Ballett „Der Liebhaber“

Jenseits von Asien

Von Wiebke Hüster
01.03.2021
, 16:49
Marco Goeckes Ballett „Der Liebhaber“ nach dem Roman von Marguerite Duras ist ganz großes Tanzkino – zunächst im Internet.

Die Musik ist der Fluss, auf dem Marco Goeckes Tanz sich forttragen lässt. Wie Stromschnellen, herabhängende Äste, im Wasser liegende Felsen und Untiefen, Schluchten und Wasserfälle, wie unterirdische Strömungen wirken die literarischen Motive, die das Boot seines Handlungsballetts durch eine geheimnisvolle Landschaft tragen. Spiegelt sie das Innere des Choreographen? Das Wundervolle ist, dass er sich durch die Berührung mit einem literarischen Stoff dazu hat bewegen lassen, Figuren durch ein Eigenleben die Freiheit zu schenken.

Goecke hat Marguerite Duras’ Roman „Der Liebhaber“, angesiedelt Anfang der dreißiger Jahre in der französischen Kolonie Indochina, in ein Ballett verwandelt und mit der Vermählung von Goecke- und Duras-Figuren eine dritte, hybride Bühnen-Spezies entstehen lassen. Zu sehen, wie der Choreograph dabei das Gefängnis seiner eigenen Bewegungs-Idiosynkrasien verlässt, ist phantastisch. Was sich so oft bei ihm zu verselbständigen schien – das Ausstellen zuckender nackter Rückenmuskulatur, das autoerotische Fuchteln von Armen, die beklemmende ständige Über-Spannung der Extremitäten, das unverhältnismäßige Am-Platz-Verharren –, fügt sich hier plötzlich mit größerer Ruhe, neuer Differenziertheit und phantasiereicheren Variationen des Bekannten zu einer Sprache.

Die Vergangenheit des heutigen Vietnams beschwört das Stück zunächst akustisch herauf. So klug und atmosphärisch sensibel begleitet die Collage aus Stimmengewirr und dem Lärm der Straße, aus alten vietnamesischen Gesängen und sinfonisch-leidenschaftlicher Musik von Debussy, Ravel, Boulanger, Unsuk Chin und Chopin das Bühnengeschehen, dass man mitgerissen wird wie im Kino. An dieser starken musikalischen Umarmung, in die der Tanz sich schmiegt, und an dem zugleich simplen wie dramatischen Stoff des Romans liegt es, dass die Choreographie entlang einer klugen Dramaturgie die Essenz des Ganzen herausarbeiten kann. Anders als bei vielen der Choreographien, in denen sich Marco Goecke an tanzgeschichtlichen Motiven und Vorbildern wie „Nussknacker“, „Le chant du rossignol“ oder „Nijinsky“ abarbeitete, ohne recht beweisen zu können, worin der ästhetische Gewinn jenseits auffallender Manierismen hätte liegen sollen, fällt in diesem Ballett alles an seinen Platz. Zuletzt war das so, als Goecke 2012 mit Louis Stiens das Ballett „Dancer in the Dark“ nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier schuf.

Hat sie ihn geliebt?

Auch die einfache Geschichte von Duras eignet sich phantastisch für ein zeitgenössisches Handlungsballett. Ein armes fünfzehnjähriges französisches Mädchen beginnt ein Verhältnis mit einem zwölf Jahre älteren reichen chinesischen Mann. Beide flüchten in die sexuelle Beziehung wie in ein geteiltes inneres Exil, in dem sie das Unglück durch ihre Herkunft vorübergehend nicht erreicht. Das Mädchen vergisst in der Lust die bedrückenden Umstände ihres Lebens als Halbwaise mit einer psychisch instabilen Mutter und zwei Brüdern, von denen der eine gewalttätig und ebenso Drogen wie einer Spielleidenschaft verfallen ist. Ihr Liebhaber, der tiefe, und wie sich am Ende herausstellt, nie erlöschende Gefühle für sie entwickelt, entflieht auf Zeit der Aussicht auf ein traditionell vorbestimmtes Leben unter dem despotischen Vater und einer strategisch ausgesuchten Frau an seiner Seite.

Nichts außer den Gefühlen des Liebhabers ist von Dauer. Beginnt die Geschichte mit der Begegnung der beiden auf dem Fluss, so besteigt das Mädchen am Ende wiederum ein Schiff, das sie nun aber nach Europa tragen wird. Hat das Mädchen ihn geliebt? Das Ballett gibt darauf so wenig eine Antwort wie der Roman. Aber es führt tiefer als das sich deprimierend im Kreis bewegende Buch in diese Fragen hinein: Wie zeigt sich Liebe? Wie lässt sich überwinden, was an kindlicher Unglücksprägung vorhanden ist?

Die Charakterisierung der Figuren und ihrer Verhältnisse gelingt Goecke auf beeindruckende Weise. Den Beginn ihrer sexuellen Beziehung beschreibt ein Tanz, der vibriert, zittert, eine beinahe technische Annäherung an die Lust ausmalt. Viel später erst, wenn die Abreise des Mädchens feststeht, umarmen sich die beiden wirklich. Als gemalter Prospekt in Schwarzweiß ergießt der Mekong anfangs seine Wasser auf die Bühne, später rollt dort unter düsteren Wolken die schwarze Limousine des Chinesen entlang. Ein Gitter trennt das Straßenleben Saigons von dem schattigen Liebesversteck. Rauch und nochmals Rauch hüllt die kranke Beziehung der Mutter mit dem süchtigen Sohn ein. Sie werden sich nie daraus hervorkämpfen. Auf der Website der Staatsoper Hannover ist das neue Werk ihres Ballettdirektors noch dreißig Tage lang kostenlos zu sehen. Es ist Marco Goeckes beste Aufführung je, und man muss dafür der Staatsoper Hannover die Türen einrennen, sobald das wieder erlaubt ist.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot