Peter Brook ist gestorben

Der Mann, der an das Theater glaubte

Von Gerhard Stadelmaier
03.07.2022
, 15:18
Er begriff seine Arbeit als nie fertig: Peter Brook
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Er war das Regiegenie der größten Einfachheit. Und seine Entdeckungsreisen zum Mittelpunkt des Menschen wurden zu großen Festen des Welttheaters: Zum Tod von Peter Brook.
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Es genügte ihm: ein Viereck. Auf dem Boden. Ungefähr in der Größe eines Zimmers. Oft aus Sand. Manchmal, wenn es hochkam, in Form eines Teppichs. Drum herum ein paar Kissen, in seltenen Fällen Stühle. Im Zentrum aber: seltsame Menschen. Ein junger Mann namens Hamlet zum Beispiel, ein wuschellockiger schwarzer Prinz, mitten aus einer afrikanisch-dänischen Königsdynastie, der aus der Pein, die Welt anschauen und sie ganz auf seine staunenden Augen laden zu müssen, eine große Tragödie machte – nach der die Welt vollkommen umgestürzt, weil durchgeschaut (nicht durchschaut!) schien. Und der augenmenschliche Theaterzauberer Peter Brook unternahm mit Shakespeares Held eine grandiose Abenteuerreise in die Abgründe der allereinfachsten Frage: Wer ist da (Qui est là)? Wen schauen wir an, wenn er uns auf diese neugierige Frage mit „Ich“ antwortet?

„Mein Gehirn ist’s gewesen!“

Oder die sehr kleine Frau; schwarze Haare, zu Zöpfchen gebunden; schwarzer Hosenanzug; mausdünne, verschreckt amüsierte Gesichtszüge. Sie hat eine gigantische Schreckensladung im Gehirn: verdammt dazu, sich jede Zahl, jede Farbe, jede Person, jede Szene, schlichtweg alles merken und es erinnernd wiederholen zu müssen, nichts aus ihrem Gedächtnis löschen zu dürfen. Und wo die gewissenlose Hirnforschung aufs Schuld-Ablade-Mantra „Nicht ich bin’s, mein Gehirn ist’s gewesen!“ sich zurückzieht, da ging der gewissenhafte hirnforschende Theateruntersucher Peter Brook den entgegengesetzten Weg.

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Der szenische Rechercheur, der sich schon auch mal mit dem hirnversehrten „Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ von Oliver Sacks theatralisch auseinandersetzte und den die Phänomene der Verrückungen im edelsten und kompliziertesten Organ des Menschen staunend hinrissen, unternahm mit der sehr kleinen Frau eine Abenteuerreise in die Abgründe und in die Würde menschlichen Wahrnehmens und Begreifens hinein – so lange, bis sie auf dem unendlichen Kontinent des Unbegreifbaren die zwei kleinen Worte „Ich will!“ begriff. Und ihren freien Willen entdeckte.

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Trailer
„Battlefield“ von Peter Brook
Video: YouTube/YoungVicLondon

Und sowohl Hamlet in Shakespeares Augen-Land (2002) wie die sehr kleine Frau im Staun-Land, eben dem „Valley of Astonishment“ (2014), erlebten große Feiern des Theaterglücks, das darin besteht, spielend eine Welt zu bauen, zu durchleben und zu durchwundern, die anders nicht zu haben ist als in einem Raum, in dem Menschen zusammenkommen, um das drinnen zu einer Wirklichkeit zu machen, was sich jeder Wirklichkeit draußen entzieht. Ihr entgegensteht. Sie übertrumpft. Sie umwirft. In Schönheit, Grausamkeit und Aberwitz.

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Klug und lustvoll fromm

Peter Brook, der König des Welttheaters, war das Regiegenie der größten Einfachheit und neben Ariane Mnouchkine vielleicht die einzige Theatergröße von Weltrang, die fast kindlich, staunend und forschend, rein und klar, klug und lustvoll fromm ans Theater glaubte. Und wie die Mnouchkine, die Kommandeuse des „Sonnentheaters“ (Théâtre du Soleil) in Vincennes, ließ er auch nie von seinem Theater. Saß Abend für Abend dabei, machte sich Notizen, begriff seine Arbeit als endlos, nie fertig. Ein kleiner, schmaler Mann mit schlohweißem Haarkranz, hellsten Augen, jederzeit bereit, einzugreifen, neue Fragen zu stellen.

