Musikfest in Aix-en-Provence

Mild und leise aus der Métro

Von Anja-Rosa Thöming, Aix-en-Provence
21.07.2021
, 11:40
Zwischen des Meeres und Liebe Wellen: Nina Stemme (Isolde) und Stuart Skelton (Tristan).
Das Musikfest in Aix-en-Provence läuft noch bis zum 25. Juli. Die ungewöhnlich moderne Inszenierung der beiden Nachtstücke Monteverdi und Wagners „Tristan und Isolde“ begeisterten das Publikum.
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Nun, da Himmel und Erde und Wind schweigen / Und Schlaf die wilden Tiere und Vögel beruhigt, / führt die Nacht ihren bestirnten Wagen auf die Bahn ...“ Die Verse von Francesco Petrarca hat Claudio Monteverdi im sechsstimmigen Madrigal mit Instrumenten zu einem Gesang tiefer Sehnsucht geformt. Er bildet den Auftakt für ein Nachtstück, das dem diesjährigen Musikfest von Aix-en-Provence eine aparte Facette hinzufügte; von einem anderen Nachtstück, Richard Wagners „Tristan und Isolde“, soll später die Rede sein.

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Vor dem reizenden Theaterchen Jeu de Paume aus dem achtzehnten Jahrhundert sammeln sich Connaisseure (männlich, weiblich, divers) der Alten Musik, um Werke von Monteverdi, Cavalli, Rossi, Merula aus einer wahrhaft blühenden Phase musikalischer Lyrik und Dramatik zu hören. Die Thematik „Nacht, Tod und Trauer“ bedeutet keine Eintönigkeit der Affekte, ganz im Gegenteil. Der musikalische Leiter der Montage, Sébastien Daucé, hat aus reichhaltiger barocker Literatur vielfältige Kostbarkeiten zusammengestellt.

Da ist die große Szene „Il Combattimento di Tancredi e Clorinda“ nach Torquato Tassos „Das befreite Jerusalem“, ein Parforceritt großer Emotionen in der Musik Monteverdis (1624, gedruckt 1638). Der Kampf des Kreuzritters Tankred mit der in männlicher Rüstung verborgenen Heidin – und Geliebten – Clorinda rührte einst das humanistisch gebildete Publikum zu Tränen. Dem Berichterstatter (Testo) kommt die herausragende Rolle zu, den Instrumenten aber die herzergreifende Gestaltung des Zorns, des Kampfes, des Erschreckens, des endlich gefundenen Friedens.

Spannung zwischen dem Tod und der Hoffnung auf Erlösung

Mit lebhafter Diktion und klangvoll dunkler Stimme erobert sich der Tenor Valerio Contaldo die Rolle des Testo. Zuerst die feindselige Gegenüberstellung der Kontrahenten, dann ein magisches Innehalten beim Beschwören der Nacht: „O Nacht, die du im tief dunklen Innern die Heldentat mit Vergessen zudecktest“, einem verzierten Gesang, der in seiner Intensität an Orfeos Singen im Angesicht der Unterwelt erinnert. Ihm folgt die gestische Schilderung wütender Schwerthiebe, in harten Schlägen und schnellsten Tonrepetitionen. Erstmals in der Musikgeschichte setzt Monteverdi zur Steigerung der Dramatik heftige Pizzicati und Tremoli ein. In der wunderbaren Akustik des kleinen Theaters ist einem das Ensemble Correspondances körperhaft nahe.

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Dem unerbittlichen Kampf folgt die überraschende Wendung: Clorinda erbittet sterbend von Tancredi das Sakrament der Taufe, woraufhin sie vor Freude lacht und Frieden findet. Für eine säkulare Weltsicht mag dies ein Skandalon sein, daher bietet die Regisseurin Silvia Costa einen modernen Überbau an: Black Swan Theory. So bezeichnet die Wirtschaftswissenschaft das Vorkommen extrem unwahrscheinlicher, auch katastrophaler Ereignisse, die zu zeitweisen Paralysen führen. Doch lässt sich solch eine Metaebene auf der Theaterbühne kaum einlösen. Jedenfalls nicht begleitet von Requisiten wie Urnen, Kindersärgen, Laserschwertern. Die kommen gegen die extreme innere Spannung nicht an, die so viele Werke des siebzehnten Jahrhunderts kennzeichnet. Viel besser funktioniert szenisch ein schlichtes Tableau, in dem die Madrigalisten in schwarzem Habit mit altertümlichen weißen Kragen singen.

