In Englands Opern

Dieses trojanische Pferd ist aus Altmetall

Von Gina Thomas, London
04.07.2012
, 12:02
Selbst bei griechischen Schlachtrössern herrscht jetzt schon Sparzwang! Das Pferd in Londons neuen „Trojanern“ ist arg transparent, schlägt dafür aber Flammen.
Nach vierzig Jahren kehren „Die Trojaner“ auf die Bühne von Covent Garden zurück. Das Glyndebourne Festival beglückt mit „Figaro“, und die English National Opera geht mit „Billy Budd“ auf Tauchstation.

Ob in der bukolischen Landschaft von Wormsley Park, im mondänen Covent Garden oder in der ehemaligen Chemiefabrik von Birmingham, wo im August die erste vollständige Aufführung von Stockhausens fünfstündiger Oper „Mittwoch“ aus dem „Licht“-Zyklus erfolgen soll: Das olympische Fieber hat auf die britische Opernwelt übergegriffen. Während sich die Garsington Opera in ihrem zweiten Jahr auf dem Getty-Anwesen in den Chilterns mit der britischen Erstaufführung der Vivaldi-Rarität „L’Olimpiade“ auf einen thematischen Bezug zum Mega-Sportfest beschränkt, haben sich Covent Garden und die Birmingham Opera Company vom Hang zur Gigantonomie anstecken lassen, den Olympiaden zu erzeugen scheinen.

Das Londoner Opernhaus hat sich der fraglos olympischen Herausforderung gestellt, beide Teile des fünfaktigen Monumentalwerks „Les Troyens“ von Hector Berlioz ungekürzt an einem Abend zu geben. Berlioz selbst war es nicht vergönnt, seinen Lebenstraum einer Vertonung der „Aeneis“ jemals vollständig auf der Bühne zu sehen. Erst hundert Jahre nach seinem Tod brachte die Scottish Opera in Glasgow 1969 die beiden Teile „Die Einnahme von Troja“ und „Die Trojaner in Karthago“ zur vollständigen szenischen Aufführung, allerdings auf Englisch. Wenige Monate später folgte zum Berlioz-Jubiläumsjahr an der Covent-Garden-Oper eine Inszenierung in der Originalsprache, dirigiert von Colin Davis, dem großen (Wieder-)Entdecker von Berlioz.

Eine geschäftige Inszenierung

Umso höher nun die Erwartungen beim jüngsten Londoner Versuch, Berlioz’ Opernepos nach einer Pause von vierzig Jahren endlich wieder auf die Bühne von Covent Garden zu bringen - diesmal in einer keinen Aufwand scheuenden Inszenierung von David McVicar und mit Antonio Pappano am Pult. Dem Regisseur ist allerdings nichts Originelleres eingefallen, als Troja in die Zeit des Krimkrieges zu verlegen, der gerade tobte, als Berlioz sein Antikendrama komponierte. Die belagerten Trojaner haben sich in einer metallenen Zitadelle verschanzt, die aussieht wie ein Gasometer; das hölzerne Pferd ist ein gigantisches, feuerschnaubendes Konstrukt aus Altmetall vom Schlachtfeld, und in der verkohlten Düsternis der besiegten Stadt drücken die trauernden Frauen biedermeierliche Porträts ihrer gefallenden Ehemänner an die Brust. Im Karthago der Bühnenbildnerin Es Devlin trifft Tausend-und-eine-Nacht auf good old Hollywood.

Jonathan Summers, Darren Jeffery und Thomas Fetherstonhaugh als Mr Redburn, Mr Flint und Cabin boy in „Billy Budd“ der English National Opera
Jonathan Summers, Darren Jeffery und Thomas Fetherstonhaugh als Mr Redburn, Mr Flint und Cabin boy in „Billy Budd“ der English National Opera Bild: AP/Henrietta Butler

Vor der in mediterranem Licht gebadeten Sandsteinkulisse einer Kasbah liegt im zweiten Teil ein Modell von Didos Karthago, das im nächsten Akt über der Bühne hängt und im letzten Bild - der römischen Prophezeiung entsprechend - zerbrochen ist. Ganz im Stil der Grand Opéra trumpft McVicar bei Didos Liebestod-Finale mit einer Riesenbüste Hannibals auf, die wiederum aus Kriegsschrott gebastelt ist. Tiefere Einsichten über den Untergang von Weltreichen oder die Verheerungen des Krieges, wie sie McVicar mit der Krimkrieg-Parallele andeutet, sind seiner geschäftigen Inszenierung jedoch nicht abzugewinnen. Sie erschöpft sich in großspurigen Oberflächlichkeiten, vergreift sich in unsäglichen Ballettübungen und hat den Beigeschmack des hohlen Gepränges von „Aida“-Triumphmärschen in der Arena von Verona.

Mit einem Hauch von tragischem Pathos

Die Dynamik der Vorstellung beruht ganz auf der musikalischen Darbietung, zu deren glanzvollen Höhepunkten der von Renato Balsadonna einstudierte Chor und Anna Caterina Antonaccis intensive Charakterisierung der in den Wahn abgeglittenen Kassandra gehören. Angewidert schaut die verkannte Prophetin auf ihre Hände, denen das Symbol ihres seherischen Auges aufgemalt ist. Mit flammendem Blick, düsterem Timbre und beispielhaft klarer Diktion bringt sie die archaische Kraft der griechischen Mythologie vortrefflich zur Geltung - anders als ihr weiblicher Gegenpart in Karthago, Eva-Maria Westbroek, deren Dido trotz geschmeidiger Leuchtkraft in der Stimme wenig königliche Aura verströmt. Wenn die Herrscherin ihr Volk um sich versammelt, um ihm für die Erbauung Karthagos zu danken, wirkt sie wie eine Kindergärtnerin in der Märchenstunde. Erst in ihrem Abschied erlangt sie einen Hauch von tragischem Pathos.

