Handke-Premiere in Wien

Darunter ein Spritzgewehr aus Plastik

Von Martin Lhotzky
22.09.2021
, 07:20
Zwei Brüder im Ungeist: Florian Teichtmeister und Mehmet Ateşçi
Große Überraschung: Frank Castorf inszeniert „Zdeněk Adamec“ von Peter Handke am Burgtheater erstaunlich zugewandt und textempfindlich. Das hätte man von diesem Regieberserker nicht erwartet.

Ach, was muss man oft vom bösen Castorf hören oder lesen . . . Nun, eine tatsächliche „Schuld“ kann man eher der Corona-Pandemie dafür anlasten, dass in diesem Herbst Frank Castorf gleich zwei Inszenierungen auf die Bühnen des Burgtheaters bringen darf. Jetzt also „Zdeněk Adamec“ von (mit etlichen anderen Zusätzen, viele ebenfalls von) Peter Handke. Bereits bei jener ersten Premiere nach Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ im Akademietheater (F.A.Z. vom 7. September) fiel auf, dass die zuvor angekündigte Spieldauer beinahe penibel eingehalten wurde. An diesem Abend waren es sogar fünf Minuten weniger als die im Programmheft angedrohten 255 Minuten, eine Pause inklusive.

Alles andere schaut aber wieder sehr nach einem Castorf-Abend aus, fühlt und hört sich auch so an. Das aufwendige (Dreh-)Bühnenbild – große Werbeplakate, eine Busstation mit der Neonaufschrift „Autobusové nádraží“, eine eher schäbig wirkende hölzerne Behausung, viel Holzzaun, viele Fässer, alles hat irgendwie mit „Brennen“ zu tun – und die beeindruckenden Kostüme – von goldenen Anzügen über schwarze Rocker-Lederklamotten bis hin zu Rüschenkleidern, die sich für die mexikanische Feier des „Día de los Muertos“ bestens eignen würden – stammen von Aleksandar Denić und Adriana Braga Peretzki. Die Besetzung ist gleichfalls ähnlich, auch in „Zdeněk Adamec“ dürfen Mehmet Ateşçi, Marcel Heupermann und Marie-Luise Stockinger, verstärkt um Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold und Florian Teichtmeister, wie soll man sagen, gemeinsam die Bühne zertrümmern.

Nie ganz enthülltes Geheimnis

„Zertrümmern“ ist freilich etwas übertrieben, denn auch wenn auf dem Zaun herumgetrampelt, die Küche des Holzhauses (Inneneinsicht gewährt, wie fast immer in Castorf-Aufführungen, eine Livekameraübertragung) komplett verunreinigt, die Außendusche ruiniert und anderes Zaunwerk zerkratzt wird, bleibt doch ziemlich viel bestehen. Und wir lernen – da hält sich der Regisseur erstaunlich an die Textvorgabe –, dass wir als Publikum Menschen im tschechischen Humpolec, etwa auf halbem Weg zwischen Prag und Brünn gelegen, dabei beobachten, die den titelgebenden Zdeněk gekannt haben oder gekannt haben wollen. Zdeněk Adamec, der sich aus nie wirklich ganz enthüllten Gründen in seinem wohl neunzehnten Lebensjahr – nicht einmal sein genaues Geburtsdatum scheint klar – am Morgen des 6. März 2003 wie einst die viel bekannteren Jan Palach (16. Jänner 1969) und Jan Zajíc (genannt auch „Fackel Nummer Zwei“, am 25. Februar 1969) auf dem Wenzelsplatz in Prag bei lebendigem Leibe anzündete, Hilfe ablehnte und umgehend verstarb.

Bierflaschen und sonstige Behältnisse

Darum und auch um mögliche Deutungen der Tat geht es in dem poetischen „Zdeněk Adamec. Eine Szene“ von Peter Handke. Die knappen, eher lose bedruckten nicht einmal siebzig Seiten des bei Suhrkamp erschienenen Textes baut nun Castorf mit seinem Ensem- ble zu vier Stunden Aktionstheater um. Doch, die „Szene“ kommt, zerstückelt zwar, aber dennoch vollständig, zur Sprache, meist eher: zum Geschrei. Viel Geplaudere, Gebrüll, Herumgetobe, Handke-Paraphrasen, vorgeblich Persönliches im Ensemble – man nennt einander beim echten Vornamen, auch wenn man soeben noch Zdeněk oder dessen Mutter oder Vater gewesen sein wollte. Bierflaschen, -dosen und sonstige verdächtige Behältnisse (darunter auch ein Spritzgewehr aus Plastik) werden geleert, man beschimpft und herzt einander, Rollenverteilung gibt es kaum. Manchmal werden Frauen gegen Männer ausgespielt, aber das wirkt meist eher wie ein Sich-lustig-Machen über aktuelle Genderdebatten. Und man singt gemeinsam – Lieder des viel zu früh verstorbenen österreichischen Liedermachers Georg Danzer (1946 – 2007), „Škoda lásky“, auf Deutsch besser bekannt als „Rosamunde“, von Jaromír Vejvoda und Václav Zeman oder auch gegen Ende „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“. Und dazwischen viele Videoeinspielungen aus Humpolec – ein seltsames Autorennen, leere Straßen und Plätze.

„Prosím nedělejte ze mě blázna! / Bitte, macht mich nicht zum Narren!“, schrieb Adamec in seinem Abschiedsbrief. Das hat Castorf an diesem Abend tatsächlich nicht getan. Es wäre übertrieben zu sagen, er nähere sich dem Vermächtnis des tschechischen Studenten mit Würde, aber erstaunlicherweise ist stets eine gewisse Empathie zu verspüren. Und somit ist nach dieser Premiere klar: Der Härtetest ist bestanden. Der dramatische Text des Nobelpreisträgers Handke hält auch einer Frank-Castorf-Bearbeitung stand.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot