Händel in Göttingen

Diese Kaiserin kriegt man nicht klein

Von Jan Brachmann
15.09.2021
, 13:35
Der Auguste-Viktoria-Dutt ist nicht so fest wie ihre moralische Haltung: Anna Dennis als Rodelinda in Händels gleichnamiger Oper
Sängerische Exzellenz und szenische Fantasie: Mit den Opern „Rodelinda“, „Ariodante“ und „Giustino“ feiern die Händelfestspiele Göttingen ihr hundertjähriges Bestehen nach.

Das ist große Kunst und zugleich ein echter Stunt! Nur Sänger können – gewiss mit Gänsehaut – nachvollziehen, was der Countertenor Christopher Lowrey in diesen Sekunden leistet: Während seine Beine auf dem Boden der Bühne des Deutschen Theaters Göttingen ausgestreckt sind, senkt er seinen Oberkörper ganz langsam nach hinten, bis er liegt. Doch damit nicht genug: Während er in quälender Zeitlupe sinkt, macht er ein herzzerreißendes messa di voce, ein An- und Abschwellen der Lautstärke, auf dem tadellos sauber, zudem spannungsvoll weich gesungenen Ton h. Versuchen Sie einmal, das zu Hause nachzumachen! Dazu braucht man nicht nur gut trainierte Bauch- und Beckenbodenmuskeln; dazu braucht man vor allem ein Zwerchfell wie aus orkanfestem Segeltuch.

„Vieni“, singt Lowrey auf diesem Ton, „komm“. Er ruft als entmachteter und totgesagter König Bertarido seine Gemahlin Rodelinda herbei, dass sie ihn trösten möge. Doch sie kommt nicht. Er sinkt zur süßesten Musik in eine Nacht ohne Halt. Am Ende geht natürlich alles gut in dieser Oper „Rodelinda“ von Georg Friedrich Händel, damit die herrschenden Verhältnisse gewahrt bleiben. Doch der junge Regisseur Dorian Dreher hat sich für das gute Ende eine dichte Folge von Pointen ausgedacht, die alles vom Putzigen ins Schaurige kippen lässt. Nur so viel sei verraten: Flavio, das Kind, dessen Leben mehrfach zum Mittel der Erpressung wird, stößt nicht nur – Kalle Gellert macht das ganz herzig – mit Sekt aufs gute Ende an, er lässt auch durchblicken, dass aus der Geschichte nichts gelernt wird und jede Generation die Verbrechen ihrer Vorgänger vergisst.

Mit „Rodelinda“ begannen 1920 die ersten Händelfestspiele in Göttingen, geleitet vom Kunsthistoriker Oskar Hagen. Und es war der Plan des Intendanten Tobias Wolff, der im Mai 2021 die Geschäfte bereits an Jochen Schäfsmeier übergeben hat, auch die Hundertjahrfeier mit „Rodelinda“ zu eröffnen. Die Pandemie hat das im letzten Jahr verhindert, doch kann das modifizierte Jubiläumsprogramm jetzt nachgeholt werden.

Dorian Drehers Inszenierung nimmt, auch dank der Ausstattung von Hsuan Huang, auf die Gründung der Festspiele Bezug. Er führt uns in die Zeit unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkriegs, als die großen Monarchien Europas zusammengebrochen waren. Wir erleben einen Diktator mit künstlerischen Ambitionen, der den legitimatorischen Glanz der Monarchie sucht. Thomas Cooley fasst diesen Grimoaldo in den Kontrast aus vokaler Subtilität und physischer Grobheit. Markus Piccio taucht dessen ästhetische Träume von der Formung der Zukunft ins Blaulicht der Fantasie, wodurch deren Romantik gleich den Schein des Kriminellen erhält.

Doch Anna Dennis als Rodelinda, deren Stimme an Wärme und Zartheit gewinnt, je weiter der Abend voranschreitet, ohne dass sie dabei an Brillanz verliert, widersteht den Avancen des Usurpators. Ihre moralische Festigkeit übertrifft jene ihres Kaiserin-Auguste-Viktoria-Dutts. Noch in der Beschwörung der geliebten Toten – wenn der Dirigent Laurence Cummings mit dem Festspielorchester Göttingen besonders kunstvoll zaubert und Solovioline sowie Traversflöte ihren Charme spielen lassen – bleibt sie eine Königin von unzermürbtem Stolz. Ihr Herz mag gebrochen sein, ihr Rückgrat ist es nicht!

