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Zwei vergessene Theaterstücke

Was Glauben einmal bedeutet hat

Von Simon Strauß
Aktualisiert am 10.12.2019
 - 22:29
Ein Grauen, wie es nur der Glaubenskrieg anrichten kann: Szene aus „Glaube und Heimat“ von Karl Schönherr in der Regie von Michael Thalheimer
In Wien und Berlin kehren zwei vergessene Theaterstücke triumphal auf die Bühne zurück: Maria Lazars „Der Henker“ und Karl Schönherrs „Glaube und Heimat“.

Es bewegt sich etwas an den großen Theaterhäusern. Kanonkonventionen werden hinterfragt, literarische Wiederentdeckungen gemacht. An zwei aufeinander folgenden Abenden sind in den beiden Theaterhauptstädten Wien und Berlin vergessene Theaterautoren aufgeführt worden, wurden dramatische Texte für die Bühne zurückerobert. In Wien am Akademietheater ist ein Einakter der jüdisch-österreichischen Schriftstellerin Maria Lazar zu sehen, am Berliner Ensemble zeigt man eine Volkstragödie des Wiener Arztes und Dramatikers Karl Schönherr.

Zwei Autoren, die beide zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Wien lebten, aber deren Schicksal unterschiedliche Wege nahm: Lazar, die Tochter aus gutbürgerlichem Haus, die sich am Mädchengymnasium mit Helene Weigel anfreundet und 1920 ihren ersten Roman unter dem Titel „Die Vergiftung“ veröffentlicht. Die kurz mit einem Sohn von Frank Wedekind liiert ist, sich dann als alleinerziehende Mutter und freie Übersetzerin durchschlägt, nebenbei Essays, Romane und Dramen veröffentlicht und 1933 nach Hitlers „Machtergreifung“ zusammen mit Bertolt Brecht bei Karin Michaëlis auf einer dänischen Insel Zuflucht findet. 1939 emigriert sie nach Schweden, erkrankt wenig später an einer unheilbaren Knochenkrankheit und nimmt sich 1948 das Leben.

Der schreibende Mediziner Schönherr, 1867 in Tirol als Sohn eines Dorfschullehrers geboren, erzielt den Durchbruch als Dramatiker und Gegenspieler von Arthur Schnitzler schon 1900 mit seinem sozialkritischen Melodram „Die Bildschnitzer“. Er bleibt auch und gerade nach 1933 in Wien, tritt einer Unterabteilung der Preußischen Akademie der Künste bei und lässt sich von „Reichsdramaturg“ Rainer Schlösser ein gutes Zeugnis ausstellen. Sein Enthusiasmus für den sogenannten Anschluss an Deutschland hinderte ihn allerdings nicht daran, bis zu seinem Tod 1943 mit seiner jüdischen Ehefrau zusammenzuleben. „Glaube und Heimat“ heißt sein erfolgreichstes, 1910 uraufgeführtes Drama, in dem die gewalttätige Vertreibung der Protestanten durch die katholische Obrigkeit vorgeführt wird. „Der Henker“ nennt Lazar ihren 1921 uraufgeführten Einakter über die finalen Nachtgespräche eines zum Tode verurteilten Mörders.

Der Mörder empfängt seinen Henker

Letzteres ist ein aufwühlendes Dialogstück, das Pflichtbewusstsein gegen Freiheitsbehauptung in Szene setzt. Der Mörder wird hier zum Helden, der in seinen letzten Stunden nicht den Priester, sondern seinen Henker sehen will. Als „kleinen, kräftig untersetzten Mann von bürgerlichem Aussehen, mit Hut und Schnurrbart“, stellt ihn die Regieanweisung vor. Und in der Tat tritt Martin Reinke in der Wiener Inszenierung von Mateja Koležnik genauso auf, als Inbegriff des grauen Jedermanns, der nur seine Pflicht erfüllt, um nach getaner Arbeit mit seiner Frau unter dem Apfelbaum zu sitzen und nach der Kresse zu sehen. „Der Mörder“ empfängt ihn in seiner Zelle, befragt ihn zu seinem Alltag, wann er ins Gasthaus geht, ob Pantoffeln an seinem Bett stehen. Er will den Menschen hinter dem Amtsträger kennenlernen, den Mörder hinter dem Scharfrichter sehen. Ein bisschen spielt Itay Tiran den Mörder so wie Anthony Hopkins seinen Hannibal Lecter, mit gut erzogener, aber unberechenbarer Grausamkeit. Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt hat ihm dafür das beklemmend cleane Umfeld einer Gefängniszelle geschaffen. Statt des Petroleums flackern hier Neonröhren, und eine Toilette aus Edelstahl dient als einzige Sitzgelegenheit.

