FAZ plus ArtikelItaliens Opern und Corona

National-populärer Luxus

Von Klaus Georg Koch
09.12.2020
, 11:12
Die Corona-Krise sorgt an Italiens Opernhäusern für erstaunliche Innovationen im technischen Bereich, denen sie sich lange widersetzt hatten. Künstlerisch allerdings ergeht man sich in Äußerlichkeiten und Albernheiten.

Seit dem Jahr 1985 haben die Werkstätten der Scala nicht mehr so viel gezimmert wie in den letzten Wochen. Damals war für Luigi Nonos neue Oper „Prometeo“ ein hölzerner Musikraum gebaut worden, halb Arche, halb bewohnbare Gitarre. Renzo Piano hatte ihn erdacht, Claudio Abbado dirigierte. In den letzten Wochen dagegen entstand ein Podest. Die Musiker der Scala mussten raus aus dem Orchestergraben, nach einer Infektionswelle in Chor und Orchester führte kein Weg an einer Vergrößerung der Abstände vorbei. Im Parkett des Opernhauses war Platz – es darf ja kein Publikum herein. Über die roten Samtsitze wurde eine Plattform gebaut.

Der „Prometeo“ von 1985 hat Musikgeschichte geschrieben, und das wollten die Beteiligten auch: Sie arbeiteten für den Fortschritt – der Kunst und der Gesellschaft. Die aktuellen Neuerungen an der Scala sind dagegen der Problemlösung geschuldet. Irgendwie muss das Opernhaus etwas produzieren, und irgendwie muss das Produkt zum Publikum. Dazu wird die produktive Architektur des Theaters umgekrempelt. Wirtschaftlich gesehen gehören Parkett und Logen sowohl in den Bereich der Produktion als auch in jenen der Distribution: Produktiv sind sie, denn die Aufmerksamkeit, Begeisterungsfähigkeit und Sachkenntnis des Publikums tragen zur Qualität einer Aufführung bei. Distribution findet statt, insofern Zuschauer Konsumenten sind. Mit dem Orchester im Parkett und dem Chor in den Logen wird nun das ganze Haus zum Produktionsort. Für die Distribution bedient man sich des Streamings beziehungsweise seiner Urform, der Fernsehübertragung.

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