Als die Festspiele vor hundert Jahren gegründet wurden, war die Aufführung von „Rodelinda“ eine Pioniertat. Denn obwohl Händel als einer der wenigen Komponisten vor Mozart auf eine ungebrochene Aufführungstradition verweisen kann, blieb diese Kontinuität auf dessen Oratorien beschränkt. Die Opern galten als unaufführbar und historisch überholt. Auch Oskar Hagen setzte damals stark auf Bearbeitungen und Kürzungen.

„Das war mitnichten ein Festival für historische Aufführungspraxis. Da ging es nicht um das Werk an sich. Ungekürzte Aufführungen waren die Ausnahme“, blickt Wolff zurück. Unter der künstlerischen Leitung von Günther Weißenborn, zwischen 1960 und 1980, haben Händels Opern beim Festival so gut wie keine Rolle mehr gespielt. „Es ging um ein Festival für die Stadt mit großen Stars, die dann oft überhaupt keinen Händel gespielt haben. John Eliot Gardiner hat in seiner Amtszeit übrigens nur eine einzige Händel-Oper aufgeführt. Erst mit Nicholas McGegan setzte dann 1991 wieder die starke Fokussierung auf die szenischen – auch historisch angelehnten – Aufführungen von Händels Opern ein. Wir rühmen uns zwar immer damit, dass wir eines der ältesten Festivals für Alte Musik sind, doch das, was man heute darunter versteht, setzte sich erst mit dem Einzug historischer Aufführungspraxis in den Achtzigerjahren hier durch.“

Ein Festival für die Stadt und deren Bürgerschaft, auch für die ganze Region Südniedersachsen im Harzrandgebiet sollen die Händelfestspiele künftig bleiben. Der neue Intendant Jochen Schäfsmeier hat den Rückhalt der Stadt und der privaten Förderer in der Region. Der neue Künstlerische Leiter, der Dirigent George Petrou, kommt selbst von der Barockoper, ist in diesem Jahr noch gleichzeitig bei Bayreuth Baroque, dem Festival von Max Emanuel Cencić im Markgräflichen Opernhaus, engagiert. Zu erwarten ist, dass nach vier Jahrzehnten britisch orientierter Händelpflege mit John Eliot Gardiner, Nicholas McGegan und Laurence Cummings ein eher mediterraner Ton in Göttingen einziehen wird. Mit den Händelfestspielen in Halle, die man in Göttingen nicht als Konkurrenten, sondern als Partner ansieht und die oft zeitgleich Ende Mai stattfinden, will man sich künftig über gemeinsame Vorhaben austauschen. Schäfsmeier hat schon erste Sondierungen mit Clemens Birnbaum vorgenommen.

Nicht umsetzen ließ sich für die Jubiläumssaison Wolffs Plan, alle 41 erhaltenen Händelopern in irgendeiner Form – und sei es als Bearbeitungen mit stark reduzierter Besetzung – ins Programm zu nehmen. Immerhin ist ein märchenhafter „Giustino“ darunter, bei dem die lautten compagney Berlin unter der Leitung von Wolfgang Katschner mit erdig-kreatürlicher Drastik zur Puppentheater-Version der Compagnia Marionettistica Carlo Colla e Filgli in der Stadthalle Osterode aufspielt. Die Inszenierung des 2017 verstorbenen Regisseurs Eugenio Monti Colla ist schon einige Jahre gezeigt worden. Und nicht nur im Sinne der Nachhaltigkeit, auch um ihrer selbst willen wäre es schön, diese Produktion, byzantinischen Mosaiken nachempfunden und in einen barocken Guckkasten mit Staffelprospekten samt Meereswogen gebracht, noch viele weitere Jahre zu zeigen.

„Ariodante“ war in Göttingens Lokhalle konzertant zu erleben. Wer dabei gehört hat, mit welch durchdringender Traurigkeit Emily Fons zum zertauenden Schmerz des Solofagotts die Arie des Ariodante „Scherza, infida“ – Scherze nur, Ungetreue – sang, kann verstehen, dass der junge Philippe Jaroussky nach dem Anhören dieser Arie vor Jahrzehnten den Wunsch gefasst hatte, Sänger zu werden. Es ist Musik, die uns auch nach 286 Jahren ohne Umwege trifft und das Begehren weckt, sie zu einem Teil unserer selbst zu machen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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