Josef Winter heißt der Henker, und alles, was er besitzt, ist sein Pflichtgefühl. Der Mörder hingegen wird bei Lazar zum Nonkonformisten idealisiert, der mit seinem Widerwillen gegen die Pflichterfüllung zum antitotalitaristischen Freiheitskämpfer avanciert. Seine Ausfälle gegen die angepassten Lebensentwürfe klingen so sympathisch, dass man fast vergisst, aus welch mörderischem Mund sie kommen: „Ich finde nicht die Menschen böse, aber die Arbeit, die sie tun, verabscheue ich, die Arbeit, die nur dazu gut ist, Essen zu haben, ein Bett und vielleicht auch noch einen Garten mit Kresse.“

Zu was für einer Grausamkeit dieser Abscheu vor der gewöhnlichen Bürgerlichkeit führt, zeigt sich, als der Mörder eine ihm verfallene Dirne dazu bringt, den Sohn des Henkers zu ermorden, in der Hoffnung, dass Herr Winter ihn dann am Morgen nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Hass köpft. Aber der gehorsame Staatsdiener befolgt noch im Angesicht des schlimmsten Verbrechens die ihm vorgegebenen Regeln, und der Verfluchte muss sich selbst ins Messer stürzen. Koležniks Inszenierung präsentiert den kurzen Theatertext mit einer Verzögerungstaktik, setzt immer wieder von neuem an und lässt das Bühnenbild wechseln. Zwingend notwendig scheinen ihre Einfälle nicht. Der Text von Maria Lazar – deren grundsätzliche Wiederentdeckung dem Wiener Verlag „Das vergessene Buch“ zu verdanken ist – wirkt eigenartig genug, denn er hat Pathos in sich. Und ein feuriges Bekenntnis.

Das verbindet ihn mit Schönherrs Stück „Glaube und Heimat“, das Michael Thalheimer (knapp zwanzig Jahre nach einer ersten Wiederentdeckung durch Martin Kušej) jetzt in einer phänomenalen Inszenierung am Berliner Ensemble zurück auf die Bühne bringt. Erzählt wird – inspiriert durch die Vertreibung der Zillertaler Protestanten 1837, aber vorverlegt in die Zeit der Gegenreformation in der Zeit um 1680 – die tragische Geschichte der Bauernfamilie Rott, die vom religiösen Schisma gespalten ist. Vater und Sohn sind lutherisch, Schwiegermutter und Frau sind katholisch. Ein kaiserlicher Reiter kommt in ihr Dorf und stellt die angeblich Irrgläubigen vor die Wahl: entweder Hof und Heimat aufgeben oder vom falschen Glauben abschwören. Erst verheimlicht der junge Rott seine Konfession, aber als der Reiter die Nachbarsfrau ersticht, weil sie ihre Luther-Bibel nicht hergeben will, drängt es ihn zum Bekenntnis. Zuvor hat er, den Andreas Döhler mit großartig nuancierter Anspannung spielt, den Glauben unterdrückt wie einen Harndrang, aber jetzt schießt es aus ihm heraus, auch wenn die Frau (ebenfalls überwältigend: Stefanie Reinsperger) ihn voller Verzweiflung schlägt und tritt: „Glaube ist Gottessach“, brüllt er und: „Du kannst mich brechen, aber nicht biegen.“

Thalheimer inszeniert die kammerspielartige Volkstragödie hochkonzentriert als bedrohliche Studie über die Grausamkeit des Glaubenskampfes. Ohne einen großen ästhetischen Überbau, so psychologisch feinfühlig wie selten, zeigt er, was es einmal bedeutet hat, sich zu seiner Konfession zu bekennen. Wohin die Vorstellung führt, dass spirituelles Recht von weltlichen Herrschern eindeutig zu bestimmen sei. Seine langjährige Kostümbildnerin Nehle Balkhausen verantwortet dieses Mal auch die drehende Bühne und lässt die Figuren am Fuß eines kolossalen, von Nebel umwölkten Spiegelturms auftreten. Immer wieder unterbrechen Blacks und Bässe ihr Spiel, dann stehen sie plötzlich wieder da, mit ihren zerschundenen Seelen, und warten auf ewige Gerechtigkeit. „Christoph, warum?“, fragt die Frau den jungen Rott, aber der ist zum Martyrium entschlossen: „Es müssen andere verrechnen“. Und Gott rechnet wahrhaftig ab mit ihm, stellt ihn auf die furchtbarste Probe: Als er vom Reiter getrieben die Familie verlassen muss, stürzt sich sein junger Sohn (herausragend: Laura Balzer) in den Tod. Vom Schmerz überwältigt, will er dem Peiniger „das Herz herausreißen“, aber dann, in der ergreifenden Schlussszene, reicht er ihm doch die Hand. Schließt Frieden, vergibt seinem Schuldiger. Und seine gebrochene Frau sieht staunend zu ihm auf: „Christoph, du bist ja völlig über ein Menschen!“ Langsam zieht sich das Licht jetzt zurück und lässt diesen Höhepunkt des Humanen verklingen wie einen zu hohen Ton. So ein Theater möchte man sehen. Solche Stücke müsst ihr spielen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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