Die Spannung zwischen Tod auf der einen und Hoffnung auf Erlösung auf der anderen Seite ist nicht „historisch“, sondern den Werken immanent. Tarquinio Merulas geistliches Wiegenlied „Hor ch’è tempo di dormire“ ist äußerlich ein Schlaflied über einem wiegenden Bass aus den zwei Tönen einer kleinen Sekunde. Doch trägt es den ganzen Schmerz Marias über das Schicksal ihres Kindes, des Erlösers, in sich. Wie die Sopranistin Caroline Weynants das singt, ist hoch musikalisch und zugleich ergreifend schlicht.

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Wagners Sehnen und Wähnen zwischen Penthouse-Wohnung und Métro

Als Pierre Audi vor zwei Jahren die Intendanz in Aix übernahm, sprach er: „Das Publikum sollte sich darauf einstellen, dass das Festival ein Ereignis ist und nicht die Verlängerung eines Abendessens auf einer Landhaus-Terrasse.“ Stehende Ovationen und rhythmisches Klatschen nach der Aufführung von „Tristan und Isolde“ im Grand Théâtre de Provence bekräftigen, dass das Publikum sogar bereit war, Richard Wagners Ereignis anstelle des Abendessens zu schlucken. Und das lag nicht zuletzt an einer intelligenten, zuweilen ironischen Regie, die mit allem Mythenhaften, allem Pathos brach.

Dafür bot die Inszenierung des australischen Teams – Simon Stone (Regie), Ralph Myers (Bühne), Mel Page (Kostüme) – ein Konzept filmischer Bewegung, das frappierend gut zu Wagners durchkomponiertem Sehnen und Wähnen passte (Filmkünstler Luke Halls). Schon während des Vorspiels läuft auf der Bühne eine Rahmenhandlung; Schauplatz ist eine Penthouse-Wohnung mit riesigen Fenstern und Blick auf die nächtliche Großstadt. Nach einer ausgelassenen Party bemerkt Isolde, dass Tristan sich für eine andere Frau interessiert. Mit Beginn der Handlung suggerieren aufgewühlte graue Nordseewellen einen Ortswechsel auf ein Schiff und zugleich den Blick in Isoldes erregtes Inneres. Das Meer ist fantastisch fotografiert. Später fliegen Seevögel durchs Bild, der verhasste Hafen mit König Marke kommt näher und nach dem Trinken des Liebestranks die blassen Lichter der Mole.

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Auch im zweiten, dem Liebes-Akt, große Atelier-Fenster mit stürmischen Wolken, glühendem Abendlicht, dann fliegende nächtliche Wolken im Mondlicht, später die Morgendämmerung. „O sink hernieder, Nacht der Liebe“ – die von Wagner vorgegebene zeitliche Bewegung findet ihre Entsprechung im filmischen Vergehen von Zeit. Die Bewegung fürs Auge tut wohl, sie stellt sich den sängerischen und orchestralen Aufschwüngen zur Seite. Der Clou kommt im dritten Akt mit dem Wechsel ins Innere eines Pariser Métro-Waggons. Dunkelheit rast vorbei, dann eine Haltestelle „Porte des Lilas“. Ein Straßenmusiker kommt herein, spielt die traurige Weise auf dem Englischhorn. Die anderen Passagiere kümmern sich nicht um den delirierenden Tristan.

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Bei der Station „Hôpital St. Louis“ steigt Isolde ein, etwas Neues bahnt sich an: Mit dem Abgesang „Mild und leise, wie er lächelt“ entlässt sie Tristan aus der Beziehung und verlässt bei „Châtelet“ gelöst die Métro. Das großartige London Symphony Orchestra spielte unter der Leitung von Simon Rattle etwas zu laut; Isoldes Liebestod geriet ein wenig zu breit, so dass die herrliche Nina Stemme mehr stemmen musste, weniger „schlürfen“ konnte als gewünscht. Stuart Skelton schlug sich als Tristan bravourös.

Quelle: F.A.Z.
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