Klassische Musiker

Mit dem Instrument in die Sackgasse

Von Maximilian Weingartner
06.04.2012
, 15:30
Viele klassische Musiker konzentrieren sich das ganze Leben auf ihre Fertigkeit und leben damit ihren Traum. Manche merken aber nicht, dass er dabei zum Albtraum wird.

Johanna Wilders will ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie ist endgültig gescheitert, daran hat sie keine Zweifel. Nach dem Studium der Klarinette, zahlreichen Auszeichnungen und dreizehn Jahren professionellem Musikmachen hat sie gerade ihr erstes Semester Philosophie an der Universität Marburg hinter sich gebracht. Sie ist inzwischen dreiunddreißig Jahre alt. „Ich habe mehr als hundert Probespiele hinter mir. Und nie eine Festanstellung bekommen.“

Nach hundert Probespielen noch immer kein Engagement? Ist Johanna Wilders vielleicht nicht gut genug? Doch so einfach ist es nicht. „In den sechziger Jahren gab es eklatanten Nachwuchsmangel. Heute herrscht ein Überangebot“, sagt Alfred Rinderspacher, Beauftragter der Deutschen Orchestervereinigung für Hochschul- und Ausbildungsfragen (DOV), außerdem Professor für Fagott an der Musikhochschule Mannheim: „Es werden eindeutig zu viele Studenten ausgebildet, die das Potential gar nicht haben.“ Ein Indikator sei beispielsweise der Wettbewerb „Jugend musiziert“. Er fördere nicht nur, sondern betreibe auch Auslese. Doch bei „Jugend musiziert“ war Wilders erfolgreich.

Etwas anderes kam nie in Frage

Manche Musiker leben trotzdem jahrelang ihren Traum und merken nicht, wann er zum Albtraum wird. „Mich hat die Musik psychisch krank gemacht“, bekennt Johanna Wilders, „ich war gewohnt, dass mir alles zufliegt. Ich konnte nicht aufgeben, das wäre ein Eingeständnis meines Scheiterns gewesen.“ 2008 begann sie eine Therapie und absolvierte noch zwei Jahre weitere Probespiele. Dann brach sie mit der Musik.

Hauen und Stechen um wenige Jobs gibt es zwar auch in anderen Branchen - Musiker konzentrieren sich aber meist ihr Leben lang völlig auf ein Instrument. So war es auch bei Johanna Wilders. Mit vierzehn trat sie das erste Mal im Orchester ihres Vaters auf. „Ich habe nie über Alternativen nachgedacht. Mit fünfzehn war klar, dass ich Musik studieren werde. Natürlich bleiben Leute auf der Strecke, mir passiert das aber nicht, dachte ich.“ Mit neunzehn Jahren begann sie an der Musikhochschule Dresden das Studium der Klarinette, ein Aufbaustudium in Leipzig folgte. Schon in jungen Jahren hatte sie Zeitverträge bei der Nordwestdeutschen Philharmonie und an der Bayerischen Staatsoper. Die meisten Kollegen, die zu einem Probespiel eingeladen werden, haben aber Ähnliches geleistet, Meisterkurse besucht, Wettbewerbe gewonnen. Auf der Internetseite www.music-job.com sind momentan 384 freie Orchesterstellen aufgelistet.

Auch eine Frage der Optik

Ortswechsel: Es ist Donnerstag, 10 Uhr. Das Orchester der Deutschen Oper in Berlin möchte seinen künftigen Solo-Kontrabassisten auswählen. Immer mehr hochbegabte Musiker aus der ganzen Welt wollen in die „Heimat der klassischen Musik“, wie es ein asiatischer Bewerber ausdrückte. Von elf Bewerbern für die Stelle stammen nur zwei aus Deutschland. Die anderen haben zwar überwiegend hierzulande studiert, kommen aber aus Ungarn, Italien, Spanien, Polen, Südkorea und China.

Vorgespielt wird in einem gewöhnlichen Probenraum. Anwesend sind die Stimmgruppe, also die Kontrabassisten, und rund vierzig weitere Mitglieder des Orchesters. Die Kandidaten spielen sich vor dem Saal warm. Alle sind ruhig, konzentriert, niemand beachtet den anderen. Im Probensaal hingegen herrscht entspannte Stimmung: Die Musiker lachen, spielen mit dem Mobiltelefon, unterhalten sich - auch als der erste Kandidat, der 27 Jahre alte Ungar Sándor, zögernd und nervös den Saal betritt. Erst als er zu spielen beginnt, schweigen alle. Um ein faires Verfahren zu gewährleisten, findet der erste Durchgang meist hinter einem Vorhang statt, der „spanischen Wand“. Hier nicht. Ein Orchestervorstand sagt, dass bei Solostellen auch „die Optik“ zähle - was immer das genau heißen mag.

