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Musikfilme

Klassik hat ihre Zukunft vor sich

Von Max Nyffeler
Aktualisiert am 28.03.2020
 - 19:35
Brucknerfenster im Dom von Linz: Moderne Technik baut aus Beethovens Schnipseln ein großes Werk und macht Bruckner wieder quicklebendig.
Kompositionen von Künstlicher Intelligenz, 8K-Übertragung, Streaming im ZDF: Die neuen Spitzenprodukte des Musikfilms eröffnen unzugängliche Kulturräume.

Die Uraufführung von Beethovens zehnter Symphonie soll, falls die gegenwärtige Infektionswelle bis dahin abflaut, am 28. April 2020 stattfinden, gespielt vom Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung seines Chefdirigenten Dirk Kaftan. Was nach Fake News klingt, wurde schon im vergangenen Dezember in Bonn unter Trommelwirbeln verkündet. Kürzlich kam das Thema an einem „Innovation Day“ im Rahmen der Berliner „Avant Premiere“, des alljährlichen Treffens der internationalen Produzenten, Vertriebe und Sender von Musikfilmen, abermals auf den Tisch. Michael Schuld vom Bonner Konzern Telekom, sekundiert von Matthias Röder, dem Leiter des Eliette und Herbert von Karajan Instituts Salzburg, informierten über den Versuch, aus wenig viel zu machen und mit einem Team von Computerspezialisten und Musikfachleuten aus den spärlichen Skizzen Beethovens zu seiner zehnten Sinfonie ein viersätziges Werk zu klonen. Was an Universitäten und in der Hightech-Industrie schon seit längerem erforscht wird, soll erstmals an einem prominenten Beispiel öffentlichkeitswirksam demonstriert werden: der Einsatz der Künstlichen Intelligenz.

Die Maschine erlernt die in den Beethoven-Schnipseln gespeicherten logischen Zusammenhänge und strukturellen Merkmale und extrapoliert daraus längere musikalische Abläufe, die Spezialisten beider Sparten sorgen dafür, dass sie vom Beethoven-Pfad nicht allzu weit abweicht. Die in Berlin vorgestellten Hörbeispiele waren mäßig attraktiv. Die maschinelle Zeugung hat übrigens noch einen aleatorischen Effekt: Wenn das sich selbst steuernde Computerprogramm seinem kalkulatorischen Trieb freien Lauf lässt, kann es unendlich viele Varianten des Beethoven-Avatars erzeugen. Der müßigen Frage, ob das Kunst sei, wichen die beiden Projektleiter aus. Sie sind Realisten. Für sie liegt die Bedeutung des Unternehmens nicht im Ästhetischen, sondern in der Methode – in der Zusammenarbeit von künstlerisch denkenden Menschen mit Künstlicher Intelligenz. Dabei können sie mit Recht behaupten, dass hier mit einer neuen Form von Kreativität experimentiert wird. Doch für diese Einsicht braucht es kein Beethoven Orchester, dazu genügen auch Midi-Files.

Wo die Zukunftsmusik spielt

Ein anderer Schwerpunkt des „Innovation Day“ lag auf der neuen Produktions- und Übertragungsnorm 8K. Hinter dem Kürzel verbirgt sich eine hochauflösende Bildtechnik, ergänzt durch einen luxuriösen Raumklang mit 22 Kanälen mit zwei Tieftönern. Sie vermittelt ein Seh- und Hörerlebnis von bisher unerreichter Realitätsnähe. Die von einem Firmenkonsortium unter Führung der japanischen Fernsehgesellschaft NHK entwickelte Technik sollte bei den Olympischen Spielen in Tokio erstmals im internationalen Maßstab eingesetzt werden, bevor diese wegen der Corona-Krise verschoben wurden.

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Beethoven 2020
Die unvollendete Sinfonie bald vollendet?

In Japan selbst strahlt NHK bereits zahlreiche Musikprogramme in 8K aus und geht dazu in Europa auf Einkaufstour, stets mit Blick auf den japanischen Publikumsgeschmack. Er wird bedient mit großer Symphonik von Johannes Brahms und Anton Bruckner und mit Aufnahmen aus beliebten Touristendestinationen. Favoriten sind die Musikstadt Venedig, das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker oder die Ballette „Nussknacker“ aus Sankt Petersburg und „Giselle“ aus Paris. In Zusammenarbeit mit Unitel entsteht der erste Beethoven-Zyklus in 8K mit den Wiener Philharmonikern und Andris Nelsons. Die neue Technik ist noch weit vom Massenmarkt entfernt, für die Big Player aber schon heute ein Ort, wo die Zukunftsmusik spielt. Während die Globalisierung der europäischen Klassik voranschreitet, entwickeln sich abseits des großen Klassikgeschäfts Märkte, die kulturell ganz anders ausgerichtet sind.

Eine Waffe gegen die Gewalt

Es gehört zu den Vorzügen der vom Internationalen Musik- und Medienzentrum Wien veranstalteten „Avant Premiere“ mit letztens rund sechshundert Teilnehmern aus der ganzen Welt, dass sie solche Fenster auf entfernte Medienlandschaften öffnet. So konnte man erfahren, dass an der Universität der Stadt Mexiko mit ihren 350.000 Studierenden ein hochschuleigener Fernsehsender namens UNAM existiert, der die Konzerte von drei universitären Symphonieorchestern aufzeichnet und teilweise live sendet. Er ist landesweit auch über das Internet zu empfangen, und die sonntäglichen Konzertübertragungen stoßen auch in den angrenzenden Regionen der Vereinigten Staaten auf lebhaftes Interesse. Als Mitglied der Asociación de Televisión Educativa Iberoamericana mit Sitz im spanischen Valencia kann UNAM seine Programme zudem in ein internationales Netzwerk einspeisen und erreicht damit bis zu zwanzig lateinamerikanische Länder. Neben der Musik decken die Produktionen alle kulturellen Sparten sowie den Wissenschaftsbereich ab. „Kulturprogramme sind die beste Waffe gegen die im Land grassierende Gewalt“, sagt Iván Trujillo, der Generaldirektor des Senders, der selbst auch Filme zu Umweltfragen dreht, und mit Blick auf das Thema Geschlechtergerechtigkeit betont er die Wichtigkeit entsprechender Sendungen, schließlich seien die Mexikaner doch berühmt für ihren Machismo.

Was Europa angeht, ist eine bevorstehende Neuerung beim ZDF zu erwähnen. Wenn die letzten Hürden in der Umsetzung des vor einem Jahr beschlossenen Telemediengesetzes genommen sind, baut der Sender seine Mediathek zu einem reinen Streaming-Sender im Internet aus. Adressaten sind die Nichtfernseher. „Wenn wir diejenigen, die im Netz oder in einer anderen Art von Kultur zu Hause sind, erreichen wollen, müssen wir uns auf sie zubewegen. Die werden nicht auf uns zukommen“, sagt der Musikverantwortliche Tobias Feilen. Es gehe aber nicht um eine Reduktion der Klassik zugunsten anderer Sparten, sondern um neue Darstellungsformen: „Die Inhalte, für die wir stehen, werden wir nicht verleugnen.“ Sein Wort in Gottes Ohr.

Die Basis des klassischen Musikfilmgeschäfts bilden Opern- und Konzertaufzeichnungen, doch die Königsdisziplin ist noch immer die Dokumentation. Trotz der vergleichsweise hohen Kosten entstehen immer wieder vorzügliche Künstler- und Komponistenporträts. Das Feld lässt sich grob in zwei Kategorien einteilen: Einerseits gibt es den aktuellen, zur Reportage tendierenden Film wie das Porträt der russischen Ausnahmetänzerin Natalia Osipova, andererseits die gut recherchierte Dokumentation, oft mit historischem Hintergrund. Dazu gehört beispielsweise eine biographische Studie über Anton Bruckner von Reiner E. Moritz. Sie glänzt mit reichhaltigem, auch seltenem Bildmaterial und mit Kommentaren namhafter Wissenschaftler und stellt den als weltfremd geltenden Komponisten in ein überraschend lebendiges Licht. Eine dritte Kategorie sind Dokudramen oder Spielfilme wie „The Zurich Liaison“ über das Liebesverhältnis zwischen Richard Wagner und Mathilde Wesendonck. Wie sich nun bei der „Avant Premiere“, die auch eine Handelsbörse ist, gezeigt hat, ist das Interesse an solchen Dokumentationen groß. Der Musikfilm hat seine Zukunft noch vor sich.

Quelle: F.A.Z.
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