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Theaterstück „Leopoldstadt“

Am Ende sitzen sie auf Kisten

Von Gina Thomas, London
Aktualisiert am 13.02.2020
 - 21:04
Sohn des Regisseurs und der Sachliche in der Runde: Ludwig (links), gespielt von Ed Stoppard
Tom Stoppards neues Stück „Leopoldstadt“ erzählt vom Schicksal einer jüdischen Familie aus Österreich. Über mehrere Generationen hinweg wechseln sich Assimilierung und Verfolgung stetig ab – am Ende bleibt ein mulmiges Gefühl.

Anders als sonst bei diesem Meister des komödiantischen Ernstes gibt es nicht allzu viel zu lachen in Tom Stoppards soeben im Londoner Wyndham’s Theatre uraufgeführten Stück „Leopoldstadt“. Das liegt nicht allein am Thema: das die großen Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts und vier Generationen umspannende Schicksal einer österreichisch-jüdischen Großfamilie. Ihr Werdegang steht emblematisch für das Hoffen, das Bangen und die Tragödie der wechselhaften Geschichte von Assimilierung und Verfolgung.

Den Anstoß für das Stück gab Stoppards eigene Biographie. Der aus dem mährischen Zlin stammende Dramatiker kam auf Umwegen im Alter von acht Jahren nach England. Aus Tomáš Straussler, Sohn eines jüdischen Betriebsarztes der Bata-Schuhfabrik, war bereits Tom Stoppard geworden, Stiefsohn eines britischen Offiziers, der sich die Devise des Imperialisten Cecil Rhodes zu eigen machte, dass wer als Brite geboren sei, den ersten Preis in der Lotterie des Lebens gewonnen habe.

Die jüdische Herkunft war kein Thema. Wenn der junge Tom Stoppard seine Mutter fragte, ob die Familie jüdisch sei, pflegte sie auszuweichen. Der Sohn sah darin weniger ein Dementi als Irritation. Die Frage zu beantworten hätte bedeutet, das Gewicht zu akzeptieren, das nicht sie, die sich in keiner Weise als jüdisch definierte, sondern die Deutschen darauf legten, meinte er später. Stoppard hatte die vierzig längst überschritten, als er von einer Verwandten erfuhr, dass seine vier Großeltern sowie drei Schwestern seiner Mutter in den Konzentrationslagern ermordet wurden.

Dramatische Klänge

Auf dieser späten Entdeckung seines Jüdisch-Seins fußt nun das die Frage nach der jüdischen Identität erkundende Drama einer Familie, die den Aufstieg aus dem Schtetl ins Wiener Bürgertum geschafft hat. Der Weg in die Wohnung an der Ringstraße führte über die Leopoldstadt, die Anlaufstelle der Ostjuden im zweiten Bezirk der Hauptstadt des Habsburgerreiches. „Mein Großvater trug einen Kaftan, mein Vater ging mit einem Zylinder in die Oper, und ich lade die Sänger zum Diner ein“, prahlt der zum Katholizismus übergetretene Textikfabrikant Hermann Merz. In seiner großbürgerlichen Wohnung wird Weihnachten genauso gefeiert wie das Pessachfest. Beschneidungen und Taufen gehen miteinander einher. Die Familie lässt sich von Klimt porträtieren, besucht Mahler-Premieren, geht bei Freud in die Analyse und ist mit Schnitzler bekannt.

Merz ist überzeugt, Katholik, österreichischer Bürger, Patriot, Philanthrop und Kunstmäzen zu sein. Der Patriarch hält sich für einen „Fackelführer der Assimilierung“ und lehnt Theodor Herzls Idee von einem jüdischen Heimatland als „Fantasie einer Utopie unter Ziegenhirten“ ab. Wenn sein zahlenverliebter Schwager Ludwig ihm klarzumachen versucht, dass ein Jude immer ein Jude bleibe, gleich welche Erfolge er genießt, dass Assimilierung bloß bedeute, „weiterhin Jude zu sein, ohne beleidigt zu werden“, will Hermann es nicht wahrhaben. Und doch verleiht ihm Stoppard die klischeehaften Züge des cleveren Geschäftemachers, der selbst in der größten Not Genugtuung darin findet, seine Peiniger überlistet zu haben.

