Puccinis „Tosca“ in Wien

Antichristbaumschmuck

Von Reinhard Kager
20.01.2022
, 22:25
Die Ästhetik des Schocks beherrscht alles: Nach heftigen Folterungen durch die Schergen des Polizeipräsidenten Scarpia wird Mario Cavaradossi  (Jonathan ­Tetelman) einfach auf seine Geliebte Floria Tosca (Kristine Opolais) geworfen.
Auf den Tenor Jonathan Tetelman als Cavaradossi sollte man Acht geben. Auch Marc Albrecht dirigiert Giacomo Puccinis „Tosca“ erfreulich unpathetisch. Aber was der Regisseur Martin Kušej am Theater an der Wien macht, bleibt ein Rätsel.
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Theater, Festivals und Konzertveranstalter haben es gegenwärtig schwer. Zumal die österreichische Bundesregierung lax und mit ständig wechselnden Regeln durch die Corona-Pandemie trudelt. Soeben musste die Salzburger Mozart-Woche abgesagt werden, weil den örtlichen Behörden das Risiko des Andrangs angesichts der Omikron-Viren zu hoch ist. Die Wiener Staatsoper strich zu Jahresbeginn etliche Vorstellungen wegen Covid-19-Erkrankungen im Ensemble, ebenso das Theater in der Josefstadt. Auch das Theater an der Wien blieb nicht verschont. Bereits 2020 konnte die groß angekündigte „Fidelio“-Inszenierung von Hollywood-Star Christoph Waltz nur als Livestream gezeigt werden, und nun wäre beinahe die neue „Tosca“ ins Wasser gefallen, denn wenige Tage vor der Premiere erkrankte der Dirigent Ingo Metzmacher. Zum Glück konnte mit Marc Albrecht ein überaus erfahrener Operndirigent als Ersatz gewonnen werden.

Hörbar akribisch vorbereitet, reißt das ORF Radio-Symphonieorchester Wien – um mit dem künstlerisch Bemerkenswertesten des Abends zu beginnen – schon in den ersten Takten mit dem dunklen Scarpia-Motiv ein vibrierend-bedrohliches Szenario auf. Albrecht hält die Zügel fest in der Hand, lässt die RSO-Musiker hart, kantig und durchsichtig spielen, sodass diese „Tosca“ wohltuend unpathetisch klingt. Dazu trägt auch ein federndes, exakt musiziertes Brio bei. Und an den zarten Stellen der Oper fehlt jeder Anflug von falscher Sentimentalität. So gelingt Albrecht und dem RSO Wien gleichsam ein von der Moderne geprägter Gegenentwurf zum philharmonischen Wohlklang in der nahe gelegenen Staatsoper, wo noch immer die 1958 in der Ära Karajan entstandene „Tosca“-Inszenierung Margarethe Wallmanns gezeigt wird.

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In einem klerikalfaschistischen Staat

Entsprechend zeitgenössisch will Martin Kušej seine Neuinszenierung präsentieren: Ein karges Schneefeld im riesigen Milchglaskubus bestimmt die gesamte Oper. Keine Kirche, keine Paläste. Inmitten dieser Winterlandschaft platziert Bühnenbildnerin Annette Murschetz eine knorrige, kahle Eiche, an deren Ästen abgetrennte Gliedmaßen hängen. Angelehnt an diesen Antichristbaum ist ein Kreuz mit einem Marienbild, vor dem Tosca, ungerührt von den Gräueln, alsbald ihr Gebet verrichten wird. Indem Kušej die Rollen des Mesners und des Gendarms Sciarrone (Rafał Pawnuk) zusammenlegt und von einem schwarz vermummten, wild um sich schießenden Killertrupp begleiten lässt, erweckt er den Eindruck, als spiele das Geschehen in einem klerikalfaschistischen Staat, in dem nur noch Mord und Terror regieren.

Wie aber passt eine Operndiva wie Floria Tosca in dieses Endzeitszenario? Gibt es in solch einer anarchischen Situation überhaupt noch funktionierende In­stitutionen? Zumal selbst der Palazzo Farnese, in dem der zweite Akt der Oper eigentlich spielt, zu einem aufgeklappten Campingwagen geschrumpft ist. Um dieser Inkonsistenz zu entgehen, lässt Kušej im ersten Akt Tosca mit einem knallgrünen Knautschledermantel auftreten. Ist sie etwa eine Popsängerin? Dazu ist das Kostüm von Su Sigmund viel zu harmlos. Oder bloß ein Starlet? Nie wird in Kušejs diffuser Inszenierung klar, was diese Figur eigentlich bewegt. Selbst ihr tief empfundenes Bekenntnis, „Vissi d’arte“, darf Kristine Opolais nur mit dem Rücken zum Publikum singen. Dass sie dann auch bereitwillig die Beine breitmacht, noch vor Scarpias frivolem Angebot – Cavaradossis Leben gegen Sex –, entlarvt Kušejs Blick auf die Protagonistin als nahezu frauenfeindlich.

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Anstatt die Figuren und deren Beziehungen zueinander durch präzise Personenregie klar zu konturieren, flüchtet sich der auch als Burgtheaterdirektor ziemlich glücklos agierende Regisseur in oberflächliche Schockmomente, wie bei der lautstarken Folterung Cavaradossis, der am Ende blutüberströmt auf die am Boden liegende Tosca geworfen wird. Eine künstlich eingeführte Figur sorgt für zusätzliche Verwirrung: Die Marchesa Attavanti, in Giuseppe Giacosas und Luigi Illicas Libretto nur textlich als Helferin ihres Bruders Angelotti (Ivan Zinoviev) erwähnt, tritt in einer stummen Rolle auf (Sophie Aujesky), erst im Marienmantel, dann als Folteropfer Scarpias. Am Ende erschießt sie Tosca. Aber warum? Eine Beziehung zu Cavaradossi wird nicht gezeigt; von Toscas durch Scarpia erpressten Verrat des Verstecks ihres Bruders kann sie nicht Kenntnis haben.

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Überaus erfreulich hingegen sind die gesanglichen Leistungen, die hörbar machen, um wie viel tiefer die Musik Puccinis die Figuren ausleuchtet. Als Cavaradossi sticht der junge chilenische Tenor Jonathan Tetelman hervor. Präzise mit dem Orchester phrasierend, rhythmisch stets genau, besticht er durch die klare, fokussierte Stimme, die auch in den Höhenlagen noch mit metallischem Volumen glänzt. Ein fabelhaftes Debüt im Theater an der Wien und ein Versprechen für eine große internationale Zukunft. Der lettischen Sopranistin Kristine Opolais liegen die lyrischen Passagen der Tosca deutlich besser als die dramatischen, in denen sie oft ein zu starkes Vibrato zu Hilfe nimmt.

Gábor Bretz singt einen tadellosen Scarpia, der von der Regie als dunkle, treibende Figur allerdings am meisten im Stich gelassen wird. Kušej wollte den zweifellos vorhandenen filmischen Aspekt der „Tosca“ schärfen und die Oper nahe an den Sadismus in „Das Schweigen der Lämmer“ rücken. Herausgekommen ist dabei leider nur ein schlechtes, energieloses „kleines Fernsehspiel“. Was das Publikum zu Recht mit einem wahren Buh-Orkan quittierte.

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Quelle: F.A.Z.
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