In seiner wohl schönsten Theaterrecherche, die er 2005 im Schauspielhaus Zürich begann, dann auf Tournee in aller Welt erprobte, fragte er unterm Titel „Warum, Warum“ nach dem göttlichen Urgrundgeheimnis des Theaters überhaupt. Aber auch die größten philosophischen Fragen ging er mit einfachsten Mitteln an. Der junge Brite, Sohn von nach England ausgewanderten Russen, der den harten, kommerziellen Londoner Theaterbetrieb durchlaufen hatte und in jungen Jahren schon ein in Europa bekannter Theatermacher war, der politisch auffiel, sich für Peter Weiss einsetzte, 1964 den Engländern den „Marat“ nahebrachte, die „Ermittlung“ 1965 auf der Insel durchsetzte, den Amerikanern mit der Anti-Vietnamkriegs-Collage „US“ 1966 entgegentrat und mit Größen wie Paul Scofield den „Lear“ und wie John Gielgud „Maß für Maß“ inszenierte und auf dem besten Weg war, ein Star des großen Theaterbetriebs zu werden – dieser schnell mit Ruhm, Glanz und Terminen Übererfüllte erlebte 1968 sozusagen seine franziskanische Wende.

Brooks Assisi wurde ein Buch: „Der leere Raum“. Bis heute eine Bibel für alle, die nach der Erlösung von allem Prunk, von Maschinen, Technik, Kostüm, Maske, Behang und Getue im Theater suchen. Brooks Genie aber bestand darin, dass er für alles, was er dem gängigen Theater nahm an Aufwand, Material, Verputz, Apparat, Bau und Überbau, also für alles, worum er es verarmen ließ – ihm überreichen Ersatz schuf. An Unmittelbarkeit. Und Zauber.

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Palmwedel zwischen nackten Zehen

Damals war ja die Theaterwelt davon überzeugt, dass ihre Kunst die Welt verändern könne – und die Welt bestand für sie in nichts anderem als in „der Gesellschaft“. Peter Brook glaubte als einer der Ersten im damals jungen Theater nicht an die Gesellschaftserlösung durch das Theater, er schwor dem brechtschen Dogma ab und fragte sich: Was wäre, wenn man annähme, dass das Theater nicht gerade neu erfunden, aber erst mal wieder neu geboren werden könnte?

Dazu zog er nach Paris in die Bouffes du Nord, einen in allen Moderfarben abblätternden ehemaligen Tingeltangeltempel. Und dort legte er seine Sandvier­ecke oder auch Teppiche aus. Sie konnten, ob als Prosperos Insel, als Hamlets Heimat, als Tschechows Kirschgarten, als indische Märchen-und-Macht-Enklave wie im „Mahabharata“-Epos eine ganze Welt bedeuten. Und als er 1990 ein paar Schauspielern Palmwedel zwischen die nackten Zehen steckte und jene sie sanft auf und ab zu bewegen anfingen, schien der ganze Raum derart ins Taumeln und Wanken zu geraten. So wurde aus Shakespeares „Sturm“ mit einfachsten Mitteln ein wahrhaft weltstürzendes Ereignis. Und als seine Winnie in Becketts „Glücklichen Tagen“ den Erdhügel, in dem diese unterkörperlose Gestalt steckt, trug wie einen großen Reifrock, glaubte man, der Reifrock fege tanzend und federnd eine ganze Welt beiseite.

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Sein Ensemble, das aus aller Welt kam, aus Afrika, Japan, England, Südamerika oder Deutschland, nahm er mit auf Entdeckungstouren in ihre Rollen hinein, die aus Rollen zu Existenzformen wurden. Was schon auch mal Monate dauern konnte, wenn Brook zum Beispiel seine Truppe zu einer Durchquerung der Sahara verführte, wo sie in den Tuareg-Dörfern den Wüstenbewohnern die „Konferenz der Vögel“ darboten, um herauszukriegen, wie ein uraltes Märchen auf Leute wirkte, die wohl uralte Märchen, aber kein Theater kannten.

Peter Brooks Theater war das demütigste und ärmste – und deswegen das reichste. Das wird es ohne ihn nicht mehr geben. Vor wenigen Wochen erst wurde er für seine letzte Arbeit gefeiert, als sein „Tempest Project“ in Paris Premiere hatte. Jetzt ist er im Alter von 97 Jahren in Paris gestorben. Er war ein Segen.

Quelle: F.A.Z.
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