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Letzter Abend in der Scala

Kubikmeter Luft aus riesigen Lungen

Von Klaus Georg Koch
Aktualisiert am 25.02.2020
 - 10:54
Drinnen wurde am Wochenende noch gehustet: Die Mailänder Scala
Boccaccio, Manzoni und die Pest: Wegen der Ausbreitung des Coronavirus in Italien hat die Mailänder Scala ihre Aufführungen gestrichen. Unser Autor war noch einmal da.

Spätestens am Wochenende konnte man begreifen, dass sich unter der Oberfläche das Leben grundlegend wandelte. Surreal die Durchsagen am Mailänder Hauptbahnhof: Auf polizeiliche Anordnung kein Halt in Codogno und Casalpusterlengo. Die Züge fahren einfach durch. Keiner soll hinein. Keiner kommt heraus.

Sechzig Kilometer liegen zwischen Mailand und der abgesperrten „roten Zone“, noch verläuft das Leben in alter Freiheit. Aber was sind sechzig Kilometer für ein Virus, das es von China in die Lombardei geschafft hat? Die Premiere von Gioacchino Rossinis „Türke in Italien“ an der Scala hat am Samstagabend schon etwas von einem letzten Mal. Wer weiß, wann man sich wiedersieht. Und mit welchen Erfahrungen. Es ist wie in Giovanni Boccaccios „Decamerone“ aus den Zeiten der Pest, nur umgekehrt: „Nun gut, sagte die Königin, so soll es an diesem ersten Tag jedem freistehen, das zu erzählen, was ihm am besten gefällt.“

Komödie von zweifelhaftem Ernst

Umgekehrt, weil Boccaccios Geschichten aus der Epidemie von 1348 in einem Raum jenseits der Sicherheitsschleuse erzählt werden. Als bilde die Kunst selbst einen cordone sanitario, von dem jetzt wieder viel die Rede ist. In der Scala dagegen bleibt der Kunst noch eine Frist. Danach muss jeder selber sehen, wo er bleibt. Und ausgerechnet Rossinis „Türke in Italien“ wird gespielt, eine irgendwie libertinistische, vielleicht frivole Oper, eine Komödie von zweifelhaftem Ernst.

Um Ansteckung geht es zwar auch hier, Symptome allerorten, nur ist es Liebe, kein Virus, die aus fernen Landen kommt. Nach Opernitalien kommt sie, ein Land klassischer Blüte mit frischen roten Gesundheitsbacken. „Die Luft, das Land, das Meer, alles lacht“, so singt der abenteuerlustige Fürst Selim bei seiner Ankunft in Neapel: „Bella Italia – dich liebt der Himmel und die Erde!“ Auf einen wie ihn wartet schon eine junge Frau, Fiorilla, für die die Liebe über die Menschen kommt wie ein Frühlingslüftchen über die Blüten. Nichts Dümmeres gibt es für sie als die Liebe zu bloß einem Mann.

Frivolität beschreibt Boccaccio als nutzlose Therapie. „Recht viel trinken, singend umherwandern, jedes Begehren befriedigen und sich über alles lustig machen“ – das betrachteten manche als Medizin. Gegen die Pest half sie nicht, aber Rossinis Oper kommt mit dem Rezept fast durch den ganzen Abend. Die Pest steht ihren Figuren erst bevor in Form eines bürgerlichen Zeitalters, für das Galanterie und Libertinismus bald nur noch Begriffe aus der Vorzeit sind. Nur wenige Monate nach der Mailänder Uraufführung des „Türken in Italien“ beginnt der Wiener Kongress. Der Regisseur des Abends, der Filmregisseur und Autor Roberto Andò deutet das an, wenn sich gegen Ende, als die Verliebten in Ehepaare verwandelt werden, ein Chor von Trauzeugen versammelt, dessen Herren entweder einen bicorne tragen, den Offiziershut aus napoleonischer Zeit, oder aber schwarze Zylinder. Alles dekontaminiert, und der Türke fährt wieder heim.

Kubikmeter von Klang bläst er in den Saal

Das Publikum an diesem Opernabend, der für wer-weiß-wie-lang der letzte ist, zeigt sich wenig berührt. Dabei bietet ihm diese Produktion eben das, was es immer verlangt – Schönheit, Schönheit, Schönheit, Geschmack, Geschmack, Geschmack. Der letzte Akt ist schon fortgeschritten, als sich der Regisseur auf die größte Mailänder Theatertradition und auf den größten Mailänder Regisseur besinnt und den gehörnten Ehemann Geronimo für seine Wutrede ins Parkett der Scala schickt, als wär’s eine Commedia dell’arte, von Giorgio Strehler inszeniert. Die mächtige und im Zorn noch mächtiger werdende Stimme rüttelt das Publikum nun fast an den Schultern.

Giulio Mastrototaro, der Sänger des Geronio, geht zwischen den Reihen umher, tobt gegen die Frivolität seiner Frau Fiorilla, brüllt seine Verletztheit in den Raum. Dem will, dem kann sich nun niemand mehr entziehen. Kubikmeter von Luft zieht der Sänger in seine riesigen Lungen, Kubikmeter von Klang bläst er in den Saal zurück. Es ist die gleiche Luft, die wir im Publikum zuvor geatmet hatten, die gleiche Luft, in die, wie immer im Theater, der eine schon trocken hineingehustet hat, der andere mit schwingenden Bronchienbläschen.

Die schönste Literatur verdankt Italien der Pest. Boccaccio steht am Anfang, Alessandro Manzoni setzt im neunzehnten Jahrhundert fort. In seinem Roman „Die Verlobten“ beschreibt er die Mailänder Pest von 1630 als Orgie des Leugnens, des Aberglaubens, des Hasses auf die anderen. Als Nacht der Vernunft. Es ist nicht das Mailand Ende Februar 2020. Kurz vor Mitternacht, die Premierengäste gehen nach Hause, stehen noch ein paar Ferraris vor den Lokalen, in denen Besucher der Modewoche feiern. Auch für sie ist es das letzte Mal, am Sonntag wird dann verfügt, dass selbst Nachtlokale um 18 Uhr zu schließen haben, falls sie schon geöffnet sind. Ganz Italien bewundert Mailand für seine Rationalität. Aber was ist vernünftig, wenn es keine Gewissheit über die Optionen gibt?

„In der Zwischenzeit beschlossen die Delegierten in Windeseile jene Maßnahmen, die ihnen die besten erschienen“, so schrieb es Manzoni um 1840 – „und zogen sie wieder zurück, in der traurigen Überzeugung, dass sie nicht ausreichen würden, um einem Übel Einhalt zu gebieten, das schon derart fortgeschritten und verbreitet war.“

Quelle: F.A.Z.
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