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Bregenzer Festspiele

Oper als Ölbad der Gefühle

Von Reinhard Kager, aus Bregenz
Aktualisiert am 20.08.2016
 - 15:26
Measha Brueggergosman (Hanna) verbindet Augen und Ohren von Holger Falk (Joseph). Das passt zu „Make no Noise“. Annika Schlicht (Inge) schaut zu.
Eine Bohrinsel ist keine Insel der Seligen: Die in Bregenz aufgeführte Kammeroper „Make no Noise“ von Miroslav Srnka ist spartanisch und klug zugleich.

Überall Öl, braunes, glibberiges Öl: die gesamte Spielfläche ist von einer dunklen Brühe bedeckt, worin, als extremer Kontrast, ein blütenweißes Spitalbett und ein kleiner, ordentlich gedeckter Frühstückstisch stehen. Das rosarote Jäckchen der auf einem der beiden Stühle davor sitzenden Hanna wird freilich nur kurz unbefleckt strahlen. Gleich zu Beginn stampft, lautstark schimpfend, ein Mann in Militäruniform auf sie zu, fuchtelt mit der Pistole, nimmt sie in den Würgegriff und zwingt sie auf den feuchten Boden.

Auch das Bett verliert rasch sein klinisches Weiß. Joseph, der Internierte, befleckt es in immer rasender werdender Selbstbezichtigung, wodurch er in seiner Imagination noch einmal sein Trauma durchlebt: den Selbstmord des Freundes, den er einst mitverschuldet hatte. Und schon nähert sich am Rand der Spielfläche der untote Freund, entflammt ein Streichholz und hält es drohend über die braune Öllache.

Schon die ersten Szenen in Johannes Eraths Inszenierung von Miroslav Srnkas Musiktheater „Make No Noise“, die am Mittwoch auf der Werkstattbühne des Bregenzer Festspielhauses Premiere hatte, machen klar, dass der Regisseur keinesfalls auf eine realistische oder gar psychologisierende Deutung der rund eineinhalbstündigen Oper zielt. Und das ist gut so. Denn die aus einem Film – Isabel Coixets „Das geheime Leben der Worte“ von 2005 – übernommene Geschichte vom Treffen zweier Traumatisierter auf einer Bohrinsel wäre mit bühnenrealistischen Mitteln kaum darstellbar gewesen.

Lauter Mutationen

Anders als Thomas Adès in seiner Salzburger Vertonung von Luis Buñuels „The Exterminating Angel“ beging Srnkas australischer Librettist Tom Holloway nicht den Fehler, das Filmdrehbuch bloß zu kürzen. Vielmehr schrieb er ein eigenständiges Libretto, in dem wenig gesprochen wird und Dialoge fast gänzlich fehlen, was sowohl der Musik wie auch der szenischen Umsetzung viel Raum lässt. Er wird in Bregenz assoziativ genutzt.

Die rätselhaft-glitschige Spielfläche (Ausstattung: Katrin Connan) lässt sich rasch entschlüsseln als Metapher für die innere Befindlichkeit der beiden aus sehr unterschiedlichen Gründen psychisch verletzten Protagonisten. Immer wieder tauchen Figuren aus der Vergangenheit auf, wie der Freund und dessen Ehefrau, mit der Joseph ein Verhältnis hatte. Reale Begegnungen driften in Konfrontationen mit Monstern, etwa einem erbosten Arbeiter, der in Hannas Phantasie als rabiater Tschetnik (Taylan Reinhard) erscheint, der sie einst vergewaltigt hatte.

Da die Darsteller in jeweils verschiedene Rollen schlüpfen und, nahezu choreographiert, um den Beckenrand kreisen, wird die durchs Trauma verzerrte Wirklichkeit noch verwirrender: Annika Schlicht mutiert von der Ehefrau zu Hannas Analytikerin Inge; Maciej Idziorek verwandelt sich vom toten Freund zu dem unter Zählzwang leidenden Wissenschaftler Martin.

Überlappende Instrumentalbewegungen

Ein stammelndes „U“ ist das Erste, was von Hanna zu hören ist, mehrfach wiederholt, gleichsam herausgewürgt, bis endlich die Frage „What?“ im Raume steht; und nach ähnlich stockenden „N“s folgt das fragend formulierte Wörtchen „Nurse“. So charakterisiert Srnka das allmähliche Erinnern Hannas an ihren einstigen Beruf als Krankenschwester, den sie als Betreuerin von Joseph auf der Bohrinsel wieder ergreift. Er spricht zwar etwas mehr. Aber es sind doch nur Brocken des Verdrängten, die in raschen Repetitionen aus ihm hervorbrechen: „wake up“ – „breathe“ – „flames“. Die Sopranistin Measha Brueggergosman als Hanna und Holger Falk als Joseph machen das glänzend, sie halten die Spannung selbst dann, wenn durch die Mikroports nur noch ihr Atem vernehmbar ist.

Ähnlich fragmentarisch hat Srnka auch den wohltuend sparsamen Instrumentalsatz komponiert, den Dirk Kaftan am Pult des präzis artikulierenden Ensemble Modern mit viel Gefühl für Details umsetzen lässt. Nur selten spielt das sinnfällig hinter dem Publikum auf der Zuschauerrampe plazierte Ensemble im Tutti, und dies just in jenen Momenten, in denen die beiden Protagonisten schweigen.

Anders als in seinem zweiten Musiktheater „South Pole“, das weitgehend von flächigen Strukturen bestimmt wird, sind in Srnkas erstem Bühnenstück „Make No Noise“ auch viele, teils einander überlappende Instrumentalbewegungen mit im Spiel. Die chromatischen Auf-und-Abwärtsbewegungen des Ensembles erinnern ein wenig an die Opern von Georg Friedrich Haas, ohne jedoch auf mikrotonalen Skalen zu basieren. Und der stockende Vokalsatz Hannas und Josephs ähnelt den Singstimmen Salvatore Sciarrinos, allerdings ohne deren manierierte Verzierungen.

Ein schwerer Weg zurück in die Normalität

Ähnlich wie in „South Pole“ folgt diese vor fünf Jahren gleichfalls im Auftrag der Bayerischen Staatsoper uraufgeführte Kammeroper einer inneren Entwicklung: Je näher sich die beiden Protagonisten kommen und ihre Verhärtungen lösen, um so eloquenter und nahezu melodisch werden ihre Gesangslinien. Im Gegenzug dazu tönt der durch Akkordeon, Perkussion und Elektronik trotz aller Sparsamkeit sehr farbige Instrumentalsatz immer zurückhaltender: Am Ende singen Hanna und Joseph bei ihrem ersten gemeinsamen abendlichen Zusammensein ganz ohne Begleitung.

Leicht hätte dieser Schluss im Kitsch versinken können. Doch Johannes Erath fand auch dafür eine stringente Lösung: Gemessenen Schritts verlassen Hanna und Joseph das Ölbecken, verschwinden in einem Aufzug, woraufhin das Publikum durch eine rotierende Discokugel in eine traumartig-dunkle Atmosphäre gehüllt wird (Licht: Markus Holdermann). Aber da tauchen die beiden schon in schwindelnder Höhe wieder auf: beunruhigend nah an der Kante der Beleuchterbrücke. Wir begreifen: Leicht wird ihr Weg zurück in die Normalität nicht werden. Ein runder, kluger und bewegender Theaterabend, nah an den Traumata der Gegenwart.

Quelle: F.A.Z.
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