Danke, das genügt

In den paar Minuten, in denen der Kandidat vor seinen potentiellen Kollegen steht, muss alles stimmen. „Entscheidend ist die Eindeutigkeit von Klang und Rhythmus im Spiel. Und das gewisse Etwas, das Undefinierbare. Der Kandidat muss klanglich zu uns passen“, sagt Christoph Langhammer, Solo-Kontrabassist und damit als Mitglied der abstimmenden Stimmgruppe von Bedeutung. Nach zwei Minuten ist bei Sándor alles vorbei. „Danke, das genügt“, sagt der Orchestervorstandsvorsitzende Friedrich-Burkhard Steinecke mit freundlichem Lächeln, aber gnadenlos. Auch die Bewerber zwei (zu leise) und drei (zu laut) dürfen nicht länger als ein paar Minuten spielen.

In der ersten Runde ist für die Bewerber an diesem Tag das Solokonzert von Carl Ditters von Dittersdorf Pflicht. Chu Park ist der Erste, der überhaupt zu Ende spielen darf. Er kommt aus Südkorea, hat an den Musikhochschulen in Hamburg und Essen studiert und besaß schon einen Zeitvertrag bei den Duisburger Philharmonikern. Mit seinen 26 Jahren hat er mehr als ein Dutzend Vorspiele hinter sich. Der Asiat hat an diesem Tag eigentlich nur zwei Konkurrenten - einen Spanier und einen Deutschen. Letzterer ist schon Mitglied des Orchesters; nun möchte er zum Solisten aufsteigen.

Ein Paukenschlag

Nach der ersten Runde zieht sich die Stimmgruppe zu Beratungen zurück. Eine Viertelstunde später kommen die Kontrabassisten zurück und empfehlen dem Orchester drei der elf Kandidaten für die zweite Runde: den schüchternen Südkoreaner, den selbstbewussten Spanier von der Akademie der Berliner Philharmoniker und den eigenen Kollegen. In der zweiten Runde kommt nun auch der Chefdirigent der Deutschen Oper, Donald Runnicles, dazu. Die Kandidaten spielen ein Stück von Giovanni Bottesini, diesmal alle bis zum Ende. Dann zieht sich die Stimmgruppe wieder zurück.

Nach kurzer Beratung geben die sieben Kontrabassisten den Kollegen ihre Entscheidung bekannt. „Leider hat es niemand von Ihnen in die dritte Runde geschafft“, teilt der Orchestervorstand Steinecke kurz darauf den letzten drei Kandidaten mit. Ein Paukenschlag.

Chu Park und der Spanier nehmen es leichter als ihr deutscher Kontrahent, der nun vor der unangenehmen Wahrheit steht, dass ihn die eigenen Kollegen nicht als Solisten wollten. Warum aber ist niemand anderes genommen worden? Schon in der ersten Runde habe es keinen Kandidaten gegeben, der sauber gespielt habe, sagt ein Orchestervorstand. Der Solo-Kontrabassist Langhammer erklärt, er dürfe sich im Detail nicht äußern. Ein transparentes Verfahren sieht anders aus.

Die Erfahrung des Scheiterns wird immer drückender

„Ich bereue, dass ich mich immer wieder zu den Probespielen geschleppt habe. Man zerbricht daran, und es ist demütigend, wenn man immer abgelehnt wird“, sagt Johanna Wilders. Spricht man mit anderen jungen Musikern über die Art und Weise, wie Probespiele ablaufen, kritisieren sie, dass persönliche Interessen, Lobbyarbeit und die Angst vor der Konkurrenz, die man sich als etablierte Musiker mit einem jüngeren Kollegen möglicherweise in die eigenen Reihen holen würde, oft die eigentlich entscheidenden Kriterien seien. Das bestätigen viele ältere Musiker.

Es kommt bei Probespielen auch auf die Qualität des Instruments des Kandidaten an. Für einen Platz im Orchester riskieren manche junge Musiker viel, nehmen einen Kredit auf und zahlen 30 000 Euro oder mehr für ein besonders gutes Instrument. Und das musikalische Niveau hat sich nach oben verschoben: „Viele Musiker sollen heute Stücke beherrschen, die früher nur von Solomusikern erwartet wurden“, weiß Alfred Rinderspacher aus jahrzehntelanger Erfahrung.

Aber selbst wenn sich das Orchester bemüht hat, beste Voraussetzungen für die Kandidaten zu schaffen, und diese perfekt vorbereitet sind, bleibt das Probespiel selbst eine große psychische Belastung. „Es herrscht Angst vor dem Versagen, trotz aller Routine“, sagt Rinderspacher. Mehr Probespiele verschaffen zwar immer mehr Erfahrung, aber auch das Wissen darum, schon oft gescheitert zu sein, wird immer drückender. Gerade die erste Runde eines Vorspiels wird von Teilnehmern oft als besonders unangenehm empfunden, da in vielen Probespielen schnell abgebrochen wird, man also gar nicht die Chance hat, die Nerven etwas zur Ruhe kommen zu lassen. „Man fühlt sich völlig allein“, sagt Johanna Wilders.

