„Michael Kohlhaas“ in Berlin

Ich kann kein Werkzeug sein!

Von Simon Strauß
05.07.2021
, 09:15
Er wollte Gerechtigkeit, und sollte die ganze Welt daran zugrunde gehen: Michael Kohlhaas, an der Schaubühne gespielt von Renato Schuch (sitzend).
Simon McBurney und Annabel Arden adaptieren Kleists „Michael Kohlhaas“ an der Berliner Schaubühne. Neben dem projizierten Grauen fehlt dieser Produktion eine wirkliche Ahnung fürs Böse.
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Neulich am Ufer des Sternhagener Sees, einem der schönsten Gewässer Brandenburgs: Ein heißer Frühsommerabend, die Schwalben schießen durch die Luft, der Staub kreist müde im Wind. Auf dem Weg zum Fischrestaurant noch ein kurzer Sprung ins Wasser. Man hat sich das Handtuch schon umgelegt, als von dem angrenzenden – nicht ausgeschilderten – Mini-Campingplatz ein übergewichtiger Glatzkopf mit Grillzange in der Hand angetrabt kommt und ruft: „Haben Sie einen Berechtigungsschein? Ohne den dürfen Sie hier nicht schwimmen.“ Erst vermutet man einen schlechten Witz, aber dann verweist der Mann auf ein verstecktes Schild oben an einem Baum: Da prangt einschüchternd das Wort „Privatgelände“ und fordert sofortigen Gehorsam. Man streitet noch kurz, fühlt Scham über die öffentliche Demütigung in sich aufsteigen und zieht dann mit dem unbestimmten Gefühl, Unrecht erfahren zu haben, von dannen. Das war so ein Kohlhaas-Moment. Ganz aus dem Nichts heraus, ohne Vorwarnung: Da behauptet ein Stärkerer sein Recht und verweigert den Durchgang, die freie Bewegung. Später dann ein Anruf bei der lokalen Behörde: Nirgendwo kann einer Auskunft geben über einen etwaigen Berechtigungsschein am Sternhagener See.

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Heinrich von Kleist schildert in seiner 1810 geschriebenen Novelle „Michael Kohlhaas“ so einen Fall: Der dreißigjährige Pferdehändler Kohlhaas wird von einem unbedeutenden Provinzadligen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen – „ein Passschein sei nötig“ – an der Durchfahrt gehindert und erfährt im Verlauf dieses eigentlich nichtigen Anlasses die peinigende Wucht des Unrechts. Aus einer Laune heraus zwingt der Junker Wenzel ihn dazu, seine Pferde als Pfand abzugeben, und lässt sie in seiner Abwesenheit schinden. Kohlhaas ruft die Gerichte um Hilfe an, schildert den Fall, beruft sich auf Paragrafen, hält sich zunächst korrekt ans Verfahren – aber die Offiziellen antworten ihm nur, er sei ein „Querulant“ und solle die Sache auf sich beruhen lassen. Als dann noch seine Ehefrau bei dem Versuch, sich für ihn gütlich zu einigen, von einer Wache des Adligen tödlich verletzt wird und unter seinen Augen stirbt, wird Kohlhaas zum Racheengel. Mit einer Schar Knechte zieht er brandschatzend durchs Land und fordert grausam Gerechtigkeit: dass seine Gäule wieder dickgefüttert würden und er Entschädigung erhielte für seine Verluste.

Heute nicht mehr als ein Gedankenspiel

Zu Beginn der theatralischen Adaption von Simon McBurney und Annabel Arden deklamiert Moritz Gottwald einen Satz aus Kleists Korrespondenz, der klingt wie von einem Anti-Corona-Demonstranten: „Ich soll tun, was der Staat von mir verlangt, und doch soll ich nicht untersuchen, ob das, was er von mir verlangt, gut ist. Zu seinen unbekannten Zwecken soll ich ein bloßes Werkzeug sein – ich kann es nicht.“

Der Ausruf verspricht einen aufwühlenden Abend über die zurzeit wieder dringende Frage nach der Mündigkeit des Einzelnen und seinem das Gemeinwohl sichernden Gehorsam gegenüber einer höheren Instanz. Wer Kleists auf realen Geschehnissen basierenden „Kohlhaas“ betrachtet, gerät zwangsläufig zwischen die Fronten rechtsphilosophischer Auslegungskämpfe. Die Rechtfertigung der Gewalt des unbeugsam Einzelnen gegenüber dem repressiven Herrschaftssystem macht Kleists Novelle für zeitgenössische Adaptionen anziehend und abstoßend zugleich. Denn mehr als mit dem Gedanken an Widerstand spielen darf und will man heute nicht mehr.

