Vivaldi in Schweden

Schiffbruch, wilde Bären, Monster

Von Anja-Rosa Thöming
13.08.2022
, 16:24
Liebt die vielfältige Verkleidung: Kaiser Anastasio (Raffaele Pe) - und die streng barocke Gestik.
Das schwedische Schloss Drottningholm hat ein berühmtes Barocktheater mit historischen Maschinen und kostbaren Bühnenprospekten. Der Dirigent und Regisseur George Petrou hat Antonio Vivaldis Oper „Giustino“ dorthin gebracht. Ein erlesen-schöner Abend.
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Eines der schönsten Bühnenbilder des original erhaltenen barocken Schlosstheaters im schwedischen Drottningholm ist die Waldkulisse. Genauestens gemalte Blätter, Äste, Stämme von Laubbäumen ergeben auf den perspektivisch hintereinandergesetzten Seitenflügeln einen dichten Wald, der die Opernfiguren in abgestuften Naturtönen auf zwanzig Meter Bühnentiefe gleichsam umhüllt. Wenn die Flöten im Orchester dann Vogelstimmen imitieren und der Opernheld sich poetischen Stimmungen hingibt, vollendet sich die Illusion ganz von selbst. Der Wald als Ruhe- oder auch als Schreckensort ist in vielen Barockopern ein Topos. Nach Drottningholm passt das Bühnenbild-Set besonders gut, denn das sommerliche Schweden bezaubert als Land der Seen und Wälder. Keine Dürre, keine Waldbrände irritieren hier, überall sattes Grün und Dunkelblau, wie man es auf der Bootsfahrt von Stockholm nach Drottningholm — der Königinneninsel — staunend in sich aufnimmt.

Die aktuelle Opernproduktion ist aus mehreren Gründen reizvoll. Zuerst wegen der Musik: „Giustino“ von Antonio Vivaldi aus dem Jahr 1724; eines seiner populärsten Werke mit packenden wie sentimental-berührenden Arien. Der Komponist bestückte sein Dramma per Musica mit teils neuen, teils gebrauchten Arien aus früheren Opern. Unmittelbar zum Wiedererkennen das Zitat aus dem Violinkonzert „Der Frühling“ wie auch die schmachtende Arie „Vedrò con mio diletto“, die heute zum Kernrepertoire für Countertenöre gehört.

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Eine Besonderheit, dem Genius Loci geschuldet, sind die historisch adäquaten Kostüme, Perücken und das Spiel der Sängerinnen und Sänger mit der Gestik des achtzehnten Jahrhunderts. Anders, als man vielleicht meinen könnte, wird durch den Einsatz historischer Mittel nicht lediglich eine höfische Konvention vorgeführt. Es geht in der Barockoper immer um das Überschreiten, ja Sprengen von Konventionen, um die Bedrohung geordneten Zusammenlebens durch menschliche Leidenschaften und Ausnahmesituationen. In „Giustino“ gibt es Schiffbruch, wilde Bären und Monster, es gibt aber vor allem Gier, Eifersucht, übermäßigen Ehrgeiz, Verleumdung, Gewalt gegen Frauen. Liebe auch, ja, aber sie ist ebenfalls bedroht und käme überhaupt nicht zum Zuge, wenn nicht eine Dea ex Machina am Ende einen tot geglaubten Bruder entdeckte und so Verzeihung und Befriedung ermöglichte.

Auch die Gestik ist barock: Giustino (Yuriy Mynenko) huldigt bedrängend der abweisenden Arianna (Sofie Asplund).
Auch die Gestik ist barock: Giustino (Yuriy Mynenko) huldigt bedrängend der abweisenden Arianna (Sofie Asplund). Bild: Markus Gårder

Der Dirigent George Petrou ist davon überzeugt, dass das Schlosstheater Drottningholm von 1766 eine lebendige Seele hat, wie er im Gespräch mit der F.A.Z. betont. Enthusiastisch führt er den Backstagebereich vor und zeigt auf die originale Holz- und Seiltechnik unter der Bühne: „Hier ist das Zentrum der Aufführung, hier werden die Szenenwechsel vollzogen. Sie brauchen keine vier Sekunden, nur starke Arme, die die Seile ziehen.“ Windmaschine, Regenmaschine, Wellenmaschine, Donnermaschine haben für Petrou nichts Museales, sondern verbinden die Bühne sinnlich direkt mit dem Publikum. In den zart rieselnden Klang der Regenmaschine hat er sich so verliebt, dass er sie zu einer Arie, in der zum Pizzikato der Streicher vom „Tränenregen“ die Rede ist, auf die Bühne stellt und von zwei stummen Dienern sanft drehen lässt. Was die Darbietung der Arie keineswegs stört.

