FAZ plus Artikel„Jedermann“ in Salzburg

Zugehöriger einer künftigen Zeit

Von Simon Strauß, Salzburg
18.07.2021
, 17:20
Erst Mann, dann Mensch, dann ist das Leben schon vorüber: Edith Clever als Tod und Lars Eidinger als Jedermann bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele
Die Salzburger Festspiele eröffnen mit einem neuen Jedermann: Der Berliner Lars Eidinger gibt der ausgeweideten Paraderolle eine neue Wendung. Ein Besetzungscoup.

Dieser Jedermann stirbt zweimal: einmal als Mann und einmal als Mensch. In der ersten Hälfte führt er sein eigenes Abdanken vor – mit eifriger Nervosität ist er darauf bedacht, zu zeigen, wie unangenehm ihm sein Geschlecht ist, wie sehr er sich von all den üblichen männlichen Dominanzgebärden und Tonangeberhaltungen distanziert. Gleich zu Beginn steht er halb nackt vorn am Bühnenrand, auf seinen Schultern sitzt triumphierend die Buhlschaft und verdeckt sein Gesicht mit ihrem feuerroten Kleid. Bevor dieser Jedermann den ersten Satz sagt, ist er schon ein Besiegter, ein Verhöhnter, einer, dessen Zeit abgelaufen ist. Auf blauen Absatzschuhen trippelt er herum, um sich dem anderen Geschlecht anzudienen, um es verzweifelt glauben zu machen, dass sein muskulöser Körper nur eine optische Täuschung sei, ein Relikt aus vergangener Zeit, mit dem seine jetzige Weltanschauung nichts mehr zu tun habe. Dieser Jedermann versündigt sich nicht in erster Linie gegen die Armen, die er hartherzig von sich stößt, er versündigt sich, weil er ein (mittel)alter Adam ist und ohne jede Trigger-Warnung die Hauptrolle spielt.

Lars Eidingers Jedermann betont seine Figur zunächst auf der hinteren Silbe: Er hat den athletischen Körper eines Helden, aber die Haltungen, die er damit einnimmt, die Bewegungen, die er macht, versuchen das Gegenteil zu beweisen: Er kniet viel, liegt anderen zu Füßen, lässt sich von Frauen bespucken, beklettern und bemitleiden. Er ist ein Muttersöhnchen, der sich von ihr – die Angela Winkler bedingungslos zärtlich und unerschütterlich hoffnungsfroh spielt – die Knie zusammenschieben lässt und in ihrem Schoß einschläft, obwohl er eigentlich sie ins Bett bringen sollte. Einer, der von Beginn an aufhören will, das zu sein, was er ist, aber keinen Weg hinaus findet. Aus seinem starken Körper, aus seiner ererbten Rollenmacht. Und weil er von selbst nicht fallen, sondern nur trippeln kann, dient er sich seinen weiblichen Gegenparts an, streicht sich wie sie verstohlen die Haare aus dem Gesicht und bittet mit jedem Satz leise um Verzeihung für seine Ahnherrenschaft. Das könnte wohlfeil wirken und aufgesetzt, aber Eidinger spielt es so, dass es vor allem eines ist: unendlich traurig. Man sieht einen in seinen Standesfesten erschütterten Mann, der sich bei jedem Schritt nach Bestrafung für seine patriarchalischen Auftritte sehnt, einer, dem seine eigenen Manneskräfte zuwider sind, schon lange bevor die Glocken läuten und er von der Festtafel abberufen wird. Kein joviales Röhren, kein angeberisches Brust raus ist hier zu sehen – dieser Mann weiß von Beginn an, dass er von Frauenhand fallen muss.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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