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Musikfestival von Luzern

Leiten Frauen ein Orchester anders als Männer?

Von Max Nyffeler, Luzern
Aktualisiert am 24.08.2016
 - 22:39
Frauenpower in Luzern: Elena Schwarz dirigiert, Della Miles singt und Olga Neuwirth hat das Stück geschrieben. Es heißt „Eleanor“.
Wenn die Primadonna den Takt vorgibt: Das Lucerne Festival stellt bei einem „Erlebnistag“ mit fünf Konzerten Verhaltensnormen, Vorurteile und Erscheinungsbilder zur Diskussion.

Können Frauen komponieren? Die Frage sorgte noch in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts für hitzige Diskussionen, und es brauchte erst den empirischen Beweis sogenannter Frauenmusiktage, um sie als erledigt abzuhaken. Aus den leicht sektiererischen Anfängen ist inzwischen leidliche Normalität geworden, und die Entwicklung geht weiter. Dabei handelt es sich um ein vorwiegend westeuropäisches Problem. Im kommunistischen Osten, wo die Frau schon immer in die Arbeitswelt eingebunden war, gab es bereits vor Jahrzehnten Komponistinnen von internationalem Ruf; die Polin Grażyna Bacewicz, die Rumänin Myriam Marbe oder die Russin Sofia Gubaidulina sind nur einige von ihnen.

Und bereits 1968 gründete in Posen die Dirigentin Agnieszka Duczmal eine Orchesterformation, das heute rundfunkeigene „Amadeus-Kammerorchester“; sie war auch die erste Frau, die das Orchester der Mailänder Scala dirigierte. Rennt deshalb das Lucerne Festival offene Türen ein, wenn es in diesem Jahr unter dem Motto „PrimaDonna“ den Akzent auf die Rolle der Frau in der Musik legt? Die Frage wäre berechtigt, ginge es um die Errichtung neuer Schutzzonen für angeblich benachteiligte Komponistinnen und Interpretinnen.

Mit eiskalter Geschmeidigkeit

Man kann das Motto aber auch andersherum lesen, nämlich als Zwischenbilanz einer doch recht erfolgreichen Entwicklung. Einen Hauch von Schulterklopfen hat aber auch das. Eine Geigerin wie Arabella Steinbacher, die nun als prima inter pares zusammen mit den Festival Strings Lucerne die tausendfach abgespielten „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi zu einem funkelnden musikalischen Fest werden ließ, hat positive Diskriminierung nicht nötig. Wie viele andere hat sie ihre Weltkarriere ganz ohne Girlie-Effekt und Frauenbonus, nur dank ihrer hohen musikalischen Intelligenz gemacht.

Bei den Dirigentinnen, denen man nun in Luzern einen „Erlebnistag“ mit fünf von Frauen geleiteten Konzerten widmete, sieht das noch etwas anders aus. Weibliche Orchesterchefs lassen sich an einer Hand abzählen, und wie bei einer Podiumsdiskussion zu erfahren war, blitzen Dirigentinnen meist bei den Orchestern und ihren Managern ab. Was nicht weiter erstaunt, denn wer einmal beobachtet hat, mit welcher eiskalten Geschmeidigkeit Orchestermusiker die Anweisungen eines Dirigenten, dessen Nasenspitze ihnen nicht passt, an sich abperlen lassen, kann sich vorstellen, was eine aufstrebende Dirigentin da erwarten kann.

Irritationen durch erotische Ausstrahlung

Das Lucerne Festival hat nun gezeigt, dass es auch anders geht, und damit eine Bresche in die festgefügten Fronten geschlagen. „Statt zu diskutieren, haben wir es nun einfach einmal gemacht“, sagt der Festivalindendant Michael Haefliger. Er verweist auf die hundertfünfzigjährige kollektive Erfahrung der Männer und schiebt eine kluge Bemerkung nach: Männer und Frauen sollten sich gegenseitig inspirieren - eine deutliche Absage an jedes Sektierertum. Das Eindringen der Frauen in diese traditionelle Männerbastion setzt ein beträchtliches Veränderungspotential frei und wirft grundlegende Fragen auf: Was ist anders am weibliches Dirigieren? Wie verändert sich die Musik? Wie stark muss sich die Frau den männlichen Verhaltensnormen anpassen, um mithalten zu können?

