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Oper „Orest“ in Zürich

Der Nachbarsjunge ruft zur Revolte

Von Eleonore Büning, Zürich
 - 17:13
Helena (Claudia Boyle), bar jeder Ahnung, was sie da bei den Griechen wieder alles angerichtet hat.

Hier nagt die Bürgerschaft jedenfalls nicht am Hungertuch. Wer sich in der schönen Stadt am Zürisee ein Premierenabo hält, der kann es sich leisten, auch mal zu Haus zu bleiben und die hochpreisigen Parkettkarten verfallen zu lassen. Solches geschah zigfach und schier demonstrativ am Sonntagabend, als erstmals die Oper „Orest“ von Manfred Trojahn auf dem Spielplan stand, als Schweizer Erstaufführung, in der Regie von Hans Neuenfels, dirigiert von Erik Nielsen. Halbe Reihen blieben leer.

Offenbar trifft es immer noch zu, was man früher sagte: dass das Zürcher Opernpublikum von Herzen gestrig und seit der Pereira-Ära abonniert sei auf gewohnt glamouröse, gewöhnliche Unterhaltungskost, obgleich doch, wie Intendant Andreas Homoki im Magazin ermutigt, die Pflege der Gegenwartsmusik inzwischen explizit in der „Leistungsvereinbarung zwischen dem Kanton Zürich und dem Opernhaus“ festgeschrieben steht. Schade. Oder vielmehr: Selbst schuld! Nur wer die Neugier kennt, verpasst nicht die Sensation. Das Beste, was einem, selten genug, im Theater überhaupt passieren kann, das sind Überraschung, Erschütterung oder auch Begegnungen mit sich selbst, was man früher, in der Antike, Katharsis zu nennen pflegte.

Alt, und doch erschreckend neu

Die erste Sensation dieses Abends ist der Wiener Bariton Georg Nigl. Als geborener Komödiant und charismatischer Entertainer ist er heiß wie ein Vulkan, der unablässig Feuer speit. Als Sänger aber ist Nigl so etwas wie der neue Orpheus. Allein durch die verführerische Körperlichkeit seiner Stimme, ihre Süße und Schärfe, Wärme und Wucht könnte er Steine zum Weinen bringen. Freilich, das allein würde dem armen Orest, der seine Mutter erschlug und, nach den Gesetzen Apolls und denen der Menschen, jetzt weiter morden soll, wenn er nicht selbst ermordet werden will, obgleich er doch das Töten ebenso hasst wie das ewige Kriegführen der Atriden, gar nichts nützen.

Frei nach der Tragödie des Euripides hatte Manfred Trojahn 2011 als Auftragswerk für das Amsterdamer Opernhaus diese „Orest“-Oper geschrieben, mit so durchschlagendem Erfolg, dass das Stück zur Uraufführung des Jahres gewählt und alsbald nachgespielt wurde. Nun also, nach Inszenierungen von Katie Mitchell und Enno Lübbe, erstmals erzählt von Neuenfels. Ob als neurotische Familienaufstellung aufgefasst oder als Zerrüttung des vereinzelten Einzelnen in der psychedelisch changierenden Klapse – es ist immer dieselbe alte Geschichte. Und bleibt doch schrecklich neu. Schlagen sich heute etwa nicht tausendfach kriegstraumatisierte junge Männer in Europa mit dem Problem herum, nicht zu wissen, wo sie mit sich hinsollen?

Eine mit Blut geschriebene Frage

Neuenfels erspart uns und Orest oberflächliche Aktualisierung. Er bürstet jedoch, zur genaueren Kenntlichmachung der Charaktere, gemeinsam mit Bühnenbildnerin Katrin Connan und Kostümbildnerin Andrea Schmidt-Futterer die Bilderwelt der Atriden kaltlächelnd gegen den Strich. Dass der eitle Menelaos (Raymond Very) vor lauter Samt und Schleppe kaum laufen kann; dass sich seine Helena wie ein Marsmensch in der viel zu großen Hülle eines Sternenmantels hereinschiebt, Elektra als burschikose Blaumann-Arbeitsmaid, Apoll/Dionysos (brillant gesungen von Airam Hernandes) mit Köfferchen als magischer Handlungsreisender erscheint, das Trojanische Pferd indes aus seinem Inneren, Jahre nach Kriegsende, immer noch massenhaft tote Griechen ausspuckt, einen nach dem anderen, die, oben bis an die Zähne bewaffnet, unten mit erbarmungswürdig grau und nackt baumelnden Pimmelchen, Helena umschwärmen wie Motten das Licht; all das bewirkt eine ironische Distanz, die dem Drama der von Trojahn entfalteten musikalischen Formen- und Farbenfülle erst so recht Raum öffnet und Geltung schafft.

