FAZ plus ArtikelPorträt einer jungen Ballerina

Höher und immer höher springen

Von Wiebke Hüster
Aktualisiert am 26.11.2020
 - 06:17
Ehrgeiz hat sie, aber auch sehr viel Spaß: Ballerina Laura Laetitia Naber in ihrem Lieblingskostüm.
La petite danseuse: Porträt einer jungen und sehr mutigen Ballerina, die ganz groß werden will und keine Angst vor dem Scheitern hat.

Laura Laetitia Naber ist elf Jahre alt, 1,42 Meter groß und wiegt 29 Kilogramm. Sie trägt eine pastellfarbene Winterjacke und warme Schuhe. Ihre helle Haut lässt kleine blaue Adern durchschimmern. Sie sieht hübsch aus, und ihr Blick ist forschend. Sie schaut wie jemand, der seine Aufgabe kennt und daran arbeitet, sie gut zu erfüllen. Die Aufgabe ist nicht einfach: Laetitia hat sich entschieden, eine Ballerina zu werden, und sie arbeitet jeden Tag daran. An diesem Wintersonntag hat sie ein paar Stunden freie Zeit. Es sind 10 Grad in Berlin, aber die gefühlte Temperatur liegt darunter. Laetitias blonder, geflochtener Zopf ist länger als ihr Anorak. Der Himmel über Weißensee schwebt grau über Straßenbäumen, in denen die Nässe hängt. Wir sitzen in dicken Jacken und in Fleecedecken gewickelt auf der Terrasse eines Biorestaurants. Es gibt Ofenkartoffeln mit Lachs, Spaghetti und zum Nachtisch heiße Schokolade mit Sahne.

Laetitia ist ruhig, gelassen, aber auch ein bisschen scheu. Schließlich ist sie kein Kinderstar wie Shirley Temple. Obwohl man sie womöglich so betrachten könnte, denn sie hat gerade ein Vortanzen für eine Kinderrolle im Friedrichstadtpalast für sich entschieden. Shirley Temples erste Karriere war allerdings in Laetitias Alter bereits vorbei - die 29 Filme als Kinderstar hatte sie zwischen dem vierten und zehnten Lebensjahr gedreht. Laetitia ist in Dresden geboren und absolviert seit August 2019 an der Staatlichen Ballettschule Berlin die Ausbildung zur klassischen Tänzerin. Wie es dazu kam? Jetzt lächelt sie wieder dieses große, ernste, etwas nachsichtige Lächeln. So muss Julia Roberts als Kind ausgesehen haben. Sie sagt, sie habe schon getanzt, kaum dass sie laufen konnte, sowie Musik erklang. Es gibt diese Kinder, die tanzen, bevor sie Laufen lernen, wie in dem Abba-Song „Thank You for the Music“. Für Laetitias Mutter, eine Sprachlehrerin und ehemalige Profisportlerin in der Disziplin Rhythmische Sportgymnastik, lag es nahe, das offensichtliche Talent ihrer einzigen Tochter zu fördern. Mit ihrem Mann Peter, der einen Bauelementefachhandel betreibt, ist sie sich darin einig. Die kleine Familie hat entschieden, dass Laetitia nicht im Internat leben soll, sondern dass ihre Mutter die Woche über mit ihr in Berlin lebt. Der Vater kommt am Wochenende. Das ist die Lösung einstweilen. Aber sie befinden sich immer im Gespräch darüber, was die nächsten richtigen Schritte sind und ob es allen gut geht dabei. Man spürt Liebe und nicht Ehrgeiz. Den Ehrgeiz hat Laetitia. Die Eltern empfinden Stolz.

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Quelle: F.A.Z.
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