„Alkestis“ in Epidaurus

Die Königsmemme von Thessalien

Von Hubert Spiegel
06.07.2022
, 16:20
„Alkestis“ im Amphitheater von Epidaurus
Zehntausend Sitzplätze am Rand der Peloponnes: Johan Simons inszeniert Euripides im antiken Theater des Asklepios und bringt die todgeweihte Alkestis zum Tanzen.
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Zuerst kommen die Nachtfalter, dann die Fledermäuse. Als die Sonne allmählich hinter den Bergen von Argos versinkt, ist das große Theater von Epidaurus noch leer. Die Hitze des Tages lässt ein wenig nach, und vom Meer her weht ein schwaches Lüftchen, das sich alle Mühe gibt, aber es will einfach kein Wind daraus werden.

Hinter der Orchestra, der kreisrunden Bühnenfläche, steht ein kleiner Wohnwagen. Das ist der Palast des Königs Admetos. Weiter hinten sind einige Campingzelte zu sehen, zwischen denen ein alter VW-Bus und ein blauer Käfer mit einem Dachgepäckträger stehen. Ein Junge ist in sein einsames Fußballspiel versunken. Dass er ein Königssohn ist und bald seine Mutter verlieren wird, ist noch nicht zu erahnen. Fremdartig und bedrohlich in diesem Nomaden-Idyll wirkt der große schwarze Mercedes, der rechts neben dem Palast zu lauern scheint. Die Heckklappe ist weit geöffnet, sie ist der Eingang zur Unterwelt, denn das Gefährt gehört Hades, dem Totengott. Er hat hier geschäftlich zu tun.

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Seit etwa 2300 Jahren kommen Menschen an diesen Ort, um anderen Menschen dabei zuzusehen, wie sie auf der Spielfläche etwas darstellen, was sie nicht sind und nie sein werden: Götter, tragische Helden, mythische Frauen, Königskinder. An diesem Abend wird vor etwa 3500 Zuschauern die Geschichte von Alkestis erzählt, der jungen Gattin des Admetos, der Euripides eines seiner frühesten Werke gewidmet hat. Die Uraufführung fand im Jahr 438 vor Christus statt, aber nicht hier in Epidaurus, sondern etwa 140 Kilometer weiter nordwestlich, in Athen, wo Euripides in jenem Jahr mal wieder nur den zweiten Platz bei den Dionysien belegte.

Das Monstrum ist gezähmt

Es ist, um es vorsichtig auszudrücken, ein seltsames Stück über einen Feigling, eine echte Königsmemme, und seine ehrgeizige junge Frau, die eine Karriere als Opfer anstrebt. Im Leben galt sie als die beste aller Ehefrauen und Mütter, im Tod will sie das beste aller Opfer sein. Herakles wird ihr einen Strich durch die Rechnung machen. Bei Euripides ist das ein glückliches Ende. Aber Johan Simons hat seine Zweifel daran.

Sie ist zurück aus dem Totenreich: Anne Rietmeijer als Alkestis und Steven Scharf als Admetos
Sie ist zurück aus dem Totenreich: Anne Rietmeijer als Alkestis und Steven Scharf als Admetos Bild: Patroklos Skafidas

Der Intendant des Bochumer Schauspielhauses ist mit seinem Ensemble und einer Menge Technik einer Einladung des Athen- und Epidaurus-Festivals gefolgt. Mehrere große Lastwagen wurden bepackt, doch für eine Nähmaschine reichte der Platz nicht. Jetzt sitzen die Bochumer Theaterschneiderinnen hadernd in einem offenen, zwischen alten Pinien gelegenen Pavillon, der als Büro, Werkstatt und Künstlergarderobe dient. Wer war im Olymp eigentlich für die Kostüme zuständig? Wer schneiderte den Umhang und das Unterkleid für Zeus? Gab es außer Hephaistos, dem unglücklichen Gott der Schmiedekunst, überhaupt Handwerker im Reich der Götter?