Nur ein Mal, im sechsten Bild der Oper, nachdem Orest, wider Willen, seine ebenso schöne wie dumme Tante Helena massakriert hatte, spricht Neuenfels, wie er es früher öfter mal tat, von außen hinein in die Story. Von oben schiebt sich eine Kommentarzeile ins Bild, eine Frage, geschrieben wie mit Blut, ein Menetekel in roter Leuchtschrift: „Was werden wir tun, wenn es am Himmel keine Sterne und keine Götter mehr gibt?“

Anders, als es Euripides vorsah, gibt die Oper darauf eine Antwort. Orest alias Nigl, der, trotz seiner leuchtenden Aura, nicht eine Sekunde auf Kothurnen herumstelzt, vielmehr barfuß läuft und ungeheuer gegenwärtig und diesseitig wirkt, wie ein verwirrter Nachbarsjunge von nebenan, entschließt sich zur Revolte. Er demontiert die alten Götter. Er kündigt seine Rolle auf, sucht die Freiheit, ohne Familie, in sich selbst. Das ist es, was zu tun bleibt. Nur die junge, puderfarbene Unschuld, Hermione, folgt ihm. Vielleicht.

Mit vier hellblauen Äuglein grüßt die Kakerlake

Zweite Sensation des Abends ist die von der Zürcher Theaterplastik entwickelte Zikade mit dem Babykopf, die zunächst als einzig ehrliche Ansprechpartnerin für Hermione fungiert, so wie das Kaninchen für Alice im Wunderland. Ein bisschen erinnert dieses surrealistische Geschöpf, das, etwa von der Größe eines Bordkoffers, ferngesteuert mit seinen silbernen Beinchen kreuz und quer durch die psychedelisch graukarierte Gummizelle krabbelt, die dem Umriss nach wohl nichts weiter darstellen mag als die Burg Mykene, wo sich alle natürlich laufend wiedertreffen, die Lebenden und die Toten, Götter und Geister, an eine Kakerlake, die mit vier hellblauen Äuglein janusköpfig freundlich nach allen Seiten grüßt. Und daran, dass Hans Neuenfels einst von Max Ernst geprägt wurde.

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Hermione (charmant, soubrettenhell, leicht ungenau: Claire de Sévigné), Tochter der Helena (Claudia Boyle, hoch, klirrend, präzise, koloraturbeweglich), wurde während des Trojanischen Krieges bei deren Schwester Klytämnestra aufgezogen und steht nun als Nächste auf Elektras Abschussliste. Die Zykade hilft, etwas Luft hereinzulassen in diesen dunklen, hohen Pathosfluss. Dritte Sensation des Abends aber ist das rosenkavalereske, intensiv aufblühende Terzett der drei Atridendamen, im zweiten Bild.

Keine Bange um das Publikum

Sie singen aneinander vorbei, wundersam elaboriert, total unwiderstehlich, in verräterisch schönster Homophonie. Wobei die stärkste, vitalste Stimme im Bunde der dunkelblau abgetönte, große Mezzosopran von Ruxandra Donose ist, die sich als schicksalposaunende Elektra kaum einen Millimeter weiterentwickelt hat (seit Richard Strauss) und am Ende von Orest in der Ecke stehen gelassen wird, wie ein alter Regenschirm. Ein Glück, dass Erik Nielsen und das Philharmonia Orchestra Zürich, von zwei, drei winzigen Blechbläserpannen abgesehen, die tief gestaffelte Sprachgewalt und bildhafte Gestenvielfalt der Trojahnschen Musiksprache so sauber auszuleuchten und auszudifferenzieren weiß.

Dergestalt aufgeführt, versteht sich diese komplexe Komposition fast wie von selbst. Und solange es Interpreten gibt wie Nigl und Donose, muss einem nicht bange darum sein, dass der neuen Musik eines Tages das Publikum aussterben könnte.

Quelle: F.A.Z.
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