Der von Stoppards Sohn Ed als weltfremder Mathematiker verkörperte Ludwig hingegen, der durch die Studie von Ziffernfolgen versucht, Sinn in den Ungereimtheiten des Lebens zu finden, erweist sich als der eigentliche Realist. Alles, woran Hermann glaubt, zerspringt am 9. November 1938, dem Tag, an dem die Familie aus ihrer Wohnung verschleppt wird, wie das Glas der Schaufenster, dessen schauerliches Klirren Adam Cork in seiner musikalischen Untermalung eindringlich beschwört. Klänge ersetzen Bilder der Greueltaten, die im Bewusstsein allgegenwärtig sind, ohne veranschaulicht zu werden.

Vier Generationen erzählen

Stoppards epische, verwirrende, mitunter von schitzlerischem Lebensgefühl durchwehte Erzählung bezieht ihre Wirkung denn auch nicht zuletzt aus der Voraussetzung, dass das Publikum weiß, welche Abgründe sich auftun werden, während die Protagonisten an Weihnachten 1899 noch voll der großen Hoffnungen dem neuen Jahrhundert entgegenblicken.

Mit dem Schmücken des Baumes inmitten aufgeregter Kindergeräusche, auch dies ein Symbol der Assimilierung, beginnt die Handlung, die sich in vier Stationen entfaltet. Patrick Marber arrangiert die aus 26 Erwachsenen und fünf jeweils dreifach besetzten Kindern bestehenden Darsteller in malerische Tableaus. Von der Jahrhundertwende springt Stoppard ins Jahr 1924, um die Instabilität der Zwischenkriegsjahre darzustellen, die dem Nationalsozialismus den Weg ebnet. Im nächsten Abschnitt kauert die sichtlich reduzierte Großfamilie nach dem „Anschluss“ im Wintermantel in ihrer Wohnung und bildet sich ein, dass alles nur halb so schlimm kommen werde, bis das gefürchtete Klopfen an der Tür kommt.

Dann spult Stoppard vor ins Jahr 1955. Mit der Passion des Autodidakten für Wissen streut er, wie üblich, philosophische Reflexionen über die großen Lebensfragen in seine anspielungsrreichen Text ein, von Grimm-Märchen über die Riemann’sche Vermutung bis hin zu dem Kurt Vonnegut entliehenen Sinnbild der Katzenwiege, das wie das ungelöste Problem der Mathematik für die verborgene Ordnung im Chaos steht. Der stoppardsche Witz bewahrt vor Sentimentalität, gleitet jedoch leider zu oft ins Plumpe ab.

Ein tragisches Schicksal

Schauplatz ist stets der Salon an der Ringstraße, dessen Einrichtung in Richard Hudsons atmosphärischer Ausstattung die wandelnden Verhältnisse von Bild zu Bild spiegelt. Der opulente wilhelminische Kristalllüster weicht einem Kronleuchter der Wiener Werkstätte, und am Schluss stehen in der ihres Inhalts beraubten Wohnung Kisten an der Stelle der Sitzmöbel. Dort begegnen sich drei überlebende Familienmitglieder.

Leo Rosenbaum konnte mit seiner Mutter und seinem englischen Stiefvater entkommen und ist nun als der Brite Leonard Chamberlain nach Wien zurückgekehrt. Er schaut seinem durch Auschwitz zynisch gewordenen Vetter Nathan unverwandt ins Auge. Wenn Leo sagt, dass er stolz sei auf sein jüdisches Blut, das seinem geborgenen Leben einen exotischen Anstrich verleihe, weiß jeder, dass aus ihm der 82 Jahre alte Stoppard spricht.

Das Publikum lacht, wenn Leo erklärt, stolz zu sein, einer Nation anzugehören, die bewundert werde für Fair Play, für ihr Parlament und für die königliche Familie. Wenn die Überlebenden ihm anhand des Stammbaumes lakonisch erzählen, was aus den anderen geworden ist, vergeht das Lachen. Vor dem verhaltenen Applaus ist nur noch Schniefen zu hören.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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