„Lulu“ am Berliner Ensemble

Das ist die Liebe der Marionetten

Von Irene Bazinger
14.04.2011
, 16:49
Herb süß im Design: Bob Wilson inszeniert Frank Wedekinds „Lulu“ am Berliner Ensemble. Angela Winkler spielt die Titelrolle - nicht als männerfressendes Monster, sondern als ätherische Kunstfigur.

Die gute Nachricht zuerst: Robert Wilson hat wieder am Berliner Ensemble inszeniert. Ach, und welches Stück? Völlig egal. Das ist die weniger gute Nachricht. Aussehen tun nämlich alle seine Aufführungen ziemlich ähnlich, und unter ihrer blankpolierten Oberfläche ist recht eigentlich höchstens apart gestaltete Leere anzutreffen.

Ob Büchners „Leonce und Lena“, Shakespeares „Wintermärchen“ oder Brecht/Weills „Dreigroschenoper“ - die Zutaten sind schon lange nicht mehr frisch, und Wilsons Forschergeist begnügt sich mit den seit Jahrzehnten wohl bekannten Arrangements, die in immer selteneren Fällen Überraschungen, Entdeckungen, Begeisterung auslösen. Höchstens stellt sich noch die Frage, welche Musik er dazu serviert und ob ein renommierter Komponist verpflichtet wurde.

Diesmal widmete sich Robert Wilson Frank Wedekinds „Lulu“ und entwarf dafür in bewährter Weise Bühnenbild und Lichtkonzept. Die New Yorker Rocklegende Lou Reed steuerte über ein Dutzend neuer Songs und sonstige Musik bei. Die E-Gitarren wummerten massiv wie einst bei „The Velvet Underground“, doch lockerten etliche melancholische, klaviergestützte Balladen diesen harten Stoff auf. Der Rest des rund dreistündigen Abends stammte aus Wilsons immergrünem Regie-Baukasten: viele Szenen im Gegenlicht, gespreizte Bewegungen in Zeitlupe, eine raffiniert ausgefeilte Tonspur und eindrucksvoll präzise Beleuchtungseffekte.

Weg durch ein surreales Nirgendwo

Das tadellos einstudierte Ensemble spielt keine Figuren, sondern zappelt in einer so hübschen wie beliebigen Choreographie nonverbaler Chiffren. Diese Marionetten waren weiß geschminkt, trugen geschmackvolle Kostüme, hatten wenig Text und grinsten - deswegen oder trotzdem - häufig sehr breit. Sie sangen auch mit mehr oder minder Erfolg oder konzentrierten sich, wie der formidable Alexander Lang als Dr. Schöning, Lulus Förderer und später einer ihrer Ehemänner, auf einen beredten Sprechgesang.

Kleine Zwischenszenen zeigten die einerseits quicklebendige, andererseits tot genannte Lulu, wie sie zwischen hellen Wänden stand, lag, sprach, und hoben die Chronologie von Wedekinds „Monstretragödie“ punktuell auf. Das eindrucksvollste Bild in all der austauschbaren Raumornamentik lieferte der in Paris situierte vierte Akt. Er fand hier auf einer perspektivisch verjüngten Straße in einer flachen, völlig leeren Landschaft statt. Nur Zypressen säumten diesen Weg durch ein surreales Nirgendwo, über dem fünf prächtige Lüster hingen.

Küsse bleiben in der Luft hängen

In der Mitte der Fahrbahn tänzelnd, kämpfte Lulu ihr letztes Gefecht gegen den Untergang. Das mädchenhafte Lachen, die unverstellte Sanftheit und das Vertrauen in ihre Ausstrahlung indes werden bis zum Schluss nicht verschwunden sein. Wie in einem leichten, wundersamen Traum schwebte Angela Winkler durch diese Inszenierung, der sie ein urwüchsiges, herb-süßes Zentrum gab. Mit über sechzig Jahren ist ihre Lulu für diese Rolle zwar beträchtlich älter als zu erwarten, doch im Zeichensystem des Robert Wilson eine schillernde, bestens eingefügte Größe.

Da werden die Leidenschaften mit strategischer Finesse umzingelt, nie erfasst, die Begierden höchstens verbalisiert oder bevorzugt ins Mikrophon gerockt, Küsse bleiben in der Luft hängen, niemand zieht sich aus: Die Liebe hat viele Gesichter, und deshalb verdreht nun eben eine elegante, erfahrene Dame Männern und Frauen die Köpfe. In diesem Designtheaterkosmos aber sind alle gleich, auch wenn niemand weiß, warum und wozu. Gegen derlei stets sauber und niedlich herausgeputzte l'art pour l'art haben freilich weder Frank Wedekind noch seine „Lulu“ eine Chance, wirklich wahrgenommen zu werden.

Quelle: F.A.Z.
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