Der für den erkrankten Jonas Kaufmann eingesprungene Amerikaner Bryan Hymel schlug in der Monsterrolle des Aeneas schöne heldentenorale Töne an, die ihm als zwischen Liebe und Pflicht zerrissenem Krieger nach seiner großen „Inutiles regrets“-Arie heftigen Applaus eintrugen. Im unteren Register fehlt es ihm jedoch an expressivem Ausdruck. In den kleineren Partien stechen der profunde Bass von Brindley Sherratt als Narbal und Ed Lyon mit dem von der Sehnsucht nach der Heimat singenden Lied des jungen Seemannes hervor. Das große Ganze im Blick wahrend, hat Antonio Pappano den weit gespannten Bogen von lyrischer Melodik zu romantischer Emphase in seinen vielen Nuancen erfasst, federnd und ohne sich im Detail zu verheddern.

Eine fulminante und differenzierte Interpretation

Was den „Trojanern“ an szenischer Überzeugungskraft fehlte, ist an der English National Opera in einer eindringlichen neuen Aufführung von Benjamin Brittens Meisterwerk „Billy Budd“ zu bewundern. David Alden löst die Oper aus ihrem spezifisch englischen Ambiente und inszeniert sie in Paul Steinbergs Bühnenbild eines rostenden U-Boot-Rumpfes als beklemmendes Drama über die Entmenschlichung des Menschen durch den Menschen, geortet in einer an Sowjet-Zeiten erinnernden Diktatur. Hier geht es folgerichtig eher um systematische Verknechtung als um die verbotenen Gefühle, die sich beim sadistischen Claggart ins Böse verkehren, während sich Kapitän Vere vor der Verantwortung ins Regelwerk der Marine flüchtet.

Vito Priantes Figaro und Lydia Teuschers kesse Susanna entzücken beim Glyndebourne Festival mit frischem, klangvollen Charme
Vito Priantes Figaro und Lydia Teuschers kesse Susanna entzücken beim Glyndebourne Festival mit frischem, klangvollen Charme Bild: Alastair Muir

Obwohl der Bariton Benedict Nelson immer wieder Mühe hat, sich gegen das Orchester durchzusetzen, und lediglich in seinem berührenden Abschiedsmonolog die Anforderungen der Titelrolle erfüllt, sorgen die furchtsame Durchtriebenheit von Matthew Roses Claggart, Kim Begleys feinsinniges Porträt des schuldgeplagten Vere, sängerische Kabinettstückchen wie der Dansker des altgedienten Gwynne Howell und vor allem Edward Gardners ebenso fulminante wie differenzierte Interpretation der Partitur für einen packenden Opernabend.

Weniger spitzig als gewohnt

Bei seiner Neuinszenierung von Mozarts „Le Nozze di Figaro“ für das diesjährige Glyndebourne Festival spielt Michael Grandage dem Publikum anfangs einen Streich: Er wiegt es in dem falschen Gefühl, einer durch und durch traditionellen Aufführung beizuwohnen. Erst wenn das flotte rote Kabrio vor dem maurischen Palast der Almavivas vorfährt und ihm das gräfliche Jetset-Paar entsteigt - er mit langer Beatles-Frisur, sie in langem Pucci-Gewand -, weiß man, dass der „tolle Tag“ in der reichen Playboy-Welt der sechziger Jahre spielt, wo die für die Handlung wesentliche Klassenunterschiede zwischen Herrschaft und Personal verschwommen sind. Statt sich gegen den Adel aufzubäumen, kiffen die Angestellten mit ihren Vorgesetzten.

Audun Iversons grapschendem Graf fehlt es an patriarchalischem Hochmut, Sally Mathews warm getönte, etwas zu vibrierende Gräfin ist eine gezierte höhere Tochter, der bewusst geworden ist, dass Glanz und Glamour nicht alles sind im Leben. Vito Priantes Figaro und Lydia Teuschers kesse Susanna entzücken mit frischem, klangvollen Charme. Auch hier zeichnen sich wieder einige kleinere Partien durch musikalisches und schauspielerisches Können aus, insbesondere die köstliche Ann Murray als Marzelline und Isabel Leonard als munterer Cherubino. Unter Robin Ticciati, der in der übernächsten Saison Wladimir Jurowski als Musikdirektor von Glyndebourne ablöst, klang das für seine historische Aufführungsparaxis bekannte Orchestra of the Age of Englightenment weniger spitzig als gewohnt.

Die Garsington Opera, die in Wormsley Park eine etwas bescheidenere Variante der in Glyndebourne entwickelten Landhausoper bietet, hat sich zwar mit „L’Olympiade“ eines geringeren Stoffes angenommen. Doch ließ sich das Publikum von David Freemans witziger Aktualisierung, Laurence Cummings humorvollem Zitat eines Motivs aus dem „Chariots of Fire“-Film in die Vivaldi-Partitur und dem hohen Niveau der sängerischen Darbietung überzeugen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Londoner Olympiade ohne die Schummelei über die Bühne geht, die hier der verworrenen barocken Handlung zugrunde liegt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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