Die Gefahr, sich nur als Musiker zu sehen

Die Psychiatrische Universitätsklinik in Bonn hat seit 2010 eine Fachambulanz, die Musiker behandelt, die unter Lampenfieber leiden. „Schätzungsweise jeder Zweite ist davon betroffen. Dennoch ist es ein Tabuthema, über das gerade unter Kollegen nicht gesprochen wird“, sagt Déirde Mahkorn, die Oberärztin und zusammen mit ihrem Kollegen, dem Diplom-Psychologen Martin Landsberg, Initiatorin dieses speziellen Angebots. „In der klassischen Musik muss alles sitzen, Fehler werden nicht toleriert. Typischerweise sind unsere Patienten Perfektionisten, sie haben ein geradezu preußisches Verhältnis zur Leistung, sind sehr leidensfähig, neigen aber zu Schwarzweißdenken und verzeihen sich selbst keine Fehler.“ So entstehe ein Teufelskreis: Das Scheitern wird vorweggenommen, obwohl es noch gar nicht passiert ist. Dadurch erhöht sich die Angst vor dem Auftritt. Manche erleiden Panikattacken, andere bekommen Atemnot. Streicher fürchten sich vor dem „Toblerone-Strich“: Statt gleichmäßig an den Saiten entlangzufahren, schlägt der Bogen dabei - geführt von nervös-zittriger Hand - im Zickzack auf die Saite.

In Bonn wird das Lampenfieber in erster Linie mit Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie bekämpft: Bei Patienten mit noch nicht so weit fortgeschrittener Versagensangst helfen in der Regel Entspannungsverfahren und Konfrontationsübungen. Bei Musikern, deren Leidensweg schon länger währt, hilft zusätzlich die Stärkung des Selbstwertgefühls. „Die verunsicherten Musiker sollen lernen, dass sie ihren Ängsten nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern etwas dagegen unternehmen können“, sagt Martin Landsberg, der selbst Bläser ist. Musiker mit Selbstachtung seien zufriedener, trauten sich etwas zu und könnten mit Stresssituationen besser umgehen. Musiker hingegen, die sich zu selbstkritisch mit ihren Unzulänglichkeiten beschäftigen, neigten dazu, sich im Vergleich mit anderen zu entwerten. „Sein Selbstwertgefühl ausschließlich vom Erfolg im Beruf abhängig zu machen, also sich nur als Musiker zu sehen, ist gefährlich“, sagt Landsberg, „irgendwann ist dann das ganze Leben vom Misserfolg im Beruf infiziert.“

Gescheitert, aber glücklich

Genaue Zahlen darüber, wie viele Musiker aufgrund des Leistungsdrucks psychische Probleme haben, gibt es nicht. Dass das Problem jedoch kein kleines ist, zeigen all die Dienstleistungen, die zur Abhilfe angeboten werden: Seminare für Musiker in der Probespielzeit und Yogakurse an Musikhochschulen. In der Musikakademie Schloss Weikersheim versucht eine Schwimmweltmeisterin ihre Erfahrung während der entscheidenden Sekunden auf dem Startblock an die Musiker weiterzugeben. Falls nichts anderes dabei hilft, die Nervosität in den Griff zu bekommen, wird oft zu Medikamenten gegriffen: zu Beruhigungsmitteln, die die Angst dämpfen, oder zu Betablockern, die Puls und Blutdruck senken.

Der Ausbildungsbeauftragte der DOV hält all diese Hilfen nur bedingt für sinnvoll und Medikamente überhaupt nicht: „Irgendwann muss Schluss sein, wenn man es nicht packt“, sagt Alfred Rinderspacher. Die Sucht, ihr Glück immer weiter zu versuchen, liege in der Liebe zur Musik und zum Instrument begründet, berichten junge Musiker unisono - das sei ihr einziger Lebensinhalt. Deswegen müsse jemand anders für Klarheit sorgen, meint Rinderspacher. Schon oft habe er Kandidaten den harten Satz gesagt: „Sie spielen gut, aber es reicht nicht, tut mir leid“ - und ihnen dann geraten, die Karriere als Musiker an den Nagel zu hängen. Erst folgten meist bittere Tränen, später komme aber dann oft Dank. Mit einem halben Jahr Abstand kann auch Johanna Wilders mittlerweile sagen: „Ich bin gescheitert, aber glücklich. Auch ohne Klarinette.“

Quelle: F.A.Z.
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