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„Dieses Theater ist ein Monstrum“, sagt Katerina Evangelatos. Sie ist mit diesem Monstrum aufgewachsen. Es war gewissermaßen ihr Kinderzimmer, denn 45 Jahre lang haben ihre Eltern, er Regisseur, sie Schauspielerin, jeden Sommer über im Amphitheater von Epidauros gearbeitet. Heute ist sie selbst Regisseurin und seit zwei Jahren künstlerische Direktorin des Epidaurus Theaterfestivals, das seit 67 Jahren existiert. Marie Callas ist hier als Norma aufgetreten, Leonard Bernstein hat die New Yorker Philharmoniker dirigiert und Herbert von Karajan die Berliner. Vor der Pandemie zog das Festival 200.000 Besucher an, im vorigen Jahr waren es 145.000. In diesem Sommer zeigen Katerina Evangelatos und ihr Team zwischen Juni und Oktober etwa achtzig Produktionen. Die meisten davon in Athen. Epidaurus mit seinen einschüchternden zehntausend Sitzplätzen liegt aber nicht im Zentrum Athens, sondern abgelegen im Osten der Peloponnes in einer Landschaft, die einst Argos hieß. Wenn alle Bewohner von Lygourio, dem nächstgelegenen Ort, gleichzeitig ins Amphitheater gingen, wäre nicht einmal jeder vierte Platz belegt.

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Er ist ein Gott wie du und ich

Er mag ungewöhnliche Spielorte. Mit der Theatergruppe Hollandia tingelte der Niederländer in den Achtziger- und Neunzigerjahren durch die Provinz und spielte Kroetz und Achternbusch in alten Fabrikhallen, unter Brücken, auf Schrottplätzen. Jetzt hat der Bühnenbildner Johannes Schütz ein Nomadenlager hinter dem Theater errichtet, die kreisrunde Spielfläche vor den 53 steil aufsteigenden Sitzreihen aber leer belassen. Als einzige Requisiten dienen zwei Plastiksessel, weiße Monoblocs aus dem Baumarkt, und ein Wäscheständer.

Alterchen, willst du ewig leben? Stefan Hunstein als Pheres, Vater der Admetos
Alterchen, willst du ewig leben? Stefan Hunstein als Pheres, Vater der Admetos Bild: Patroklos Skafidas

Apollon, der am Hof des Admetos eine Blutschuld abdienen muss, betritt als Erster die Orchestra. Er will seinen freundlichen Dienstherrn vor dem Tod bewahren und bewirkt bei den Göttern eine besondere Gunst für Admetos, der Artemis gekränkt hat und deshalb sterben muss. Findet er jedoch jemanden, der an seiner Stelle in den Tod geht, bleibt er am Leben. Doch niemand in ganz Thessalien ist dazu bereit, nicht einmal die alten Eltern des Admetos. Nur Alkestis will das Opfer bringen. Und Admetos nimmt es an.

Euripides lässt sein Stück an jenem Tag beginnen, an dem Alkestis sterben muss. Hades betritt das Bühnenrund, eine bucklige, hinkende Übelkrähe, die ihr Gesicht hinter einer großen Maske verbirgt. Während des Streitgesprächs mit dem arroganten Apollon von Viktor Ijdens nimmt Lukas von der Lühe die Maske ab, strafft sich und, siehe da, er ist ein Gott wie du und ich: aufrecht, pflichtbewusst, ehrpusselig, kleinlich. Ein Pfennig- und Leichenfuchser. Er will Alkestis haben, und zwar sofort, denn die Jungen, wie er sagt, machen mehr her.

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Ein Silver Surfer in der Hardcore-Version

Da öffnet sich die Tür des Campingwagens. Admetos trägt seine Frau auf Händen in den Tod. Sie klammert sich an ihn. Er klammert sich an sie. Küsse, Bisse, Liebesschwüre. Wer wirft da eigentlich wen zu Boden? Schon verschwinden sie, von letzter Liebeslust gepackt, noch einmal kurz im Wohnwagen. Der Sohn, die Tochter bleiben ratlos draußen stehen.

