Zukunft des Theaters

Als Vision gesprungen, als Phrase gelandet

Von Hubert Spiegel
23.01.2021
, 10:38
Die Hamburger Lessingtage, erstmals digital: Zum Auftakt sprechen europäische Theatermacher über ihre Visionen. Aber haben sie überhaupt welche?

Ein Abend in der europäischen Covid-Union. Es ist neunzehn Uhr, die Laptops fahren hoch. Ein letztes Räuspern, das Festival wird eröffnet, das Streaming kann beginnen. Europa teilt dieselben Probleme, dasselbe Virus, dieselben Impfstoffe, wenngleich nicht in gleich großen Mengen. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Die Lessingtage, erstmals digital durchgeführt, stellen die Frage nach dem europäischen Theater der Zukunft. Anders gefragt: Teilen Europas Theater auch dieselben Visionen?

Die Veranstaltung eröffnet ein dreißigminütiger Film, der einige der bedeutendsten Theaterschaffenden Europas versammelt, wie es in der Ankündigung des gastgebenden Hamburger Thalia Theaters heißt. In kurzen, hintereinander geschnittenen Sequenzen sollen Regisseure, Intendanten und künstlerische Leiter aus Antwerpen, Berlin, London, Stockholm oder Moskau darlegen, welche Konsequenzen sie aus den Erfahrungen der Pandemie für die Zukunft des Theaters ziehen. Dass sie alle über künstlerische Visionen verfügen und auch darüber sprechen möchten, wird vorausgesetzt. Das ist vielleicht ein wenig kühn.

Jeder kommt mehrfach zu Wort. Es ist eine Collage, keine Diskussion. Die unterschiedlichen Positionen, Gedanken, Thesen wechseln einander ab. Der Erfahrungsaustausch ist auch ein Selbstinszenierungsforum. Denn jeder gestaltet seine Videosequenzen selbst. Die Bandbreite der Ansprüche ist groß.

Das Blut der Kunst

Den Anfang macht Simon McBurney, der künstlerische Leiter des Londoner „Complicité“. Er bleibt zunächst unsichtbar, lässt die Kamera über die Wiese vor dem Fenster seines Hauses in Gloucestershire gleiten und spricht aus dem Off über die Natur als gemeinsamen Erfahrungsgrund, der mit dem britischen „Inclosure act“ von 1773 eingeschränkt wurde. Dieses Gesetz ermöglichte die Privatisierung von zuvor gemeinschaftlich genutztem Land und ist bis heute in Kraft. McBurney fragt nach Wesen und Wirkung dessen, was heute unseren Alltag bestimmt und das Gegenteil des Theatererlebnisses darstellt: Trennung, Absonderung, Aufspaltung. Die Kamera ist jetzt ganz dicht an sein Gesicht herangerückt, als wollte sie jede Distanz überwinden.

Was werden die Leute sehen wollen?

Er sei zum Experten für Selbstisolation geworden, sagt der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, der an einem Schreibtisch vor einer Bücherwand sitzt. Von einer Rückkehr zu alten Verhältnissen will er nichts wissen. Stabilität sei ein Politikerwort und der Tod der Künste. Er spricht vom „Blut der Kunst“, das immer in Bewegung sein müsse. Er sei ein „Fan von Veränderungen“. Mattias Andersson vom Stockholmer „Dramaten“ wirkt ein wenig getrieben, als er eine berechtigte Frage stellt: Was werden die Leute sehen wollen, wenn sie nach der Pandemie in die Theater zurückkehren? Mateja Koleznik aus Slowenien scheint die Antwort schon zu kennen: Gefühle, Empathie, „big stories“.

Konkurrenz für Netflix?

Spielen die Künstler sich die Bälle zu oder reden sie aneinander vorbei? Thomas Ostermeier von der Berliner Schaubühne mahnt mit strengem Blick auf aktuelle Streaming-Produktionen höchste technische Aufnahmestandards an: Man müsse schließlich auch technisch mit Netflix-Serien konkurrieren. Warum sollten die Leute sonst einschalten? McBurney erinnert daran, dass Theaterbesucher nicht nur etwas bekommen, sondern auch etwas aufgeben müssen: Sie sind nicht mehr Herren der Zeit, können nicht zurückspulen, anhalten oder wiederholen, was auf der Bühne passiert. Der Regisseur Christopher Rüping hat ein Basilikumtöpfchen aus seiner Küche geholt, hält es sich vors Gesicht und wünscht sich für die Zukunft große Grünpflanzen in sonnendurchfluteten Theaterfoyers mit offenen Dächern und festangestellten Grünzeugpflegern. Maryna Davydova aus Moskau sieht in der Pandemie auch eine Chance, dem Produktionsdruck am Theater zu entfliehen. Wer als Künstler gerade nichts zu sagen habe, könne zur Abwechslung ja einfach mal schweigen.

Für viele ist das leichter gesagt als getan. Thomas Ostermeier hat sich in den letzten Monaten sogar bemüht, „einen Diskurs zu etablieren“. Für die Zukunft wünscht er sich das bedingungslose Grundeinkommen nicht nur für Künstler, sondern für alle, in Deutschland und vielleicht sogar in ganz Europa. In Deutschland spielt die Kultur in der Politik eine größere Rolle als in vielen anderen Ländern. Das ist schön, hat aber einen Nebeneffekt: Hierzulande antworten Künstler, wenn sie nach ihren ästhetischen Visionen gefragt werden, offenbar besonders gern mit politischen Phrasen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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