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Streit um Musikfestival

Martha Argerich spielt hier nicht mehr

Von Jan Brachmann
 - 15:30
Remagen-Rolandseck, Blick über den Rhein zum Bahnhof Rolandseck und Arp Museum zur blauen Stunde.

Eine öffentliche Erklärung ging dieser Tage bei mancher Redaktion, auch bei dieser Zeitung, ein, die gute Chancen gehabt hätte, übersehen zu werden, wenn sie nicht von einer Reihe der namhaftesten Musiker unserer Zeit unterschrieben worden wäre: Martha Argerich, Mischa Maisky, Gidon Kremer, Alfred Brendel, Elisabeth Leonskaja, Elena Bashkirova. Darin heißt es: „Voller Bestürzung haben wir erfahren, dass die Johannes-Wasmuth-Gesellschaft ab 2020 in den Räumen der Landesstiftung Arp Museum Bahnhof Rolandseck keine Konzerte mehr veranstalten darf. Die Johannes-Wasmuth-Gesellschaft und Torsten Schreiber haben zusammen mit den auftretenden Künstlerinnen und Künstlern auf wunderbare Weise die von Wasmuth begonnene Arbeit fortgesetzt. Es ist von immenser Wichtigkeit, dass die Genannten diese Arbeit auch in 2020 und darüber hinaus in den Räumen der Landesstiftung Arp Museum Bahnhof Rolandseck fortsetzen können“.

Eine ganze Phalanx musikalischer Prominenz muss hier aufgeboten werden, weil die Wasmuth-Gesellschaft sich anders nicht mehr zu wehren weiß gegen das, was mit ihr geschieht. Der Direktor des Arp-Museums im Bahnhof Rolandseck, Oliver Kornhoff, hatte der Wasmuth-Gesellschaft – so erzählt es Torsten Schreiber – im Februar 2019 mitgeteilt, dass der gemeinsame Kooperationsvertrag über die Veranstaltung von Konzerten im Bahnhof Rolandseck nicht über den 31. Dezember 2019 hinaus verlängert werden solle. Einen Tag später konnte man in den Zeitungen bereits lesen, dass Villa Musica, die rheinland-pfälzische Landesstiftung für den musikalischen Nachwuchs, der neue Partner für die Konzerte des Arp-Museums sei. Ein Wechsel, der offenbar schon länger geplant worden war, denn bereits im September 2018 soll das Arp-Museum für das Beethovenjahr 2020 einen Förderantrag eingereicht haben, bei dem schon Villa Musica als neuer Kooperationspartner genannt wird. Rein rechtlich ist das alles durchaus zulässig, denn zwischen der Wasmuth-Gesellschaft und dem Arp-Museum bestand ein befristeter Kooperationsvertrag, der nun von einer Seite schlicht nicht mehr verlängert wurde.

Menschlich allerdings liegt da viel im Argen. Der Bahnhof Rolandseck in Remagen, 1858 fertiggestellt, sollte in den sechziger Jahren abgerissen werden. Der Galerist und Kunstsammler Johannes Wasmuth setzte sich von 1964 an für den Erhalt des Gebäudes ein und nutzte es als Wohnung, Galerie und Atelier. Künstler wie Oskar Kokoschka und Hans Arp kamen dorthin, Günther Uecker zimmerte ein Bett, das sich Wasmuth und die damals ganz junge Pianistin Martha Argerich – so erzählt es Torsten Schreiber – eine Zeitlang teilten. Argerich arbeitete im Bahnhofsgebäude gemeinsam mit dem Pianisten Stefan Aschekenase an Wilhelm Furtwänglers altem Flügel. Auch der Geiger Yehudi Menuhin fand sich ein. Der Bahnhof Rolandseck wurde – wie es die Pianistin Elisabeth Leonskaja, die dort auch gern Zeit verbrachte, nannte – zu einem „Künstlerhotel“, wo man wohnen, arbeiten und vor allem feiern konnte, besonders im Anschluss an die Konzerte, die Wasmuth meistens in Bad Godesberg oder in der Bonner Beethovenhalle veranstaltete.