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Was diesem Abend fehlt

Und weil das so ist, scheitert auch die geschickt kuratierte Adaption des britischen Regieduos, die über eine visuelle Verharmlosung von Kleists Werk nicht hinausgeht. Denn auch, wenn die Worte des Dichters hier ohne Anbiederung oder Diffamierung gesprochen werden, bleiben sie ohne Hall. Sie gehen unter im Umfeld einer stimmungszappeligen Atmosphäre, die von Toneinspielungen, OH-Projektionen, Videosequenzen und den rasanten Kostüm- und Gestuswechseln des Ensembles bestimmt wird. Von Standmikrofonen und Notenständern verdeckt, von Kameras und Tonverstärkern umringt, fehlt den Darstellern jeder Freiraum fürs Spiel. Stattdessen drücken sie Haltungen nur aus und stellen Abläufe dar. Allein Robert Beyer gelingt hin und wieder ein spielerischer Ausbruch.

Das, was bei Kleist in jener erstaunlichen Mischung aus Drama, Roman und Chronik an Handlung immer geheimnisvoller und undurchdringlicher geschildert wird, wirkt hier wie ein demonstrativ durchinszeniertes Live-Hörspiel. Kleists Gleichnis über das Recht des politischen Widerstands wird dabei effektvoll aufbereitet und verständlich gemacht, aber durchdrungen und dringend wird es nicht. Wenn es im Text (jedoch nicht in der inszenierten, von der Dramaturgin Maja Zade verantworteten Fassung) einmal heißt, dass die Beweggründe des Protagonisten für jeden leicht zu verstehen seien, der in „seiner eigenen Brust Bescheid weiß“, so wird unmittelbar offensichtlich, was diesem Abend fehlt: eine Dramatik jenseits des Effekts, neben dem projizierten Grauen (Fotografien von ausgemergelten Pferdekadavern) eine wirkliche Ahnung fürs Böse – damit man die herrschaftliche Willkür spürt und ein Empfinden entwickelt für den rasenden Rachehass des geschädigten Untertanen. Während sein Rechtsgefühl erst „einer Goldwaage“ gleicht, wird es ihn später „zum Mörder und Räuber“ machen.

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Eigentlich sollte Feuer sein

Ein bisschen kokettiert der dunkelbärtige Renato Schuch als Kohlhaas mit der prototypischen Ikonografie des terroristischen Islamisten, dann wieder fühlt er sich offenbar Edward Snowden nahe, während auf Bildschirmwänden links und rechts eher schüchtern Demonstrationsszenen aus der Gegenwart laufen und das Dresden um 1600 mit dem Dresden von 1989 gleichgesetzt wird.

Kleist wollte mit seinem Text den Widerstandsgeist gegen Napoleon wecken. Er wollte gegen die unbedingten Gehorsam fordernde absolutistische Staatslehre die mittelalterliche Ehrenpflicht hochhalten, sich gegen ungesetzliche Handlungen der Obrigkeit zu wehren. Das Geschäft der Rache, das Kohlhaas nach dem Vertragsbruch des Herrschers unternimmt, lässt ihn glauben, er führe einen „gerechten Krieg“. Dass seine wütende Notwehr selbst Unrecht ist, darf ihm nur ein Martin Luther sagen: Gott allein habe das Recht, den weltlichen Herrscher für seine Missetaten zu strafen, lautet dessen mahnendes Urteil. Doch kann selbst das Kohlhaasens „Krieg gegen die Gemeinheit der Menschen“ nicht aufhalten.

McBurney und Arden begegnen dem feinen Pathos ihrer Vorlage mit einer oberflächlich gestalteten Bilderflut. Ihre Medienfantasie nutzt sich schnell ab, und so bleibt am Ende dieses Theaterabends eine seltsame Kühle zurück, wo eigentlich Feuer sein sollte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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