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Die Leiterinnen des Drottningholmer Theaters — bis letztes Jahr Sofi Lerström, jetzt Anna Karinsdotter — haben George Petrou mit der künstlerischen Gesamtleitung sowohl musikalisch als auch szenisch betraut. Nach der ungewöhnlichen Verantwortungsfülle gefragt, antwortet Petrou, dass es mitunter sogar einfacher sei, wenn er selbst „die komplexe Form einer Da-capo-Arie decodieren könne“. Er habe so manches Mal Opernregisseure erlebt, die auf die verzierten Wiederholungen einer Arie mit Unverständnis reagierten.

Die Sängerinnen und Sänger in Drottningholm singen die Verzierungen denn auch nicht eindimensional, sondern nutzen sie zur Verstärkung, zur Entwicklung, auch zur Bewältigung eines Affekts. Junge Künstler von großer darstellerischer und sängerischer Klasse begegnen einem auf der Bühne. Sofie Asplund als Arianna lotet mit ihrem biegsamen Sopran die seelischen Abgründe der unschuldig verfolgten Liebenden aus. Johanna Wallroth ist als Leocasta koloraturmäßig fast noch geforderter. Ihre Arie im dritten Akt „Senza l’amato ben“ gerät zu einem Höhepunkt pathetischen Gesangs mit Schmerzens-Chiffren wie großen Tonsprüngen und Dissonanzen. Die beiden jungen Schwedinnen, jede ausgestattet mit dem angesehenen Birgit-Nilsson-Stipendium, machen auch international schon von sich reden.

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In den Sopransphären ist unbedingt Federico Fiore zu nennen, der als ruhmsüchtiger Intrigant bella Figura macht; seine leicht ansprechende, unforcierte Sopranstimme ist eine Rarität. Der Tenorist Juan Sancho zeichnet mit virtuosen Tönen den Tyrannen Vitaliano im wunderschön geschnittenen dunkelgrünen Kostüm mit weißem Helmbusch (Bühne und Kostüme: Paris Mexis, Perücken: Rebecka Andersson). Sein stolzes Auftreten bekommt durch die historische Gestik eine vor Spannung knisternde Form (Bewegungscoach: Jenny Nilson). Die Arie „Il piacer della vendetta“ sprüht vor Vergnügen an der Rache, und Sancho zieht das hingerissene Publikum hinein in sängerische Virtuosität.

Der ukrainische Countertenor Yuriy Mynenko, der im Juni in der Titelrolle in Händels „Giulio Cesare“ bei den Göttinger Händelfestspielen, wo Petrou ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, zu hören war, hat eine wunderbare Gesangskultur mit ebenmäßig schwingender Stimme. Als Underdog Giustino tritt er auf wie ein junger Gérard Depardieu, genussvoll, mit ungehobeltem Charme und rätselhaft attraktiv für manche Dame am Hof. Raffaele Pe als Anastasio darf die schöneren Arien singen, könnte aber noch an der Modellierung der Dynamik, vor allem im piano, arbeiten. Dafür ist seine Erscheinung als liebenswürdiger Monarch ohne Fehl und Tadel manchmal fast affektiert.

Doch das liegt auch am Regiekonzept George Petrous, der die Handlung vom spätantiken Byzanz ins Schloss Drottningholm Ende des achtzehnten Jahrhunderts verlegt; Kaiser Anastasio ist der theaterverrückte, dichtende König Gustav III. Und auch Gustavs Mutter, die dominante preußische Prinzessin Luise Ulrike — schwedisch Lovisa Ulrika —, Schwester des Preußenkönigs Friedrich II., spielt in diesem Drottningholmer Familienstück noch eine entscheidende Rolle.

Quelle: F.A.Z.
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