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Antwerper Oper

Holocaust-Happening

Von Clemens Haustein
 - 15:27
In Deutschland wird die Oper „Die Wohlgesinnten“ in Nürnberg am Staatstheater zu sehen sein.

Mehr als ein Dutzend Mal schon wurde Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“, im August 2006 auf Französisch unter dem Titel „Les bienveillantes“ erstmals erschienen, als Theaterstück auf die Bühne gebracht – in aller Welt und in unterschiedlichen Fassungen.

Das mag verwundern, weil auf den Bearbeiter ein gutes Stück Mühsal wartet: 1400 Buchseiten wollen durchforstet sein, die zum großen Teil nüchtern sich gebende Berichte enthalten und eine Faktenflut, den Holocaust betreffend, für deren Meisterung Jonathan Littell gleichermaßen bewundert wie von entnervten Lesern verflucht wurde. Jedoch lockt offensichtlich die Aufgabe eines künstlerischen Zugriffs, den eine Bühnenbearbeitung in diesem Fall entschieden erfordert. Und es lockt, weil es die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit garantiert, das politisch-ästhetische Reizklima um diesen Roman, der nach seinem Erscheinen vor gut zehn Jahren in Frankreich begeistert gefeiert, in Deutschland nach seiner Übersetzung aus dem Französischen mehrheitlich abgelehnt wurde.

Seit neuestem gibt es nun auch eine Oper zum Stoff, was ebenfalls erstaunt, nicht zuletzt, weil man sich so schlecht vorstellen kann, wie der SS-Offizier Max Aue, den Jonathan Littell in einer Art Roadtrip an die Stätten des Holocausts führt (und dabei allerhand Nazi-Prominenz über den Weg), singend auftreten soll. Als stiller Beobachter reist Aue ja umher, um nach dem Krieg den durchfallartig sprudelnden Bericht als ihm gemäße Äußerungsform zu entdecken. Einladend jedoch schien dem vielbeschäftigten Händl Klaus, der – nach Arbeiten für Georg Friedrich Haas, Heinz Holliger, Toshio Hosokawa und Beat Furrer – das Libretto auch zu dieser Oper schrieb, und dem Komponisten Hèctor Parra, der es vertonte, dass Musik in diesem Roman immer wieder erwähnt wird.

Aue hält sich für einen verhinderten Pianisten, und er mag Johann Sebastian Bach und die Musik des französischen Barocks (wohingegen der geigende Horror-Bürokrat Adolf Eichmann, wie wir im Roman erfahren, Johannes Brahms dem „zu berechnenden“ Bach vorzieht. Eine der platten Pointen, die Littell gerne liefert). Über bloßes Namedropping gehen solche Erwähnungen im Roman kaum hinaus, sie dienen vor allem dazu, den Bildungshintergrund des SS-Mannes zu illustrieren. So auch, wenn der Roman in den Kapitelüberschriften nach den Sätzen einer barocken Tanzsuite gegliedert ist, beginnend mit einer Toccata, abschließend mit einer Gigue. Das veranschaulicht zwar Aues Zynismus, wirkt in der Zuordnung aber meist willkürlich.

In der Oper, die nun in Antwerpen uraufgeführt wurde, bleibt die Gliederung in Suitensätze erhalten und damit auch die Abfolge der Orte, an denen die Handlung spielt. Jedoch schafft Händl Klaus einen neuen Raum des Poetischen (und damit überhaupt erst die Möglichkeit für eine Oper), in dem der Gehalt des Romans gleichsam als Essenz erscheint. Was bleibt übrig? Das Drama eines Mannes, der ein Leben lang darunter leidet, für den Inzest mit seiner Schwester von seiner Mutter bestraft worden zu sein.

Der Holocaust, der in Littells Buch besessen detailliert und in filmischem Realismus dargestellt ist, erscheint nurmehr als düsterer Hintergrund. Dass vor diesem Hintergrund die Figuren blass werden bis an den Rand der Irrelevanz, das kann man gleichsam als begradigende Retourkutsche des Stoffes verstehen. Der Holocaust lässt sich nicht einfach zur Kulisse machen für das Treiben eines weinerlichen SS-Offiziers.

Musik: opulenter Klang

Daran ändert auch die Musik von Hèctor Parra nichts. Dadurch, wie er hier in die Vollen geht und sich anschickt, große Oper zu machen, wird die Angelegenheit eher noch schlimmer. Süffig rauschen die Harfen, die Glockenspiele klimpern, die Querflöten glucksen: Es ist eine Musik von nervtötender Geschwätzigkeit (und darin sich ironischerweise nah an der Romanvorlage bewegend), von kitschiger Lust am opulenten Klang, angefüllt mit musikalischen Gemeinplätzen: Wenn es dramatisch wird, muss die große Trommel ran mit düsterem Wummern, wenn Gefahr droht, lodern die Trompeten auf im Fanfarengeflacker, wenn es besonders traurig wird, ist Zeit für das Englischhorn. Ganz zu schweigen von platten Illustrationen wie etwa der instrumentalen Verklanglichung eines plätschernden Urinstrahls.

Dass Parra sein Handwerk versteht, ist in der äußerst präzisen Wiedergabe durch das Orchester der Flandrischen Oper, geleitet von Peter Rundel, ebenso zu hören wie seine Schwäche, dem Stoff eine musikalisch charakteristische Gestalt zu geben. Das erscheint als großes Versäumnis und bringt auch die Sänger in Nöte, die während gut drei Stunden Dauer gegen den Klangschwall aus dem Orchestergraben anzukämpfen haben: Peter Tantsits, der dem Max Aue mit beweglichem Tenor eine Aura der Verletzlichkeit verleiht und der – nahezu im Dauereinsatz – eine bemerkenswerte Energieleistung zeigt; Günter Papendell dann als maliziöser Freund Thomas, der Bariton Claudio Otelli als polteriger Darsteller verschiedener Nazi-Schergen.

Allein die Sopranistin Rachel Harnisch ist dem sich aufdrängenden Orchesterklang gewachsen. Sie singt die Aue-Schwester Una mit packender Präsenz und macht dabei doch nur deutlich, wie musikalisch schwach diese Figur gezeichnet wurde.

Bleibt noch der Regisseur Calixto Bieito, dem der Ruf vorauseilt, gerne mit Blut, Schweiß und Sperma zu hantieren. Von Parras Musik zeigt er sich unbeeindruckt, einen simplen Raum setzt er ihr entgegen (Rebecca Ringst hat die Bühne gestaltet), dessen weiße Wände auf Beschmutzung warten. Aus einem Schlauch blubbert bald braune Soße, in der sich die Beteiligten wälzen dürfen, Uniform trägt niemand, der gestreckte Zeigefinger liefert die Imagination einer Schusswaffe: Bieito ist sichtlich bemüht, die Handlung ins Allgemeine zu heben. Dabei gelingen ihm eindringliche Bilder, es droht dabei aber auch eine Beliebigkeit, bei der man die Bezüge zu Littells Roman suchen muss und doch nicht findet. Vielleicht sollte man darüber froh sein.

In der kommenden Spielzeit wird die Produktion in Deutschland an bedeutungsvollem Ort zu sehen sein: in Nürnberg am Staatstheater, das wie das Teatro Real in Madrid das Werk mit beauftragt und dessen Bühnenumsetzung koproduziert hat.

Quelle: F.A.Z.
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