FAZ plus ArtikelHandke-Uraufführung

Weil ihm auf dieser Erde nicht zu helfen war

Von Simon Strauß, Salzburg
Aktualisiert am 03.08.2020
 - 17:23
In Stahlgittern: Das Ensemble der Uraufführung von Peter Handkes „Zdeněk Adamec“, in der Mitte Christian Friedel
Bei den Salzburger Festspielen wird Peter Handkes Märtyrer-Szene „Zdeněk Adamec“ uraufgeführt. Der Text ist groß, die Inszenierung wirkt hilflos. Nur einer malt inbrünstig Fluchtwege in die Luft.

Vielleicht war es so: dass dieser junge Mann, ein achtzehnjähriger tschechischer Fachschüler aus dem böhmischen Hochland, der sich später auf dem Prager Wenzelsplatz mit Benzin übergoss und selbst verbrannte, dass der, bevor er zum Selbstmörder wurde, einem Mädchen seinen Zauberort im Wald zeigen wollte. An einem strahlenden Sommertag stieg er mit ihr hinauf zu seiner Lichtung, bei jedem Abzweig jauchzte er froh im Vorgefühl, ihr gleich den geheimen Ort zu offenbaren. Mit schnellem Schritt lief er um die letzte Biegung auf eine Anhöhe und drehte sich voller Erwartung zu ihr um. Aber kein Funkeln, kein Staunen zog ihr übers Gesicht, gleichgültig stand sie neben ihm und stellte keine Frage. Sein idealer Ort kam nicht an, er wirkte nicht auf sie, aller Zauber, alle Schönheit wurden mit einem Mal sinnlos und stumpf. „Zeig niemandem deine Heimat“ – an das Gebot hätte er sich halten sollen. Stattdessen verkroch er sich danach in fensterlose Innenräume vor seinem Bildschirm und kehrte nie wieder zu seiner Lichtung zurück.

Am 6. März 2003 hat sich Zdeněk Adamec aus Protest gegen den Zustand der Welt selbst verbrannt. An der gleichen Stelle wie Jan Palach, der sich dort 1969 wegen der militärischen Niederschlagung des Prager Frühlings das Leben nahm. Zwei Polizisten löschten die Flammen, der Rettungsdienst traf innerhalb von Minuten ein. Der 1984 geborene Student erlitt Verbrennungen zweiten und dritten Grades am gesamten Körper und starb vierzig Minuten später auf dem Weg ins Krankenhaus. Er gehörte zu einer Gruppe von Hackern, die sich „Darkers“ (die Verdunkler) nannten und deren Ziel es war, Teile des Stromnetzes zu unterbrechen, um die Umwelt von künstlichem Licht zu befreien. Eine Welt ohne falschen Anschein war ihre Utopie, die Sehnsucht nach einem schwarzen Nachthimmel trieb sie an. In seinem Abschiedsbrief, den man nach Adamecs Flammentod fand, stand am Ende: „Bitte, macht keinen Narren aus mir.“

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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