Theatersolo zu Transhumanismus

Wo steckt das Ich?

Von Simon Strauss
02.01.2021
, 22:06
Datenwolken sterben nicht, Menschen schon: Michael Maertens verhandelt in einem Wiener Soloabend die Phantasmen der digitalen Flucht aus dem Körper.

Diese Produktion ist „nur in den eigenen vier Wänden zugelassen“. Das steht so im Abspann. Sie darf also nicht draußen gezeigt werden, nicht dort, wo die Sonne scheint und der Regen fällt. Nicht dort, wo Menschen sich versammeln. In keinem Kino, auf keinem Festival und schon gar nicht in einem Theater. Denn die sind und bleiben geschlossen, allen guten Neujahrswünschen zum Trotz. Also: nur in den eigenen vier Wänden darf man es anschauen.

Von dort aus hatte man zuvor schon drei Videos aufgenommen, angeleitet vom Burg-Schauspieler Michael Maertens, der anbot, die anonymen Teilnehmerinnen und Teilnehmer damit auf geheimnisvolle Weise „in ein Theaterpublikum zu verwandeln“. Also: dreißig Sekunden so schauen, als ob gerade etwas sehr Interessantes geschehe, dreißig Sekunden schallend lachen, als ob jemand gerade etwas sehr Lustiges gesagt hätte, dreißig Sekunden die Augen schließen, als ob man im Theater eingenickt wäre. So tun als ob. Der Inbegriff des Theaters.

Jetzt, da auch das Theater in Quarantäne ist und nicht besucht werden darf, muss man ihm helfen, muss seinen Verwandlungszaubertrick selbst versuchen, damit er nicht ganz vergessen geht. Wofür ist das Theater da? Um das Sterben einzuüben, die Wartezeit bis zum Tod mit Erzählungen zu überbrücken. „Das Theater ist ein Ort, an dem wir gemeinsam in Echtzeit sterben“, sagt Michael Maertens mit unbewegtem Gesicht in die Kamera. Das sagt er noch als er selbst, als Schauspieler Maertens, der aus einer bekannten Darstellerfamilie stammt und den Zweifel quälen, „ob er nicht schon zu viel gespielt habe“.

Aber gleich wird er zu Mark O’Connell werden, dem irischen Sachbuchautor, der einen Bestseller über die Sehnsucht geschrieben hat, „unsterblich zu sein“. Auf diesem Buch basiert der Abend beziehungsweise der Stream, die digitale Live-Vorstellung, die Maertens vor hundert Zuschauerinnen und Zuschauern gibt, deren Gesichter – mal schlafend, mal lachend, mal interessiert – auf hundert iPads im Zuschauerraum des Kasinos im Wiener Burgtheater zu sehen sind.

Wenn die Technologie die Biologie überholt

Das verhandelte Thema ist der Transhumanismus, jene technospirituelle Bewegung, die den menschlichen Körper als ein Problem ansieht, das darauf wartet, gelöst zu werden. Es geht um Optimierung, um die Maschinisierung jener fleischlichen Hülle, in die wir gesperrt sind – so empfinden es manche, die in einer modernisierten Variante der katholischen Seelenlehre von frei flottierenden, in digitale Wolken geladenen Versionen unserer Selbst träumen. Ray Kurzweil ist so einer, der Leiter der technischen Entwicklung bei Google. Er wirbt dafür, dass Menschen Teile ihres Bewusstseins über die sozialen Netzwerke hochladen und so lückenlose Charakterprofile erstellen, die irgendwann einmal unabhängig von ihren Körpern brauchbar sein sollen. Dann hätte die Technologie endlich die Biologie überholt. Dann wäre die Seele aus ihrem Käfig („my body is a cave“) ausgebrochen.

Auf einem iPad stellt Maertens alias O’Connell Leute wie Kurzweil vor. Cyborgs, die sich Messgeräte unter die Haut transplantieren, um die Heizung automatisch angehen zu lassen, wenn ihre Körpertemperatur sinkt. Oder die amerikanische Firma Alcor, die einen menschlichen Körper unmittelbar nach seinem Tod einfriert und in flüssigem Stickstoff lagert, damit er in etwa zweihundert Jahren wieder aufgetaut und sein Bewusstsein durch einen sogenannten „Mind-Upload“ in einen anderen Körper überführt werden kann. Man darf wählen, ob man nur seinen Kopf oder den ganzen Körper einfrieren lassen will.

Maertens unterbricht seinen kleinen Parforceritt durch das futuristische Hochland immer wieder mit kleinen präsentischen Schauspielgesten zu ebener Erde. Immer wieder schaut er etwa auf seine Armbanduhr und sagt stolz die exakte Uhrzeit an, um zu beweisen, dass das hier in Wirklichkeit, also „live“ geschehe.

Dann wieder packt ihn plötzlich die Angst, dass alle schon gegangen seien, ihm von zu Hause niemand mehr zuschauen, er auf seiner Bühne völlig allein sein könnte. Er bittet um Nachricht, ein Lebenszeichen im Chat. Die Menge antwortet: „Ich bin noch da.“ Aber das könnten auch Roboter sein, programmierte Maschinen. Woran erkennt man den Menschen? „Wie werden Sie sterben?“, fragt Maertens ins digitale Dunkel hinein. Es dauert etwas, aber dann ploppen nach und nach Antworten auf: „Allein“, „Auf dem Erdboden liegend“, „Durch Selbstmord“. Der banalisierte Turing-Test verlangt noch nach einer Gegenprobe: „Und was ist 3757 durch 33?“ Keine Antwort. Also keine Maschinen, sondern echte Menschen, die da am anderen Ende der Wlan-Leitung sitzen und zuschauen. Menschen mit einer freien Vorstellungskraft und überschaubaren Rechenkünsten.

Maertens Performance dauert knapp fünfzig Minuten, und am Ende ist man viel weniger von dem fasziniert, was sie behandelt, als von dem, was ihr fehlt. Da steht ein Schauspieler am Silvesterabend und tut alles dafür, sein Publikum zu erreichen, irgendwie doch eine Reaktion zu bekommen auf sein Spiel. Es ist der verzweifelte Versuch eines Theaterdarstellers, sein Selbstbewusstsein nicht zu verlieren. das von der Wirkung lebt, die er unmittelbar erzeugen kann.

„Was ist denn eigentlich ein Ich?“, fragt Maertens einmal und schickt die ihm aufgetragene, wenig glaubhafte Antwort hinterher: „Nichts als ein Haufen Atome.“ In Wahrheit beantwortet sich die Frage für den Schauspieler doch von selbst: Nur wenn sein Ich auch ein anderes sein kann, nur, wenn es uneigentlich bleibt, ist es etwas. Und eben nicht nichts. Das ist der Zaubertrick des Theaters. Dadurch bleibt es am Leben. Auch über die nächsten, düsteren Wochen des neuen Jahres hinweg.

Nächste Online-Vorstellung am 3. Januar. Mehr Informationen unter burgtheater.at/diemaschineinmir

Quelle: F.A.Z.
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