Zu einem öffentlichen Konzertort aber wurde der Bahnhof erst, nachdem Wasmuth, der das Arp-Museum mit vorbereitet hatte, 1997 gestorben war. Nach der Sanierung des Bahnhofs und seiner Wiedereröffnung 2004 sollte auch die Musik weiter ihren Stellenwert im Haus behaupten. Nachdem aber das Museum seine Zuschüsse für die Konzerte im Jahr 2015 von hundertzwanzigtausend auf achtzigtausend Euro absenkte, war man froh, die Konzertveranstaltungen an die neugegründete Wasmuth-Gesellschaft auslagern zu können. Sie organisierte die Konzerte nämlich überwiegend ehrenamtlich und sparte dadurch Kosten, ohne das Niveau einbrechen zu lassen. Denn aufgrund der lange gewachsenen persönlichen Verbindungen kamen weiterhin die namhaften Solisten und Ensembles nach Rolandseck; die künstlerische Leitung lag erst in den Händen des damaligen Konzertmeisters der Berliner Philharmoniker, Guy Braunstein, dann der Geigenvirtuosin Mihaela Martin, die zugleich Dozentin an der Barenboim-Said-Akademie in Berlin wie der Kronberg Academy ist.

Das Rolandseck-Festival hatte also keine Probleme beim musikalischen Niveau und war auch recht gut besucht. Die Wasmuth-Gesellschaft bekam nach eigener Aussage von Oliver Kornhoff alle Jahre Lob für die schönen Konzerte zu hören und war dann verwundert zu erfahren, sie habe ihre Programme nicht genügend auf die Bedürfnisse und Inhalte des Arp-Museums abgestimmt. Kornhoff sagt, er habe der Wasmuth-Gesellschaft seit längerem zu verstehen gegeben, der Bahnhof Rolandseck sei kein Konzertsaal wie jeder andere in Rhein-Region, so dass er auch programmatisch nicht mit den eingeführten Konzertorten konkurrieren, sondern eigene Veranstaltungsformen, eigene Inhalte entwickeln müsse. Mit der Wasmuth-Gesellschaft, die an alten, großen Namen und traditionellen Formen hänge, sei das schwer machbar. „Unsere innovativen, zukunftsorientierten Wünsche lassen sich“, so Kornhoff, „mit Villa Musica viel besser umsetzen“. Dazu gehört die Abstimmung der Konzertprogramme auf die Inhalte der Sonderausstellungen, dazu gehört auch die Bespielung des gesamten Geländes bei Kindertagen und Jugendkonzerten. Die Offenheit dafür habe er, sagt Kornhoff, eher bei der Villa Musica und deren künstlerischem Leiter, dem Cellisten Alexander Hülshoff, gefunden.

Torsten Schreiber widerspricht dieser Darstellung: Derlei Wünsche seien nie an die Wasmuth-Gesellschaft herangetragen worden. Eine Abstimmung auf bildkünstlerische Programme habe es, zuletzt 2019 mit dem Motto „Verklärung – Magie des Lichts“, auch schon gegeben. Und keineswegs habe man nur „mit alten Künstlern“ zusammengearbeitet, sondern ebenso mit jungen Stipendiaten der Barenboim-Said-Akademie und der Kronberg Academy.

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„Wir haben uns keineswegs gegen alte Musiker entschieden“, wendet Kornhoff ein, „sondern für einen neuen Partner, um die Musik in Rolandseck zukunftsfähig zu machen“. Zukunftsfähig heißt vor allem: finanziell stabil. Villa Musica ist wie das Arp-Museum eine Landesstiftung in Rheinland-Pfalz, die Wasmuth-Gesellschaft hingegen ein privater Verein. Die Landesregierung, die in diesem Streitfall schon um Prüfung und Vermittlung angerufen wurde, hat natürlich an den „Synergien“ zweier ihrer Stiftungen vitales Interesse. Für das ehrenamtliche Engagement der Wasmuth-Stiftung aber ist das eine Enttäuschung und für Nachahmer nicht gerade motivierend.

Villa Musica wird im Musikleben des Landes immer dominanter. Im Mainzer Musiksommer ist sie, nachdem der Südwestrundfunk sein Engagement reduzierte, sehr präsent, beim Festival RheinVokal ebenfalls und nun auch in Rolandseck. Überall gibt Alexander Hülshoff eigene Konzerte, ist also, sehr synergetisch, Veranstalter und Gast in einem. Die Programme, die Hülshoff für die Saison 2020 in Rolandseck geplant hat, sind klug durchdacht und einladend. Dass für die Wasmuth-Gesellschaft künftig aber kein Platz mehr sein soll, versteht man von außen nicht so ganz. „Wir hatten der Wasmuth-Gesellschaft all die Jahre programmatische Exklusivität zugesagt und wollen das nun auch mit Villa Musica so halten“, begründet der Museumsdirektor Kornhoff diesen Umstand.

Wie es aussieht, verhindert vor allem fehlendes menschliches Einvernehmen einen sachlich möglichen Kompromiss. So aber wird künstlerisch etwas Gewachsenes ausgerissen und durch etwas Gemachtes, das bloßem Pragmatismus gehorcht, ersetzt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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