Das beginnt schon bei der visuellen Erscheinung. Bei einer extrem körperbetonten Tätigkeit wie dem Dirigieren spielt das Äußere, von der Konstitution bis zur Kleidung, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Erotische Ausstrahlung, beim Publikum ein hundertprozentiger Erfolgsfaktor, kann beim Orchestermusiker ebenso Irritationen auslösen wie eine zierlich gewachsene Dirigentin, die sich durch übermäßige Armbewegungen Respekt zu verschaffen versucht. Die Kamera- und Saalperspektive ist grundsätzlich verschieden von der Orchesterperspektive.

Mit mütterlicher Zuneigung

Den Einstieg geschafft hat die Litauerin Mirga Gražinyte-Tyla. Mit dreißig ist sie bereits Musikdirektorin am Salzburger Landestheater und tritt demnächst ihre Stelle als Leiterin des City of Birmingham Symphony Orchestra an. In Luzern dirigierte sie neben einem Werk ihrer Landsmännin Raminta Śerkšnyte die sechste Symphonie von Ludwig van Beethoven mit energischem Drive und einem feinen Sinn für Klanglyrik. Ihre weibliche Ausstrahlung weiß sie bewusst und unaufdringlich einzusetzen, und dass beim komplexen Zusammenspiel der Orchestergruppen nicht immer alles wackelfrei herauskam, ist wohl der kurzen Probenzeit mit dem Chamber Orchestra of Europe zuzuschreiben.

Es bestritt gleich noch ein zweites Konzert mit der estnischen Dirigentin Anu Tali, die zusammen mit der Pianistin Yulianna Avdeeva, Preisträgerin des Chopin-Wettbewerbs 2010, eine etwas zerdehnte Version des Klavierkonzerts in e-moll von Frédéric Chopin ablieferte. Dem Werk des Zwanzigjährigen ging die jugendliche Frische ab; bei männlichen Interpreten würden die liebevollen Ritardandi als pure Konvention eingestuft, bei Frauen assoziiert man unwillkürlich mütterliche Zuneigung. Die Prima Donna ist eben nicht nur eine Kunstfigur.

Ein Weg zu neuen Konzertformen?

Leichter haben es die Dirigentinnen in der zeitgenössischen Musik. Die Ensembles kennen keine Vorurteile, auch geht es hier nicht um den Einstieg in männlich geprägte Traditionen, sondern um die praktische Arbeit an neuen Partituren. Dirigentinnen wie Sian Edwards oder Susanna Mälkki leisten hier seit langem Vorzügliches. Auch beim Konzert unter der Leitung von Elena Schwarz mit drei großen Werken von Olga Neuwirth war etwas von dieser sachlichen Arbeitsatmosphäre zu spüren, während die griechische Dirigentin Konstantia Gourzi und die Amerikanerin Maria Schneider auf unterschiedliche Weise einen subjektiv-bekenntnishaften Zug ins Spiel brachten.

Während viele Dirigentinnen noch auf der Suche nach dem passenden Rollenverständnis sind, stellen sich bei der Sopranistin Barbara Hannigan solche Fragen nicht mehr. Ihr Auftritt als singende Dirigentin in einer vom Publikum gestürmten öffentlichen Probe mit Werken von Alban Berg und George Gershwin zeugte von einer Souveränität und kommunikativen Lockerheit, wie sie nur eine bühnenerfahrene und zudem musikbesessene Künstlerin zustande bringt. Vielleicht öffnet sich hier ein Weg zu jenen neuen Konzertformen, von denen man sich heute die dringend nötige Erneuerung des Klassikbetriebs erhofft.

Quelle: F.A.Z.
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