Festival „Klangspuren“

Entdeckerlust am Risiko

Von Florian Amort, Schwaz
Aktualisiert am 27.09.2020
 - 11:33
Das Festival „Klangspuren“ in Schwaz
Statt internationaler Künstler treten wegen Corona vor allem Österreicher beim Festival in Schwaz auf. Diese zeigen die enorme Vielfalt der Neuen Musik mit Filigranem und knalliger Elektronik.

Eigentlich sollte die 27. Ausgabe der Klangspuren Schwaz unter dem Titel „Transitions“ ein völkerverbindendes Konzertprogramm anbieten. Doch die Covid-19-Pandemie machte die Einreise der rund dreißig eingeladenen Musiker aus Australien, Ägypten und Israel nach Tirol unmöglich. Der Künstlerische Leiter des Festivals für Neue Musik, Reinhard Kager, musste umplanen und konzipierte unter dem Motto „Zeitzeichen“ ein völlig neues Programm mit fast ausschließlich österreichischen oder in Österreich lebenden Musikern.

Was nach einem lokalpatriotischen Notprogramm klingt, entpuppt sich jedoch als Glücksgriff, denn die sechzehn Veranstaltungen, verteilt auf neun Tage, zeigen nicht nur die enorme Vielfalt, sondern auch die Internationalität und die hohe Qualität der Neuen Musikszene in Österreich. Deren führende Vertreter kommen nun nach Innsbruck und Schwaz und halten starke Plädoyers für die sich immer weiter ausdifferenzierende Musik der Gegenwart. Sogar die International Ensemble Modern Academy konnte trotz der aktuellen Widrigkeiten – freilich von 35 auf neunzehn Nachwuchsinstrumentalisten reduziert – ihre Rolle als hochkarätiges Ausbildungsformat für Neue Musik bestreiten.

Insbesondere die zweite Festivalhälfte ist stilistisch sehr durchmischt, spannt den Bogen von der kompositorischen Avantgarde bis zu experimentellen Improvisationen – oder koppelt beide, wie etwa der Komponisten-Interpret Wolfgang Mitterer in „Grand jeu 2“ von 2018 eindrucksvoll demonstriert. Mitterer kombiniert die teilweise scharfen Register der von Jörg Ebert erbauten Renaissanceorgel in der Innsbrucker Hofkirche mit elektronisch vorproduzierten Sounds. Mit einem Keyboard werden sie zeitgleich angesteuert. Welche Musikelemente mechanisch oder elektronisch erzeugt werden, was komponiert und was improvisiert ist, lässt sich in diesem rauschhaften Klangkaleidoskop kaum mehr bestimmen.

Von ernster Konzertsituation zu absurder Performance

Das gilt auch für Vinko Globokars „Passaggio verso il rischio“ (sinngemäß: Übergang zum Risiko) von 2017, dargeboten vom vielseitigen Studio Dan. Was in einer ernsten Konzertsituation beginnt, entwickelt sich mit Klatschen, Stampfen und Zungenschnalzen zu einer absurden Performance à la Samuel Beckett: Die Cellistin Maiken Beer umwickelt die Geigerin Sophia Goidinger-Koch mit Toilettenpapier, knipst triumphierend ein Selfie; dann muss die wieder befreite Geigerin, während sie aufgescheucht musiziert, mit dem Bogen ihres Instruments eine Seifenblasenattacke abwehren. Der Posaunist Daniel Riegler ruft Unverständliches, beginnt, zusammen mit den anderen Bläsern, die Instrumente auseinanderzubauen, nicht ohne die Bestandteile wie Posaunenbogen oder Querflötenkopf zum Klingen zu bringen.

Globokar und das Studio Dan scheuen in diesem Fluxus kein Risiko: Sie schwelgen im Experimentieren mit Lauten, Geräuschen, Klangfarben, das steigert sich zu einem Bacchanal des Grotesken. Nicht nur hartgesottene Groupies der Neuen Musik lauschen voll Entdeckerlust. Man freut sich an dem enthemmten Spektakel, ergötzt sich an Melodiefragmenten kanonisierter Werke – und lacht, wenn im Publikum die Nokia-Melodie unfreiwillig mitbimmelt.

Nicht minder beeindruckt der Querschnitt durch die reichhaltige Improvisationsszene in sechs Konzerten. Knallige, über weite Strecken vorkomponierte Elektronik mit Techno-Elementen und Kontraaltklarinettenklängen (das Kollektiv Black Burst Sound Generator) und experimenteller Fusion-Jazz (Lorenz Raabs :xy Band) geben sich die Hand. Und während das Georg Graewe Trio mit Rückgriff auf kompositorische Partikel den Weg eines groovig angehauchten Free Jazz beschreitet, finden andere Improvisationsensembles künstlerische Erfüllung im weißglühend unbestimmten Jetzt.

Fein abgeschmeckte Meditationsklänge

So sucht das Quintett ZIMT filigrane, intentionslose, aber fein abgeschmeckte Meditationsklänge, die alles Laute und Konkrete meiden. Im Kontrast dazu führen die Duos Elisabeth Harnik (Klavier) und Frank Gratkowski (Klarinetten und Flöte) sowie Tiziana Bertoncini (Violine) und Thomas Lehn (analog Synthesizer) ihre Improvisationen in Regionen, die selbst die Musik eines Karlheinz Stockhausen wie einen Soundtrack für einen kitschigen Disney-Film erscheinen lässt. Doch gerade in diesen Improvisationen lassen sich die elementaren Mechanismen des Zusammenspiels besonders intensiv beobachten: Folgen die Duopartner einer gemeinsamen musikalischen Empfindung? Regt sich Widerstand? Kann der eine den andern von einer musikalischen Idee überzeugen?

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Auf dem Programm des Abschlusskonzertes mit dem Klangforum Wien steht neben der Uraufführung von Clara Iannottas „a stir among the stars, a making way“ (ein Aufruhr unter den Sternen, ein Wegweiser), in der die italienische Komponistin in einer Art musikalischer Zeitlupentechnik majestätische Bewegungsabläufe und ein kosmisches Grundrauschen verklanglicht, auch die Untergangsrhapsodie „Extinction Events and Dawn Chorus“ (Auslöschungsmomente und Morgendämmerungskonzert).

Die australische Komponistin Liza Lim verarbeitet darin den Klimawandel, die Verschmutzung der Meere durch Plastik und das Aussterben von Tierarten, das sie mit einer im Stück sich zunehmend vereinfachenden Musik und einem nachdenklich endenden Diminuendo auszudrücken versucht. Es sind unmittelbar berührende Verlustängste, die musikalisch für die bedrohte Vielfalt der Welt geweckt werden – und die nach einem so reichhaltigen Festivalprogramm umso intensiver wirken.

Quelle: F.A.Z.
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