Alkestis hat noch eine letzte Karte, die sie jetzt ausspielt. Admetos soll ihr versprechen, dass er nicht wieder heiratet und ihren Kindern keine Stiefmutter vorsetzt. Er verspricht es. Die Heckklappe des Todes ist weit geöffnet, Hades macht den Sarg bereit. Alkestis spürt seine Hand schon auf ihrer Schulter. Er zieht und zieht an ihr. Der Chor, der aus vier jungen Sängerinnen besteht, Antonia Busse, Natalija Radosavljevic, Sarah-Lena Winterberg und Luzia Ostermann, hat bereits mehrere Strophen aus Christoph Willibald Glucks Oper „Alcestis“ gesungen, begleitet von Christopher Bruckmann, der seine Reiseorgel neben der Orchestra aufgestellt hat. Anne Rietmeijer als Alkestis hat sich von ihren Liebsten verabschiedet. Da, plötzlich, erklingt eine ganz andere Musik. Alkestis singt. Alkestis tanzt. Alkestis fegt durch die Orchestra, wirft den Kopf in den Nacken und die Beine in die Luft. Alkestis singt „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros im 2300 Jahre alten Amphitheater von Epidaurus. Dann stirbt sie.

Admetos ist ein gebrochener Mann. Aber er lebt. Er hat ein Opfer angenommen, dass er niemals hätte annehmen dürfen. Er weiß, dass er ein Feigling ist, aber er ist ein lebender Feigling. Seine Wut lässt er an Pheres aus, seinem Vater. Stefan Hunstein spielt ihn als Silver Surfer und Best Ager in der Hardcore-Version. Weiße Haare, kleine Sonnenbrille, extravagant in Designer-Rosa gehüllt: Hun­stein sieht aus, als wäre er Bernie Eccle­stone in der Never-ending-Ayurveda-Kur in Florida. Aber in der schweinchenfarbenen Schale steckt ein harter Kern, an dem alle Sohnesvorwürfe abprallen.

Nun kommt Herakles ins Spiel. Er ist auf Abenteuerdurchreise. Pierre Bokma spielt ihn als treuherzigen Göttersohn mit Rucksack, Bergschuhen und einer Art Hausfrauenkittel über der Wanderhose. Von der Amme, die Elsie de Brauw als souveräne, alles durchschauende, aber nicht alles verzeihende Grande Dame des thessalischen Hofstaats spielt, erfährt Herakles, was sein alter Freund Admetos ihm verschwiegen hat: dass Alkestis sich geopfert hat. Herakles bezwingt im Kampf den Gott der Unterwelt und bringt dem Freund die Gattin zurück. Stumm und starr steht sie vor dem ungläubigen Admetos, der sie berührt, als wäre sie eine Statue. Dann schnappt Anne Rietmeijer ihre Kinder und verschwindet mit ihnen im Wohnwagen. Admetos bleibt allein zurück, allein mit den Nachtfaltern, den Fledermäusen, dem feigsten Herzen und dem schlechtesten Gewissen von ganz Thessalien.

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Steven Scharf spielt diese Königsmemme als aufrechten Kerl, der an seiner Würde und seiner Männlichkeit keinen Zweifel aufkommen lässt. Er wahrt die Form, achtet alle Sitten und Gebräuche – solange sie ihn nicht das Leben kosten. Wie die fabelhafte Anne Rietmeijer hat auch Steven Scharf seine Tanznummer: „God only knows“ von den Beach Boys. Bei Scharf wird der Klassiker zur Hymne der falschen Versprechungen und Admetos zum Phänotyp einer bestimmten Art von toxischer Männlichkeit: egoistisch, manipulativ und weinerlich, wenn er erwischt wird. Endlich ein Mann, der weinen kann. Allerdings nur über sich selbst. Ein Titan des Selbstmitleids. Harte Schale mit vielen Rissen, kein Kern. Einer, der vieles anfängt, wenig zu Ende bringt. Immer wieder muss er neu zu seinen Tanzschritten ansetzen. Ein Mann, der aus dem Rhythmus gefallen ist. Vermutlich für immer.

Im September eröffnet Johan Simons die neue Theatersaison mit dieser „Alkestis“, die auch lange Wege lohnt. Ob sie nun nach Epidaurus oder nach Bochum führen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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