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Schauspiel Frankfurt

Zur Hölle mit den anderen

Von Eva-Maria Magel
 - 18:23
Gehetzt und ohne Zeit: Die Insassen in „Geschlossene Gesellschaft“.

In den vergangenen Jahren, sagt Johanna Wehner, habe sie sehr viele Stücke inszeniert, die mit Endzeit oder Jenseits zu tun hatten – immer aus der Perspektive der Lebenden. Diesmal hat sie es mit Toten zu tun, und das ist ebenso bitter und böse wie komisch. Denn „Huis clos“, Jean Paul Sartres während der Besatzung von Paris 1944 rasch geschriebenes Stück, ist zwar eine Art Fleischwerdung seiner existenzialistischen Philosophie und seines Hauptwerks „Das Sein und das Nichts“, das im Jahr zuvor fertiggestellt war, aber das Ganze auf der Folie eines heute beinahe vergessenen Genres, der gehobenen Konversationskomödie. Eine Staubschicht liege auf dem Text, mutmaßt Dramaturgin Ursula Thinnes gar. „Ich habe die nicht gesehen“, sagt Wehner – oder sie hat einfach durchgeschaut.

Für Wehner, einst Teilnehmerin am damaligen Regiestudio des Schauspiels Frankfurt, passt das Stück nicht nur, weil sie sich jetzt endlich einmal ausdenken kann, nach welchen Spielregeln wohl ein Jenseits aus der Sicht seiner Insassen funktioniert. Einen „kriminellen Spaß“ habe sie dabei gehabt, allerdings seien etliche der spielerischen „Faxen“, die ihr da so in den Sinn kamen, auch wieder verschwunden im Lauf der Auseinandersetzung mit dem Text. Denn weder sollte ein zu diskursives Stück herauskommen noch eines, in dem man vergeblich nach dem Sinn sucht.

Moderner Selbstoptimierungswahn

Geschrieben in Simone de Beauvoirs Pariser Hotelzimmer, gedacht als Stück für befreundete Kollegen und Schauspieler, in dem Albert Camus, wäre es nicht zum großen Krach mit Sartre gekommen, den Garcin hätte spielen und Regie führen sollen, ist „Geschlossene Gesellschaft“ damals rasch uraufgeführt worden – heute wird es selten gespielt, auch wenn ein Satz zum geflügelten Wort geworden ist: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Aber ist das so? Oder sind die Hölle nicht doch eher wir selbst? Wehner hat unter anderem Philosophie studiert und sich damals intensiv mit dem Existenzialismus auseinandergesetzt, insofern ist „Geschlossene Gesellschaft“ geradezu ein gefundenes Fressen.

Erst recht, weil Wehner, die sich als „so sehr literaturverliebt“ bezeichnet, grundsätzlich eine eigene Stückfassung schreibt. Keine, die mit Fremdtexten hantiert oder eine Stückentwicklung, sondern eine, die aus dem Text eine These entwickelt. Da sortiert sie Erzählstränge aus, sucht die Motive, die sie tragen und geht damit in die Probenarbeit. Und da ist sie auf etwas gekommen, was ganz und gar nicht nach staubigem Konversationsstück, sondern nach heutigem Selbstoptimierungs- und Selbsterklärungswahn klingt: Warum, hat sich Wehner gefragt, machen diese vier eigentlich alles weiter, was sie im diesseitigen Leben so hetzt? Warum reden sie andauernd davon, wer und wie sie sind? Die Figuren kämen einfach nicht aus der Hölle der ständigen Selbstkonzeption heraus. Einer Hölle also, die sehr diesseitig ist, während das Jenseits doch im Grunde ein sehr komfortabler Ort und Zustand sein könnte – jedenfalls so, wie Sartre ihn beschreibt. Die Insassen aber, so Wehner, seien gehetzt, ohne Zeit, gefangen, so wie es heute, begraben unter de Floskel „alles gut“ der Alltag vieler Leute zu sein scheint.

Für Wehner hat das auch damit zu tun, dass man sich heute das Jenseits nicht mehr leiste. Wenn die Ewigkeit fehle, müsse alles im Hier und Jetzt erledigt werden. Übertragen in das Hotelzimmer Hölle, lautet das Versprechen, es erwarte den Zuschauer ein „großer Spaß mit erstaunlicher Tragik“. Zumal Wehner begeistert von dem ist, was ihre Schauspieler aus ihrer Vorlage machen. Die eigentlich kleinere vierte Rolle, den Diener, hat sie ausgebaut und mit ihrer „Theaterkomplizin“ Heidi Ecks besetzt. Inès, Estelle und Garcin werden gespielt von Anna Kubin, Patrycia Ziolkowska und Matthias Redlhammer, Felix Lange macht die Musik, denn Rhythmus soll die Basis des Erzählens werden. Keine schlechte Idee, wenn nur vier Leute die Bühne, oder zumindest die Vorderbühne des riesigen Großen Hauses bespielen. Denn aus dem Theater kommt man, das ist dann doch ein bisschen so wie in Sartres Hölle, zumindest für die Zeit des Spiels nicht mehr raus. Die anderen auch nicht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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