragen nicht bestimmen lassen will, wird daran erinnert, dass bei der Urteilsverkündung in Karlsruhe die Zuschauer klatschten. Die Reproduktion dieses Applauses ist die Absicht des Stücks.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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